Paul Schaffer
Le Soleil Voilé...
Französische Originalausgabe
erschienen in Paris 2002
in den
Éditions des Écrivains
147-149 rue de Saint-Honoré
F-75001 Paris
Als ich in Auschwitz war...
Bericht eines Überlebenden
[Arbeitstitel]
Übersetzung der deutschen Ausgabe
Dr Ingrid Schupetta
NS-Dokumentationsstelle
der Stadt Krefeld
Girmesgath 120
47803 Krefeld
Widmungen:
Ohne die beständige Zuwendung und die Ermutigung durch meine Frau wäre es mir nicht gelungen, die Niederschrift meines Berichtes zu ertragen und zu beenden.
Ich widme dieses Buch ganz besonders meinem Enkel Adrien-Benjamin, damit er seine Herkunft besser kennenlernt und sich daran orientieren kann.
Das wünsche ich auch allen anderen Kindern seiner Generation.
Verstand ohne Erinnerung ist wie eine Festung ohne Wälle.
Danksagung für die deutsche Ausgabe:
Bei der Vorbereitung der deutschen Ausgabe waren einige Fachleute gefragt. Mein namentlicher Dank gilt
Edna Brocke, Leiterin der Alten Synagoge in Essen, Rainer Fröbe, Historiker in Hannover und Werner Renz, Dokumentar am Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt.
Inhalt
Seite
| Titel | 1 |
| Widmungen | 2 |
| Inhalt | 3 |
| Simone Veil Vom Überleben der Erinnerung | 4 |
| Vorbemerkung | 15 |
| 1) Meine Kindheit in Wien | 16 |
| 2) Flucht nach Belgien und Ankunft in Frankreich | 36 |
| 3) Leben im Exil | 43 |
| 4) Verhaftung und Deportation | 53 |
| 5) Die Lager Tarnowitz und Schoprinitz | 66 |
| 6) In Auschwitz-Birkenau | 75 |
| 7) Kommando Siemens-Schuckert in Bobrek | 90 |
| 8) Evakuierung, Flucht und Befreiung | 99 |
| 9) Rückkehr nach Frankreich | 112 |
| 10) Mein Leben nach der Deportation | 121 |
| 11) Leben mit der Erinnerung | 131 |
Simone Veil
Vom Überleben der Erinnerung
Sechzig Jahre nach seiner Verhaftung und nach seiner Deportation beschloss Paul Schaffer seine Geschichte aufzuschreiben, die sie jetzt lesen werden und die trotz ihrer Einzigartigkeit beispielhaft ist. Beispielhaft, weil die Ereignisse, die sein Leben erschütterten, in gleicher Weise das Leben zahlreicher Heranwachsender erschütterte, die die Deportation überlebten, deren Familien aber meist vollständig ausgelöscht wurden, nur weil sie jüdisch waren.
Aus Frankreich wurden 76 000 Juden deportiert, weniger als 2551 kehrten zurück, von denen die meisten junge Frauen oder junge Männer waren. Nach der Rückkehr aus den Lagern trafen sie ihre Familie und Freunde nicht mehr an. Sie hatten kein Geld und auch keine persönlichen Erinnerungsstücke an ihr vorheriges Leben. Wenn es nicht die Deutschen waren, die die Wohnungen ihrer Eltern vollständig ausgeräumt hatten, so hatten sich die Nachbarn bedient.
Ihre einzigen Andenken waren in ihren Herzen und in ihren Köpfen: das frühere Glück, eine behütete Kindheit, die durch die Deportation brutal abgebrochen und durch das Verschwinden aller ihrer Lieben in den Gaskammern endgültig beendet wurde. Zu den guten Erinnerungen kamen die schlechten, die an Übergriffe und Gewalt, an die Unmenschlichkeit der Welt der Konzentrations- und Vernichtungslager, aus der sie wie durch eine Wunder herausgekommen waren.
Sie hatten keine herkömmliche Schullaufbahn und waren zu jung für eine Berufsausbildung gewesen. Für Ersatz mussten sie selber sorgen, genauso wie für die Wiedereingliederung in ein bürgerliches Leben. Es war nicht einfach, in ein normales Leben zurückzukehren, nicht einmal den Anschein von Normalität hervorzurufen.
Oft haben sie sehr schnell eine Familie gegründet, selbst wenn sie wussten, dass diese niemals diejenige ersetzten konnte, die im Strom der Geschichte untergegangen war. Um wieder Geschmack am Leben zu finden, brauchten sie eine Atmosphäre der Geborgenheit und des persönlichen Glücks. Sie suchten das wiederzugewinnen, was sie vorher kennengelernt hatten. Trotzdem hat die Erinnerung an ihre schmerzliche Vergangenheit niemals aufgehört die Überlebenden heimzusuchen, selbst wenn sie lange Zeit kaum darüber gesprochen haben.
Wenn einige es vorgezogen haben, ihr Schweigen zu wahren, so mag es daran liegen, dass sie sich nicht in der Lage sahen, Vergangenheit und Gegenwart in Übereinstimmung zu bringen, und dass sie die Last ihrer Erinnerung nicht auf ihre Angehörigen übertragen wollten. Andere wurden zum Schweigen gebracht, weil sie nach ihrer Rückkehr auf Unglauben oder Gleichgültigkeit stießen. Hinter dieser Gleichgültigkeit verbarg sich in Wirklichkeit die Schwierigkeit der „anderen“ die Distanz und das Unverständnis zu überwinden, dass sie von den Heimkehrern trennte. Eine scheinbar unüberwindliche Mauer entstand so zwischen ihnen und den ehemaligen Deportierten, die aus einer Welt zurückgekommen waren, die nichts Menschliches mehr hatte, von denen man sagen könnte, sie wären auf der andern Seite der realen Welt gewesen.
So blieb dieser Teil der Geschichte während langer Jahre nur unter uns, den ehemaligen Deportierten, lebendig. Wir trafen uns und redeten unermüdlich über das, was uns zugestoßen war - in einer mehr oder weniger verschlüsselten Sprache. Wieder und wieder haben wir über unsere Erinnerungen gesprochen, die Geschwisterlichkeit wiedergefunden, die uns ermöglichte, zu überleben, die grausamsten Momente heraufbeschworen, uns oft darüber lächerlich gemacht - auch unter uns war das die einzige Art und Weise, überhaupt darüber reden zu können. Die Deportation hat das Gefühl entstehen lassen, zu einer anderen, einer fremden Welt zu gehören. Was immer auch unsere Gegensätze und Unterschiede sein mögen, unsere gemeinsam erlebte Erfahrung führt dazu, dass wir das Leben aus einem anderen Blickwinkel sehen als die anderen Menschen.
Die Jahre sind vergangen, die Zeiten haben sich geändert. Neue Generationen kamen. Sie sind besser als wir selbst im Zuhören, weil sie weniger direkt betroffen sind. Sie sind neugierig, und sie brachten uns zum Reden. Als wir älter wurden, wurde uns bewusst, dass es eine Notwendigkeit ist, was wir als Zeitzeugen gesehen und erlebt haben weiter zu vermitteln, damit es seinen Platz in der Geschichte einnimmt. So haben wir die Herausforderung zu reden angenommen: auch angesichts unserer Kameraden, die unter unsäglichen Bedingungen starben - damit man sie nicht vergisst. Auch wenn unsere Berichte lange Zeit verschmäht gewesen sind und von den meisten Historikern zurückgewiesen wurden, weil die einzelnen Opfer notwendigerweise nicht die ganze Wahrheit wissen können, und sie von daher als unglaubwürdig eingestuft wurden, so gibt es doch mehr und mehr ehemalige Deportierte, die das Wort oder die Feder ergreifen.
Der Wunsch, auf die Verbreitung der These Auschwitz und die Shoah habe es nie gegeben, zu antworten, ist ein Motiv die Aussagen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu sammeln, solange es noch Zeit ist. Ein anderes Motiv ist das Anliegen, die Darstellung der Shoah nicht nur Filmen und Romanen zu überlassen, die sich mitunter doch recht weit von der Wirklichkeit entfernen. Verschiedene Organisationen bemühen sich nun um die Dokumentation und Verleger sind eher bereit, die Berichte auch zu veröffentlichen.
Für Paul Schaffer war es vor allem Pflichtbewusstsein, das ihn dazu brachte, sein Werk zu schreiben und zu vollenden, wie groß auch immer die Schwierigkeiten und die Schmerzen dieser Arbeit und der Erinnerungen, die sie auslöste, gewesen sein mögen.
Es geht dabei nicht nur darum, über die besonders grausame Zeit seines Lebens zu berichten, die Verfolgung in Österreich, die Flucht nach Belgien, das Entkommen nach Frankreich, die Jahres des Lebens im Verborgenen, die Festnahme, die Deportation mit seiner Mutter und seiner Schwester, die bei ihrer Ankunft in Auschwitz vergast worden sind. Er schildert auch das Familienleben mit seiner Schwester, seinen Eltern und seinen Großeltern und allen anderen, die zu seiner Kindheit in Wien vor dem „Anschluss“ gehörten. Fast aus jeder Zeile seines Berichtes spricht seine Dankbarkeit für das Glück, das sie ihm geschenkt haben. Das Glück hat er im Grunde seines Herzens bewahrt, sicher mit einer gewissen Trauer, aber auch mit einer sehr großen Zärtlichkeit. Es war das einfache Glück eines kleinen Jungen im Schoße seiner Familie, das der Ferien, der langen Spaziergänge, der Naschereien bei den besten Zuckerbäckern. Es war auch die Schule und die Spiele mit seinen Kameraden, oder auch seine geliebte Briefmarkensammlung, an der er so hing, dass er sie heimlich mitnahm, als die Familie Österreich verlassen musste.
Das Unheil, das über seine glückliche Familie hereinbrach, erscheint desto dramatischer. Noch die Erinnerungen, die Jahrzehnte später zusammengetragen wurden, vermitteln die Verblüffung und die Verwirrung, die die völlig assimilierten (angepassten) deutschen und österreichischen Juden angesichts der Verfolgungen befiel.
Von allen diesen Ereignissen spricht Paul Schaffer mit Scharfsicht und ohne Zugeständnisse. Er schreibt ohne Selbstmitleid, nur mit der Sorge und der Pein, die er für die Seinen während der Prüfungen empfand, die der Tragödie vorausgingen.
Die Aufmerksamkeit, die er anderen, mehr als sich selber entgegenbrachte, erstaunt für einen Jungen seines Alters. Auch wenn seine Eltern voller Angst waren, sich verstecken und eine neue häusliche Umgebung schaffen mussten, der kleine Paul beklagt sich nie, er gibt sich nie geschlagen. Er interessiert sich für alles, lernt französisch und tischlern, als er nicht mehr zur Schule gehen kann. Die Beziehungen zu den Bewohnern von Revel, wo die Familie Zuflucht gefunden hatte, begünstigte das sehr. Einige Einwohner dieses kleinen Ortes im Südwesten Frankreichs haben die Familie Schaffer besonders mutig unterstützt. Paul Schaffer streicht heraus, welch wichtige Rolle die französische Polizei spielte. Die Ortspolizisten haben seine Familie verhaftet und waren besonders eifrig, ihn wiederzufinden, nachdem ihm eine kurze Zeit der Freiheit zugestanden worden war.
Wenn es um die guten und die schlechten Erinnerungen an Revel geht, spricht er viel lieber von den guten. Obwohl er nur knapp zwei Jahre in Frankreich gelebt hatte, kehrte er ohne zu zögern dorthin zurück, als er befreit worden war.
Ich habe Paul Schaffer während der Deportation kennengelernt. Ich weiß, das er seine Haltung, die ohne Verachtung und ohne Hass ist, nicht erst seit heute einnimmt. Er hat sie sich nicht für seinen Bericht zurecht gelegt. Sie zeigt seinen wahren Charakter, der sich nie von Gräueltaten, der Gewalt oder den Erniedrigungen des Lagers angezogen fühlte – was den Verdiensten seines Berichtes einen weiteren hinzufügt.
Wir haben uns zum ersten Mal Anfang Juli 1944 in Bobrek getroffen, einem kleinen Außenlager, dass einige Kilometer von Auschwitz-Birkenau, dem riesigen Vernichtungslager, entfernt lag. Es waren ungefähr dreihundert Deportierte, darunter nur etwa dreißig Frauen. Diese waren überwiegend bei Bau- und Planierungsarbeiten eingesetzt, während die Männer generell in der Fabrik arbeiteten. Das Lagergelände war sehr begrenzt, Frauen und Männer hatten die Gelegenheit sich zu treffen, sogar freundschaftliche Beziehungen einzugehen, obwohl das nicht erlaubt war. Diese Beziehungen haben bis heute angehalten, ganz besonders zwischen denen, die aus Frankreich deportiert worden waren.
Paul Schaffer war damals neunzehn Jahre alt. Obwohl er - bevor er im September 1943 nach Auschwitz kam - bereits seit einem Jahr in zwei anderen Arbeitslagern festgehalten worden war, hatte er sich seine menschlichen Qualitäten bewahren können, was ganz außergewöhnlich war. Es stand im schroffen Gegensatz zu der Atmosphäre der Gewalt, die im Lager herrschte. Seine Würde, seine Freundlichkeit gegenüber jedermann, eine gewisse Form von Höflichkeit, erscheint mir noch heute als der schönste Sieg über ein Lagersystem, das darauf ausgerichtet war, uns zu erniedrigen und auf das Dasein von Tieren zu reduzieren.
Sogar als er erfuhr, dass seine Mutter und seine Schwester, wie der größte Teil der Deportierten ihres Transportes, bei ihrer Ankunft in Auschwitz vergast worden waren, überließ er sich nicht dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Er wollte überleben, er hat sich dabei nie selbst erniedrigt, was immer auch geschah, und er hat stets nach Möglichkeiten gesucht, auch den anderen zu helfen. Auf Grund seiner Charakterstärke wusste er, wann der Moment gekommen war, Klugheit und Mut zu beweisen, um manchmal auch riskante Entscheidungen zu fällen, die ihm aber einer größere Chance des Überlebens zu geben schienen.
Alle, die in Bobrek gewesen sind, hatten es dem einen oder anderen glücklichem Umstand zu verdanken, dass sie in dieses Kommando gekommen waren. Für einige war es so, dass ihnen die Zuneigung oder das Mitleid eines der Verantwortlichen des Lagers nutzte, wie es bei mir Fall war. Soweit es Paul Schaffer betrifft, war er es selber, der seine Chance ergriff.
Um das zu erreichen, hatte er bei seiner Ankunft im Lager angegeben, dass er eine Ausbildung als Metallarbeiter hätte und dass er deswegen qualifiziert sei, in einer Fabrik zu arbeiten. Er verhielt sich nicht anders als die Mehrheit seiner Kameraden, die hofften, den schwersten Arbeiten auf diese oder ähnliche Art und Weise zu entkommen. Das mit der Ausbildung war natürlich nicht wahr. Zu dieser Behauptung brauchte Paul Schaffer eine große Portion Geistesgegenwart und Wagemut. Tatsächlich wusste er, dass er einen Test machen musste und dass dieser nicht sehr überzeugend ausfallen würde. Das war ganz offensichtlich der Fall, aber er muss etwas Besonderes an sich gehabt haben, einen Willen zum Leben, eine Gabe, dem Prüfer zu vermitteln, dass er in der Lage sein würde zu lernen.
In unserer kleinen Gruppe von Frauen war ein Mädchen, in das Paul Schaffer sich verliebt hatte. Er schlug ihr während des „Todesmarsches“ vor zu fliehen, weil er sie nicht in der Gefahr zurücklassen wollte. Sie wollte nicht mit ihm gehen, weil sie die Hoffnung hatte, ihren Bruder wiederzufinden, der ebenfalls deportiert worden war. Mit einigen Schwierigkeiten hat Paul Schaffer ihn tatsächlich im Lager Gleiwitz wiedergefunden, wo wir festgehalten wurden, bevor man uns in Züge verlud. Er selber schildert das Idyll mit diesem Mädchen, was mir meinerseits erlaubt, darauf zu sprechen zu kommen und zu sagen, wie sehr wir alle von der Liebe dieser beiden jungen Leute berührt waren. Diese sehr romantische Geschichte zeigte uns, dass selbst im Lager Platz war für reine und uneigennützige Gefühle. Sie löste bei uns allen Träume an die Dinge aus, die in unserem elenden Leben so sehr fehlten.
Als sich im Januar 1945 die sowjetische Armee Auschwitz näherte, wurden wir nach einem langen Gewaltmarsch in Richtung Westen transportiert. Er zögerte nicht, das Risiko auf sich zu nehmen und mit einem Kameraden aus dem Zug zu springen, weil er hoffte, dass er sich bis zur Ankunft der russischen Soldaten verstecken könne. Er wusste wohl, dass er auf der Stelle getötet werden würde, wenn die SS ihn wiederfände oder wenn ihn die Einwohner aus der Umgebung denunzierten. Nach einigen Tagen der Gefahr und des Herumirrens in der Gefechtszone wurde er befreit.
So entkam er mehreren Tagen des Transportes in offenen Waggons bei eisiger Kälte, in denen viele Deportierte an Hunger und Erschöpfung starben. Diese Flucht, die von der Mehrheit als zu riskant eingeschätzt wurde, verminderte die Dauer seiner Deportation um einige Monate, während Typhus und Hunger eine große Zahl von Deportierten noch ganz kurze Zeit vor dem Ende des Krieges dahinrafften. Dort wo einige zögerten oder zurückschreckten, hatte er den Instinkt sich zu sagen: „Ich habe eine Chance. Jetzt. Gleich. Ich muss sie nutzen.“
Der Bericht von Paul Schaffer endet nicht mit der Befreiung und der Rückkehr. Kaum in Frankreich angekommen, traf ihn der Schmerz zu erfahren, dass sein Vater im Krankenhaus von Revel gestorben war - kurz nach der Deportation seiner Frau und seiner Kinder. Von den Schwierigkeiten der folgenden Jahre, seinem Willen zu lernen und etwas zu unternehmen, spricht er wenig. Es war gewiss ein langer und schwieriger Weg für ihn in Frankreich, ohne Eltern und Verwandtschaft, ohne Beziehungen, ohne Geld, ohne Berufsausbildung, von Zeugnissen ganz abgesehen.
Er sagt nicht, wie viel Energie und Mut es ihm abverlangte, sich in einem Land einzugliedern, dass er nur durch das Leben in einer kleinen Stadt kannte. In Toulouse ließ er sich zum Ingenieur ausbilden. Die Ausbildung schloss er in einer Einrichtung der ORT (Organisation, Reconstruction, Travail – einer Hilfseinrichtung der Nachkriegszeit) ab. Er blieb dort einige Jahre als Lehrbeauftragter. Weil er sehr begabt war, hätte er eine Karriere in der Lehre machen können. Aber er war sich seiner Fähigkeiten bewusst und wünschte eine Anstellung, in der er mehr Verantwortung übernehmen konnte. Als Angestellter in einem kleinen Betrieb mit etwa zwanzig Mitarbeitern wurde er schnell Mitinhaber, später Chef des Unternehmens.
Als er dreißig Jahre später die Firma verkaufte, beschäftigte die Fabrik dreihundert Arbeiter und war eine der modernsten und wichtigsten Anlagen in ihrem Geschäftsbereich. Nicht ohne Bedauern traf er die Entscheidung, sich von dem zu trennen, was er in jahrelanger Arbeit mit einem ihm sehr gewogenen Mitarbeiterstab geschaffen hatte, aber er dachte an seine Familie und wollte sich auch anderen ihm wichtigen Dingen widmen, mit denen er sich bislang nicht so intensiv hatte beschäftigen können, wie er es sich gewünscht hatte.
Im Rahmen der Französisch-Israelischen Gesellschaft, deren stellvertretender Vorsitzender er geworden ist, arbeitet er inzwischen für die Freundschaft zwischen diesen beiden Ländern. Er verbindet so die Liebe, die er seiner Wahlheimat Frankreich entgegenbringt mit dem Glauben an Israel, dem Land, in dem er sich eigentlich nach der Rückkehr von der Deportation hatte niederlassen wollen.
Darüber hinaus beansprucht die Beschäftigung mit der Erinnerung an die Deportation und die Shoah seine Zeit. Er ist aktiv in verschiedenen Zusammenschlüssen von Deportierten. Als Zeitzeuge stellt er sich immer häufiger Bildungseinrichtungen zur Verfügung, damit die neuen Generationen, die jene Ereignisse nicht selber miterlebt haben, sie zur Kenntnis nehmen und wissen, was vorgefallen ist.
Aus diesen Begegnungen mit jungen Menschen ergibt sich für ihn selber eine große Bereicherung. Paul Schaffer weiß, wie er Aufmerksamkeit erhalten, mit Gefühlen umgehen sowie vertrauensvolle Beziehungen und ganz außergewöhnliche Freundschaften eingehen kann. Es ist eine herausfordernde und schwierige Aufgabe. Für alle ehemaligen Deportierten ist es heikel, von einer Vergangenheit, die schmerzhaft bleibt, zu berichten und dabei den richtigen Ton zu treffen, der die grausame Wirklichkeit schildert, ohne dass die jungen Seelen Schaden nehmen.
Wie spricht man über Ereignisse, die notwendigerweise sehr lange zurück zu liegen scheinen, wo doch das Fernsehen jeden Tag neue Konflikte und Tragödien auf diesem Planeten zeigt? Wie macht man den Schülerinnen und Schülern die Besonderheit der Shoah verständlich und wie hilft man ihnen daraus eine Lehre für heute zu ziehen, ohne der Vergangenheit Unrecht zu tun? Die Nüchternheit und die Wahrhaftigkeit des Berichtes von Paul Schaffer verleiht ihm eine besondere Qualität des Gefühls. Die Botschaft, die er verkündet, gewinnt dadurch nur an Wert.
Es besteht kein Zweifel daran, dass Paul Schaffer unter seinen erwachsenen Leserinnen und Lesern die gleiche Sympathie und das gleiche Einverständnis finden wird, wie unter den Kindern und Jugendlichen, zu denen er schon so oft gesprochen hat. Den Erwachsenen wie den Jugendlichen zeigt er das Beispiel eines jungen Mannes, der es geschafft hat, dem Unglück zu widerstehen, den Erniedrigungen und den Leiden des Lebens im Konzentrationslager, und der obendrein ein guter Mensch geblieben ist.
Für das Bild, das er von den ehemaligen Deportierten zeichnet, das Vertrauen in die Menschlichkeit, das er zu bewahren gewusst hat, sei ihm gedankt.
Vorbemerkung
Nur die Schrift kann das Gedächtnis an die Shoah, die Unbeschreibbare, über unser Leben hinaus bewahren und das Echo der Botschaft der Zeitzeugen erhalten. Mit dem Tod der letzten Überlebenden wird eine unschätzbar wertvolle Quelle der Erinnerung endgültig versiegen.
Der schriftliche Bericht ist unbestreitbar das wichtigste Mittel um die Wahrheit darüber zu aufzubewahren, was unsere Leiden, unsere Erniedrigungen und unsere Hoffnungen waren.
Er soll außerdem das unauslöschliche Andenken aller Opfer schützen, denen es nicht vergönnt war, ihren Lebenszyklus auf natürliche Weise zu vollenden.
Das Schreiben verlangte mir ab, schmerzliche Erinnerungen wieder auferstehen zu lassen, die ich gerne weiterhin tief in meinem Innersten verborgen gehalten hätte. Sie sind in meine Erinnerung eingebrannt, wie die Zahlen der Nummer aus Auschwitz auf meinem Arm eintätowiert sind, sie bleiben unauslöschliche Narben. PS
Wenn das Echo unserer Stimmen verklingt, werden wir vergehen. (Paul Eluard)
1 Meine Kindheit in Wien
In der Nacht des 27. November 1924 war es kalt in Wien. Die Straßen waren verschneit. Sechszehn Monate nach der Geburt meiner Schwester Erika entbanden Dr. Koch, unser Hausarzt, und eine Hebamme meine Mutter von ihrem zweiten Kind. Der Arzt beglückwünschte sie und sagte ihr, dass das Kind sehr gut entwickelt wäre, wie ein Säugling acht Tage nach der Geburt, worauf sie sehr stolz war. Unsere Mutter war gerade dreiundzwanzig Jahre alt. Wahrscheinlich machen Ärzte jungen Gebärenden häufig solche Komplimente.
Mein Großvater mütterlicherseits war zwei Jahre vor meiner Geburt gestorben. So erbte ich ganz selbstverständlich seinen Vornamen Paul, „Pessach“ das hebräische Wort für Passah. Die englische Übersetzung „Passover“ gefällt mit besser (etwas überwinden). Die Hindernisse, die ich während meiner Jugendzeit zu überwinden haben sollte, stellten sich als zahlreich heraus!
Meine Mutter erzählte mir oft voller Bewunderung von ihrem Vater. Aufgrund ihrer Erzählungen habe ich mir von ihm ein Bild gemacht, das ihn als starken, großen und vor allem sehr klugen Mann zeigte. Eine der Anekdoten, die sie mir unter anderen erzählte, beeindruckte mich ganz besonders. Sie ist aufschlussreich, weil sie zeigt, welchen Wert er auf Bildung und Wissen legte.
Mein Großvater Pessach baute Eisenbahnlinien. Dieser Beruf wurde in jener Zeit sehr selten von einem orthodoxen Juden ausgeübt, besonders in Galizien, Teil des Kaiserreichs Österreich-Ungarn. Durch seinen Beruf war er verpflichtet, sich mit seinen Ingenieuren und Technikern etappenweise entlang der verschiedenen Eisenbahnstrecken niederzulassen, um die Arbeiten anzuleiten. Seine Familie begleitete ihn auf seiner Wanderschaft, genauso wie ein Lehrer und Erzieher für seine zahlreichen Kinder. Großvater bezahlte diesen Mann nicht mit „gewöhnlichen“ Banknoten, sondern nach seiner Meinung waren ausschließlich Goldstücke, die damals noch allgemein in Umlauf waren, von ausreichendem symbolischen Wert, um die zu entlohnen, die ihr Wissen an die Kinder weitergeben.
In Wien folgte unser alltägliches Leben dem Rhythmus des Sabbats und der Feiertage. Zur Vorbereitung des Freitagabend arbeiteten meine Mutter und meine Großmutter schon am Donnerstag in der Küche um verschiedene Sorten von Speisen vorzubereiten, wie die „Halah“, ein besonderes Brot. Halah wurde bei uns mit Mohnsamen verziert und zu den berühmten gefüllten Karpfen und dem klassischen Huhn im Topf gegessen. Die Erinnerung an den unübertrefflichen Geschmack des Brotes und auch der Kuchen aus dem Backofen meiner Mutter lässt mir heute noch das Wasser im Mund zusammenlaufen und einem Apfelstrudel oder ähnlichem kann ich einfach nicht widerstehen. Die besonderen Gerüche der Festtagsgerichte, die für den Freitagabend vorbereitet wurden, den Beginn des Sabbat, und die aufgeräumte Atmosphäre, die im Hause herrschte, habe ich nie wiedergefunden...
Die Karpfen stammten hauptsächlich aus der Donau, von der es hieß, dass sie blau wäre. Als Kind habe ich große Anstrengungen unternommen, um die blaue Farbe dieses Flusses zu sehen. Er erschien mir riesengroß, geheimnisvoll, alles — nur nicht blau.
Wenn wir alle um den Esstisch versammelt waren, fühlte ich mich geborgen. An diese Freitagabende habe ich eine Erinnerung wie an ein sich stets wiederholendes Fest. Am Ende der Mahlzeit stimmte meine Mutter mit ihrer melodischen Stimme hebräische Lieder an und wir wiederholten den Refrain im Chor. Sie verfügte über ein großes Repertoire an jüdischen Volksliedern, dem einige Stücke, die mein Großvater Pessach komponiert hatte, hinzugefügt waren. Ich bewahre die Lieder in meinem Gedächtnis und ich singe sie gerne - mit einem Vergnügen, in das sich Wehmut mischt, besonders zu Passah, - begleitet von meiner Frau und meiner Tochter.
Ganz in der Nähe unserer Wohnung in Wien lag ein Park, der in mehrere kleine Grünanlagen aufgeteilt war. Meine Mutter ging mit mir fast jeden Tag dorthin. Eines Tages, als sie sehr angeregt mit ihren Freundinnen plauderte, verlor sie mich aus den Augen. Verzweifelt machte sie sich auf die Suche nach mir. Mir war gar nicht klar, welchen Aufruhr ich ausgelöst hatte und stand am Rande eines Sandkastens, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Mit Neid beobachtete ich, wieviel Spaß die anderen Kinder beim Spielen hatten. Ich hätte so gerne mitgespielt, aber ich wollte mich nicht schmutzig machen — und schon gar nicht wollte ich Sand in meine Schuhe bekommen.
Meine frühe Jugend ist besonders eng mit diesem Park verbunden. Jeden Tag ging ich auf dem Weg zur Schule an den Gittern entlang, die den Park umgaben. In den langen und strengen Wintern wurde auf einer der Flächen eine Eisbahn eingerichtet und nach den Klängen typischer Wiener Musik lief ich Schlittschuh mit meiner Schwester und mit meinen Freunden. Das verschneite Wien, unsere Schlitten mit denen wir auf den abschüssigen Straßen rodelten, unsere Nasen, unsere Ohren, unsere Wangen von der Kälte gerötet, das sind die sorglosen und fröhlichen Bilder dieser wunderbaren Jahre.
Zu Hause war ich ein kleiner Junge, der umsorgt und geliebt wurde. Ich war fast nur von Frauen umgeben: meiner Großmutter, meiner Mutter, ihrer jüngeren Schwester Clara, die sechszehn Jahre alt war und meiner Schwester Erika. Mein Vater, der als Versicherungsvertreter arbeitete, ging morgens früh aus dem Haus und kam erst spät abends zurück. Oft schlief ich dann schon.
Mutter war die einzige, die sich meinen Launen nicht fügte. Ich hielt sie deswegen für ziemlich streng. Dabei war sie sanft, liebevoll, für Späße durchaus zu haben. Oft hörte ich sie laut heraus lachen, wenn sie mit ihren Freundinnen zusammen war.
Mit drei Jahren bildete ich mir ein, nicht mehr größer zu werden, und mir schien es, dass meine Großmutter immer kleiner werden würde. Tatsächlich war sie nicht besonders groß. Daraus zog ich den Schluss, dass sie eines Tages meine Größe erreichen würde und nicht umgekehrt. Eines Tages zerbrach ich eine der Nippesfiguren, von denen meine Mutter ziemlich viele besaß. Ich hatte eine Tracht Prügel verdient. Um meiner Mutter die Strafe auszureden, sagte ich im Brustton der Überzeugung zu ihr:
„Wenn ich eines Tages groß sein werde und du klein sein wirst, dann wirst du schon sehen, wie weh das tut!“
Entwaffnet musste sie lachen und mich liebevoll an sich drücken!
Nur aus Spaß tat sie manchmal so, als ob sie ernsthaft nach einem Rohrstock suchen würde, um mich mit seiner Hilfe zu „erziehen“. Als sie nach meinem Spazierstock griff, protestierte ich empört:
„Nein, doch nicht mit meinem!“
Wir hatten mehrere Stöcke zu Hause, mein Vater benutzte einen Krückstock in Folge seiner Kriegsverletzung. Außerdem waren Spazierstöcke damals Mode. Mein Spazierstock, in dessen Holz Edelweißblüten geschnitzt waren, war ein Andenken an Ferien in Worochta, einem kleinen Bergdorf in den Kaparten, das als Wintersportort bekannt war. Papa war dort geboren. Ich war drei Jahre alt gewesen, als mein Vater und ich diese weite Reise gemacht hatten. Wir brauchten über zwanzig Stunden mit dem Zug, um zu seinen Eltern zu fahren. Neben dem Bauernhof meiner Großeltern war ein Pferdestall. Unter den Pferden befand sich ein Pony. Jeden Tag bin ich reiten gegangen und binnen kurzem entwickelte ich eine große Leidenschaft dafür.
Als wir wieder nach Hause zurück mussten, wollte ich mich nicht von dem Pony trennen. Um mich zu beruhigen, versprach man mir, dass das Tier auch in dem Zug sein würde und dass ich es in Wien wieder bekäme. Dies wurde meine erste große Enttäuschung. Ich hatte den Erwachsenen vertraut, und sie hatten mich betrogen. Noch lange habe ich von meinem zutraulichen Spielkameraden geträumt.
Von dem Aufenthalt blieb mir ein Foto, dass mit den Jahren vergilbt ist. Es zeigt mich, wie ich auf den Knien meines Vaters sitze, vor einem Heuhaufen auf einem der Felder meines Großvaters. Seit damals haben Berge immer eine besondere Anziehungskraft auf mich ausgeübt, weil sie mich an Worochta erinnern. Ich mochte die Stille und dass es dort nach unberührter Natur roch.
Meine Einschulung fand mit fünf Jahren statt, für meinen Geschmack war das etwas früh. Mein Lehrer hieß Rudolph Tretter, hatte ein rundes, freundliches Gesicht und mochte mich sehr.Eines Tages sollte ich eine Schreibübung mit kleinen Kreuzen beenden. Ich weigerte mich, sie zu Papier zu bringen.
„Aber Paul, warum willst du keine Kreuze malen?“
„Weil die Juden keine Kreuze machen dürfen!“
Diese Antwort war wahrscheinlich durch Verhaltensregeln meiner Großmutter angeregt, die ich falsch ausgelegt hatte.
Ein Lehrer kam außerdem zu uns nach Hause, um mich Hebräisch lesen zu lehren.
Während eines Elternabends beglückwünschte Herr Tretter schon bald meine Mutter, dass ich bereits schreiben könne wie ein Großer. Voller Stolz erzählte sie ihren Freundinnen von meiner Meisterschaft, ohne meine Anwesenheit zu beachten. Das Ergebnis war verheerend. Ich zog daraus die Schlußfolgerung: wenn ich schon schreiben könne wie ein Großer, dann brauchte ich mich nicht mehr anzustrengen. Seit dem fanden nur noch die Lektionen, die mich wirklich interessierten, meine Aufmerksamkeit. Meine Eltern und Herr Tretter waren von diesem plötzlichen Wechsel sehr überrascht, weil sie wußten, dass ich weit mehr leisten konnte. Von da an tauchte die Bemerkung „könnte besser sein“ oft unter meinen Aufgaben auf.
Eines Tages blieb meine Mutter im Bett, weil es ihr nicht gut ging. Ich fragte sie, wie ich ihr einen Gefallen tun könne.
„Ich würde gerne eine Apfelsine essen,“ antwortete sie.
Wir hatten keine Apfelsinen zu Hause und so lief ich schnell zu unserem Kaufmann, um welche zu holen. Im Laufen schälte ich eine der Orangen, weil ich sie ihr sofort nach der Rückkehr anbieten wollte. Nie werde ich den liebevollen Blick vergessen, mit dem sie ihren kleinen Jungen ansah. Erst als ich erwachsen geworden war, habe ich verstanden, warum eine solch einfache Geste sie so bewegen konnte.
Stundenlang konnte ich mich in das Spiel mit meinem „Schatz“ versenken, den ich in einem Kästchen angesammelt hatte. Er bestand aus einem ziemlichen Sammelsurium von Schnüren, Draht, Holzstücken, Nägeln, Schrauben, Muttern... alles eigentlich zum Wegwerfen bestimmt und von mir als Kostbarkeit wiederverwertet.
In der Familie hatte ich einen Ruf als „Heimwerker“. Eines Tages bat mich unsere Nachbarin Frau Farb, eine Kriegerwitwe, die leichtgläubig und wohl auch etwas geizig war:
„Paulchen, mein Wecker geht nicht mehr. Kannst du ihn reparieren?“
„Aber natürlich, geben Sie ihn mir.“
Angesichts meiner Forschheit vertraute sie mir dummerweise. Das Auseinandernehmen war kinderleicht, das Zusammensetzen unmöglich! Völlig beschämt gab ich ihr den Wecker in seinen Einzelteilen zurück. Wütend beklagte sie sich bei meiner Mutter, die aufmerksam zuhörte und zur meiner Verteidigung mit einem kaum verhohlenem Lachen sagte:
„Aber hören Sie mal, wie konnten Sie nur glauben, dass Paulchen ihren Wecker reparieren könnte. Er ist ein Kind.“
Die Schule wurde schwieriger. Um meinen Eltern eine Freude zu machen, versuchte ich, mich mehr anzustrengen. Wenn meine Noten schlecht waren, nutzte ich die mangelnde Strenge meines Vaters aus, indem ich ihm am Morgen, kurz bevor er aus dem Haus mußte, die Nachrichten meiner Lehrer zur Unterschrift hinhielt. Normalerweise sagte er mir:
„Das kann doch warten. Wir schauen uns das heute abend gemeinsam an.“
Ich aber wußte, dass er das bei seiner Rückkehr schon längst vergessen zu haben schien... Er bestrafte mich selten. Die Erziehung der Kinder überließ mein Vater unserer Mutter. Dabei vertraute er vollständig darauf, dass sie das schon gut machen würde.
1933 fuhren wir zum letzten Mal in die Ferien nach Worochta. An meinen Großvater väterlicherseits, Jakob, erinnere ich mich als einen alten Mann, der oft an dem Tisch des großen Zimmers saß, das als Esszimmer diente. Stundenlang versenkte er sich in dicke Bücher, um den Talmud zu studieren, während er sich mechanisch über den Bart strich. Von Zeit zu Zeit knuffte er mich freundlich in die Backe, nahm mich auf die Knie und stellte mir Fragen, um meine Kenntnisse in Hebräisch zu prüfen. Das war mir furchtbar unangenehm und ich tat alles, um diese Situation zu vermeiden.
Meine Großmutter Feiga war eine schlanke und energische Frau. Einen Teil des Tages verbrachte sie in ihrem Gemischtwarenladen, der neben dem Haus lag. Außerdem kochte sie für ihre Kinder und einen ganzen Haufen Enkel.
Ihr Geschäft war ein „Tante Emma – Laden“ wie man ihn heute manchmal noch auf dem Lande sieht. In den Regalen konnte jeder finden, was er brauchte. Das konnten Lebensmittel sein oder Nähzeug, bis hin zu großen Lederstücken, die man brauchte, um Schuhe zu reparieren.
Eine Ecke war besonders bei den Kindern des Dorfes beliebt. Dort gab es ein glattes Holzbord mit vielen Löchern, die von geblümtem Papier verdeckt waren. Hinter jedem Loch befand sich eine verschiedenfarbige Kugel. Wenn man das Papier mit Hilfe eines Röhrchens durchstieß konnte man - je nach Farbe der Kugel - Bonbons, Schokolade oder andere Süßigkeiten herausfischen.
Im Souterrain gab es einen Schuster, der wie die meisten frommen Männer, einen Bart trug. Er machte ihn älter, als er wirklich war. Der Schuster beeindruckte mich, weil er einen hölzernen Modellfuß besaß, wie ich ihn noch nie vorher gesehen hatte. Ich bewunderte den Mann, weil er selbst stark abgetragene Schuhe reparieren konnte. Die ganz Armen, die nur ein einziges Paar Schuhe besaßen, warteten geduldig in seinem Laden, bis sie mit den fertigen Schuhen wieder gehen konnten. Während dieser Zeit wurde lebhaft diskutiert, was häufig damit endete, dass man ein Zitat aus dem Talmud erörterte. Das brachte mich zu der Überzeugung, dass der Schuster und seine Kunden Gelehrte sein müssten.
Von der väterlichen Seite meiner Familie erinnere ich mich ganz besonders an den jüngeren Bruder meines Vaters. Max, ein kräftiger Bursche, kümmerte sich um den Hof. Wenn es am Samstag in die Synagoge ging, setze er sich seinen kleinen Neffen aus Wien auf die Schultern, damit der seine weißen Söckchen und seine Lackschühchen nicht mit dem Schlamm einer nicht-asphaltierten Straße beschmutzte. Max hatte zahlreiche Schwestern, die alle verheiratet waren und wiederum mehrere Kinder hatten. Nur die jüngste, Dora, war ledig. Wie schön waren doch diese großen Familien von früher!
Unglücklicherweise weiß ich nicht mal ihre Namen und ich nahm nicht wahr, was mit ihnen während der Shoah geschah. Wahrscheinlich sind sie, wie Tausende andere auch, untergegangen — ausgelöscht wie alle Gemeinden in diesen Städten und Dörfern mit deren Zerstörung auch die Kultur des östlichen Judentums, die Sitten und Gebräuche der Menschen und ihr unersetzlicher Humor verloren ging. Heute gibt es nur noch die Erinnerung im Tal der verschwundenen Gemeinden in Yad Vashem in Jerusalem, wo die Namen aller dieser europäischen Orte in Stein gemeißelt sind.
Von der Familie meiner Mutter hat Tante Clara überlebt, die hochbetagt in Florida wohnt. Außerdem zwei Cousins: Max, der mehrere Jahre in Konzentrationslagern verbringen mußte, und Bert, der in Kalifornien lebt. Ironie des Schicksals: sein Bruder Paul, Soldat in der amerikanischen Armee, starb bei der Landung der alliierten Streitkräfte an der Küste der Normandie.
Fußball war eine meiner Leidenschaften. Meine Freunde und ich waren begeisterte Anhänger der ausgezeichneten jüdischen Mannschaft „Hakoah“. Bei den Spielen kam es regelmäßig zu Rangeleien zwischen den gegnerischen Teams und auch zwischen den Fans. Als die Mannschaft 1933 zu Spielen in die Vereinigten Staaten eingeladen wurde, zog es fast die Hälfte der Spieler vor, dort zu bleiben. Angesichts der Ereignisse, die sich in Europa abspielen sollten, war das eine gute Entscheidung.
Wie die meisten Kinder log ich manchmal und wurde dafür bestraft. Ein Vorfall blieb mir besonders im Gedächtnis. Ich war damals zehn Jahre alt und es war die Zeit des Chanukka-Festes, das acht Tage lang dauert. Den Kindern schenkte man damals kleine Kreisel, die aussahen wie Würfel, durch die ein Stil mit einer Spitze ging. Auf den Seitenflächen standen die hebräischen Buchstaben N, G, H und C, Abkürzungen für den Satz „ein Wunder geschah dort (in Jerusalem)“, was an den Ursprung des Festes in der jüdischen Geschichte erinnert. Schon während des ersten Tages verlor ich meinen Kreisel. Ich war arg enttäuscht, und so nahm ich Geld aus meiner Spardose und kaufte mir einen neuen, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Als ich am nächsten Tag in Gegenwart meiner Mutter auf dem Fußboden spielte, trudelte der neue Kreisel unter ein Möbelstück, wo ich auch den alten, den ich verloren hatte, fand. Mit den beiden Kreiseln in der Hand schaute ich voller Unbehagen zu meiner Mutter, die überrascht fragte:
„Nanu, wieso hast du jetzt zwei Kreisel?“
„Nun, Sammy hat mir seinen gegeben.“
„Das ist sehr nett von deinem Freund Sammy, aber nun hat er keinen? Ich glaube nicht, dass du mir die Wahrheit sagst.“
Ich errötete schon immer schnell und angesichts dieser Lüge wurde ich feuerrot. Die Strafe fiel hart aus. Nach so vielen Jahren erinnere ich mich noch daran. Ich habe niemals mehr gelogen.
Kurze Zeit später erklärte sie mir eine goldene Regel:
„Es ist verboten zu lügen, aber man muss auch nicht immer alles sagen.“
Ich brauchte einige Zeit, um diesen Rat anzunehmen, der mir ein Widerspruch zu ihren Erziehungsprinzipien zu sein schien. Später begriff ich, wie wohl begründet er war.
Alles änderte sich zu Beginn des Jahres 1934. Es gab zunächst einen längeren Stromausfall, der politische Veränderungen ankündigte. Es folgte eine Art Bürgerkrieg mit Morden und Verhaftungen. Der Kanzler Engelbert Dollfuß errichtete ein autoritäres Regime, das die sozialdemokratische Partei ablöste, die das Land seit der Niederlage von 1918 und dem Zusammenbruch des österreich-ungarischen Kaiserreichs regiert hatte. Der österreichische Antisemitismus, der unter der Oberfläche stets vorhanden gewesen war, trat nun offen in Erscheinung. Der Einfluss Deutschlands, wo die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernommen hatten, trug wesentlich zu dieser Entwicklung bei.
Seit dem erfuhr ich, was Rassismus bedeutet. In den Schulpausen wurden die Raufereien zwischen den Schülern immer häufiger und immer heftiger. Mein Deutschlehrer, ein Dr. Siegel, sah mir keinen einzigen Fehler in der Satzbildung mehr nach. Wenn mir der kleinste Irrtum unterlief, zog er mich am Ohr von meinem Platz hoch und ahmte den jiddischen Wortklang nach. Diese Art und Weise den jüdischen Akzent zu parodieren, war weit verbreitet.
Die wenigen Glücksmomente, die ich an dieser Schule noch hatte, verdankte ich meiner Französischlehrerin. Meine Schwester hatte schon seit einem Jahr Französisch und ich wußte, dass ich auf sie zählen könnte, wenn es darum ging, meine Hausaufgaben zu machen. Dies trug ein wenig dazu bei, dass ich Französisch als meine zweite Sprache wählte.
Fräulein Sylvestre war jung, schön und ein wenig eitel. Während des Unterrichts trug sie oft einen Hut. Einer ihrer Hüte hatte einen Bommel, der mich faszinierte und sie in meinen Augen noch verwirrender machte. Tatsächlich hatte ich mich in sie verliebt und sie hat es bestimmt mitbekommen. Es dürfte sie belustigt und mir gegenüber milde gestimmt haben.
Zu meiner großen Freude schenkte sie mir ein kleines Buch mit französischen Liedern, aus dem ich unter anderem lernte „Marlborough s' en va-t' en guerre ...“ Um ihr zu gefallen, lernte ich besonders fleißig, ohne zu ahnen, dass Französisch mir einmal sehr nützlich sein könnte.
1936, ich war inzwischen zwölf Jahre alt, schloss ich mich einer zionistischen Jugendgruppe an. Wir nahmen an der jährlichen Gedenkveranstaltung an den Tod von Theodor Herzl, Journalist und Schriftsteller, teil. Er hatte die antisemitische Affäre um den Hauptmann Alfred Dreyfuß in Paris verfolgt und angesichts dieser empörenden Ungerechtigkeit entwickelte er den politischen Zionismus. Herzl war im Alter von 44 Jahren an Erschöpfung gestorben. Er hatte sein Leben der zionistischen Sache geopfert, ihr Leib und Seele verschrieben — in der Hoffnung, dass sie eines Tages Wirklichkeit werden könnte. Eines seiner Bücher beginnt mit: „Wenn ihr es wollt, ist es kein Traum.“ Auf dem Rückweg vom Friedhof wurden wir von einer Horde junger Faschisten angegriffen. Trotz unserer Schreie und Hilferufe stand uns niemand bei. Die Leute wandten sich ab und gingen weiter.
Wegen der allgemeinen Verunsicherung war es mir in den Jahren 1934 bis 1938 verboten, mich allzu weit von zu Hause zu entfernen. Meine Welt war unser Stadtviertel. Während dessen verzichteten wir aber nicht auf unsere Familienspaziergänge auf der berühmten Hauptallee des Wiener Praters, wo wir auf den Kaffeeterrassen einkehrten, um heiße Schokolade mit einer großen Portion Schlagsahne zu trinken. Dazu gab es das typische Wiener Gebäck. In den Musikpavillons spielten Orchester die unvergänglichen Strauß-Walzer und klassische Melodien, wie das „Liebesleid“ von Fritz Kreisler. Erikas und meine größte Freude war es, eine Runde in den Waggons des großen Riesenrades zu drehen, von denen aus man die Stadt bewundern konnte.
An den Sonntagen im Sommer spielte ich mit meinen Freunden Ball im Überschwemmungsgebiet. Das war eine große Fläche, die überflutet wurde, wenn die Donau bei Hochwasser über die Ufer trat. Oder ich ging zum Schachspielen in die Grünanlage gegenüber von unserem Haus. Auf den Bänken trug ich unzählige Partien meines Lieblingsspiels aus.
Später stand auf denselben Bänken:
„Für Juden verboten. Nur für Arier.“
Ein Jahr vor dem „Anschluss“ Österreichs an Deutschland, kam ein guter Freund meiner Eltern zu Besuch, um uns mitzuteilen, dass er nach Palästina gehen würde. Als er uns verließ, zeigte er sich sehr besorgt um unsere Zukunft. Mein Vater, der ein überzeugter Zionist war, begrüßte zwar den Entschluss des Freundes zur Auswanderung, fand seinen Pessimismus jedoch reichlich übertrieben.
Das Datum meiner Bar-Mitzwa-Feier kam näher. Jeden Tag, wenn ich aus der Schule kam, hatte ich eine Stunde Hebräisch. Meine Großmutter war immer dabei, unauffällig in einer Zimmerecke sitzend, folgte sie meinem Unterricht. Meine Volljährigkeit im religiösen Sinne sollte in der Synagoge an einem Samstagmorgen im November 1937 gefeiert werden. Ich war sehr schüchtern und hatte größte Angst, während der Gebete Fehler zu machen. Aber was ich am intensivsten vorbereitete, war die traditionelle Lesung, die ich danach zu halten hatte. Den strahlenden Gesichtern meiner Eltern und meiner Großmutter entnahm ich zu meiner Erleichterung, dass ich diese Prüfungen bestanden hatte.
Was ich am Schönsten fand, war zu sehen, wie meine Großmutter offensichtlich voller Freude und Stolz war - sie, die sich sonst so zurückhaltend zeigte. Ich wusste, dass ich ihr Lieblingsenkel war. Sie segnete mich oft. Aber an jenem Tag tat sie es mit ganz besonderer Inbrunst. Erst später ist mir das zu Bewusstsein gekommen und mir wurde klar, wie wichtig ihr Segen für mich war.
Unter den üblichen Geschenken, die ich bekam, waren zahlreiche Bücher, mehrere Füller, vier Schachspiele, ein Ping-Pong-Spiel und vor allem eine Uhr, die ich mir sehr wünschte und die meine Großmutter mir versprochen hatte. Monatelang auf eine Armbanduhr warten, sie über Jahre zu tragen und sie das ganze Leben lang sorgsam zu behandeln, scheint heute eher etwas Komisches zu sein. Für die Kinder, die mit billigen Plastikuhren aufwachsen, ist das klassische Geschenk der Großeltern entwertet worden.
Meine Großmutter nimmt einen besonderen Platz in meinem Leben und in meiner Erinnerung ein. Für mich empfand sie eine Zuneigung, die keine Grenzen kannte. Mit den Jahren schwanden jedoch ihre Kräfte. Ich kannte sie mit einem immer etwas traurigen Blick – traurig wie der Beginn ihrer Lebensgeschichte.
Mit sechszehn Jahren hatte sie bei einem Pogrom, wie es seinerzeit – von der zaristischen Regierung geduldet – damals regelmäßig vorkam, ihre Eltern verloren. Die bewaffneten Kosaken-Horden kamen zu Pferd, plünderten, vergewaltigten die Frauen, und hinterließen das jüdische Viertel in Schutt und Asche. Sie war von einem mürrischen Onkel aufgenommen worden, der sie dazu brachte, einen Mann zu heiraten, der viel älter war als sie und außerdem auch noch krank. Er starb kurz nach ihrer Eheschließung. Sie nahm ihren Mut zusammen und floh zu einer anderen Verwandten in einem Nachbardorf. Dort wurde ihr ein junger Witwer, der bereits zwei Kinder hatte, vorgestellt. Das war mein Großvater Pessach. Sie haben sich schon beim ersten Treffen gemocht. Er hat ihr einfach gesagt, dass sie aufhören müsste, sich zu grämen und dass sie seine Frau werden sollte. Diese zweite Heirat brachte ihr endlich häusliches Glück. Zu den beiden Kindern aus der ersten Ehe meines Großvaters kamen noch drei Söhne und vier Töchter. Das ergab eine ganz schön große Familie mit vielen Enkelkindern.
Drei Monate nach meiner Bar-Mitzwah, am 12. März 1938, brach der Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland über uns herein wie ein großes Unwetter. Dieses war das Ende unseres vorher doch recht beschaulichen Lebens.
Mein Vater und ich verfolgten mit angespannter Aufmerksamkeit den Ablauf der Ereignisse, besonders die Reise von Kanzler Schuschnigg nach Deutschland. Kurt Schuschnigg war der Nachfolger von Engelbert Dollfuß, der 1934 während eines Putschversuches der österreichischen Faschisten ermordet worden war. Nach seiner Rückkehr vom Obersalzberg bei Berchtesgaden, Adolf Hitlers Quartier in Bayern, hatte Schuschnigg beträchtliche Anstrengungen unternommen, um eine Volksabstimmung zu organisieren, bei der man für oder gegen den Anschluss Österreichs an das von Hitler beherrschte Deutschland stimmen sollte. Die österreichischen Antifaschisten versuchten den Anschluss zum Scheitern zu bringen. Viele Anti-Nazi-Plakate wurden auf die Mauern geklebt, Parolen wurden sogar auf die Bürgersteige gemalt. Aber noch bevor eine Abstimmung durchgeführt werden konnte, wurde Österreich von den Deutschen annektiert.
Einige Tage später zwang man die Juden – mit Eimern und Bürsten ausgerüstet – die Gehsteige zu säubern und die Plakate abzureißen. Die Spuren der antifaschistischen Parolen sollten verschwinden. Diese Erniedrigung, die in allen Stadtvierteln von der Hitlerjugend und der SA organisiert wurde, war von Hohn und Spott begleitet. Dann wurden die Gesetze eingeführt, die Juden die Ausübung vieler Berufe untersagten. Die frei werdenden Stellen wurden schnell mit „Ariern“ besetzt. Die Mehrheit schien sich mit der Übernahme Österreichs bequem einzurichten.
Viele Österreicher entschlossen sich, den wichtigen Beitrag, den ihre jüdischen Mitbürger zur kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung des Landes seit dem 10. Jahrhundert geleistet hatten, zu vergessen.
Hitlers wohlbekannte Absicht das „Reich“ (zudem jetzt auch Österreich gehörte) „judenfrei“ zu machen, wurde nun in die Praxis umgesetzt. Zu den Juden wurden auch die Menschen jüdischer Herkunft gezählt, die Mitglied einer anderen Religionsgemeinschaft geworden waren, sowie die Kinder aus Mischehen.
Die Bücher jüdischer Autoren und derjenigen, die nicht mit der Nazi-Ideologie übereinstimmten, wurden nun auch in Österreich systematisch verboten. Die Werke, die untrennbar mit der deutschen Kultur verbunden waren, erhielten die Bemerkung „Autor unbekannt“. Mein Lieblingsdichter Heinrich Heine (1797-1856) wurde einer dieser „Unbekannten“. Alle seine Werke wurden verbannt — mit Ausnahme des berühmten Gedichtes „Die Loreley“, das man in der Schule lernte und aus dem man ein Volkslied gemacht hatte. Heine sprach übrigens ausgezeichnet Französisch. Er lebte viele Jahre in Paris, wo er auch begraben wurde.
Sofort begannen die Verhaftungen von Juden und Gegnern der Nationalsozialisten. Sie wurden in das Konzentrationslager Dachau, zwanzig Kilometer von München entfernt, gebracht. Die Freimaurer, die Sozialisten, die Kommunisten, die Intellektuellen, die man für gefährlich für das Regime hielt, kamen in die Konzentrationslager, ob sie nun Juden waren oder nicht. Einige begingen Selbstmord, um nicht in die Hände der Nazis zu fallen. Wir begannen das Schlimmste zu fürchten, als Frau Friedmann, die in unserem Haus wohnte, eine Urne mit der Asche ihres Sohnes erhielt. Der Mitteilung nach sollte er bei einem Fluchtversuch aus dem Lager erschossen worden sein.
Zu Beginn des zweiten Halbjahres wurden die jüdischen Schüler in die hinteren Bänke der Klasse verbannt. Kurz danach durften sie nur noch rein jüdische Schulen besuchen. Natürlich war das kein Klima, in dem man normal lernen konnte. Wir waren viel zu sehr durch die aktuellen Ereignisse in Anspruch genommen.
Auf die Initiative des amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt wurde in Evian eine internationale Konferenz einberufen. Sie war ein Fehlschlag: unter den 32 anwesenden Staaten war keiner, der sein Kontingent an zugelassenen Flüchtlingen erhöhen wollte. Das antisemitische Hetzblatt „Der Stürmer“ titelte höhnisch: „Juden billig abzugeben. Keiner will sie haben“. Was man aber am meisten kritisieren kann, ist die Begrenzung der jüdischen Zuwanderung nach Palästina, die von Großbritannien, dem damaligen Mandatsträger des Völkerbundes über dieses Gebiet, angeordnet worden war. Hitler schloss aus der internationalen Reaktion, dass er mit den Juden machen konnte, was er wollte. Niemand würde sich darum kümmern. Aber er brauchte einen Vorwand.
1938 brachte man Juden polnischer Herkunft unter Zwang an die Grenze. Die Polen lehnten die Einreise der Juden kategorisch ab; die Deutschen wollten sie nicht wieder aufnehmen. So mussten die Juden im Grenzgebiet ohne das Notwendigste kampieren. Am 7. November 1938 wurde ein Attentat auf den deutschen Botschaftssekretär in Paris Ernst vom Rath verübt, das die ganze Sache weiter anheizte. Es war ein junger deutsch-polnischer Jude, Herschel Grynspan, der auf den deutschen Diplomaten geschossen hatte. Er wollte gegen die Abschiebung von 15 000 Juden polnischer Herkunft nach Polen protestieren. Auch seine Eltern befanden sich unter den Menschen, die von den deutschen Behörden auf so menschenverachtende Weise behandelt worden waren.
Seit dem 8. November wurde ein großes Pogrom vorbereitet, das Angst und Schrecken über die meisten deutschen und österreichischen Städte bringen sollte. Der Drahtzieher war Joseph Goebbels, Reichspropagandaminister. Als der Tod des vom Rath am Abend des 9. November 1938 festgestellt wurde, gab Goebbels das Startsignal. Hunderte von Synagogen wurden geschändet und in Brand gesetzt, jüdische Geschäfte, Häuser und Wohnungen wurden geplündert und verwüstet. Thorarollen, Gebetbücher und Gemeindearchive wurden auf Scheiterhaufen verbrannt, wie schon vorher die Schriften so bekannter Wissenschaftler und Autoren wie Albert Einstein, Sigmund Freud, Thomas und Heinrich Mann, Kurt Tucholsky und vieler anderer. Den prophetischen Kommentar zum Thema Bücherverbrennen hatte Heinrich Heine bereits 1820 geschrieben: „Das war ein Vorspiel nur. Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“
Das traurige Ereignis erhielt den Namen „Kristallnacht“. Der Name erinnert an die Reinheit von Kristall. Man könnte denken, es hätte sich um einen festlichen Anlass gehandelt, dabei bezieht sich das Wort auf das zersplitterte Glas der Schaufensterscheiben auf dem Boden — deswegen spricht man auch besser von dem „Novemberpogrom“. Das ganze zog sich über mehrere Tage hin und wurde vor allem von der SA mit Unterstützung der Polizei durchgeführt.
Diese Nacht kündigte den Anfang vom Ende vieler jüdischer Gemeinden in Europa an. Es gab eine neue große Verhaftungswelle. Auch mein Vater wurde festgenommen, jedoch nach wenigen Tagen schon wieder freigelassen. Wahrscheinlich lag das daran, dass er Soldat gewesen war und als Kriegsversehrter des Ersten Weltkrieges galt.
Immer größere Teile jüdischer Vermögen wurden nun eingezogen und den Juden wurde mit dem den Nationalsozialisten eigenen Zynismus eine besondere Judenabgabe von einer Million Reichsmark auferlegt. Mit dem Geld – so hieß es – sollten die Schäden beseitigt werden, die von der entfesselten SA angerichtet worden waren.
Es wurde immer schlimmer. Wir lebten ständig in der Angst vor neuen Repressalien. In Deutschland und in Österreich nahm die Mehrheit der Bevölkerung die barbarischen Ereignissen hin. Man kümmerte sich um die eigenen Angelegenheiten und hielt den Mund. Regelmäßig marschierte die Hitlerjugend durch die Straßen. Die Uniformierten skandierten judenfeindliche Parolen und sangen unmissverständliche Lieder:
„Wenn 's Judenblut vom Messer spritzt, dann geht 's noch mal so gut...“
Diese Zeilen waren eine echte Morddrohung. Hoffnung war da nicht mehr angebracht. Die von den Nationalsozialisten vorgesehenen Maßnahmen wurden zunehmend schneller umgesetzt. Es lief auf eine weitere Steigerung der Gewalt hinaus.
Im Rückblick auf diese beklagenswerten Zeiten fällt es mir nicht leicht, meinen Bericht fortzusetzen und mich daran zu erinnern, wie Erika und ich reagierten, wenn mein Vater, damals ein Mann von dreißig Jahren, gutaussehend, groß, mit klaren, hellen Augen, wieder einmal mit allem Nachdruck und in aller Ausführlichkeit über den Ersten Weltkrieg erzählte. Wir hörten scheinbar aufmerksam zu, aber es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, es hätte uns besonders interessiert. Seine Geschichten kannten wir schon auswendig, obwohl das Ganze erst fünfzehn Jahre her war.
2 Flucht nach Belgien und Ankunft in Frankreich
Nach dem wir vorher vergeblich versucht hatten, ein Visum für ein Land zu bekommen, das bereit gewesen wäre, uns aufzunehmen, beschleunigte das Novemberpogrom unsere Flucht.
Es blieb uns nur eine Möglichkeit, nämlich illegal über die Grenze nach Belgien zu gehen, wo sich bereits Freunde aus Wien befanden. Sie hatten Papa einen genauen Plan geschickt, welchen Weg wir nehmen sollten. Glücklicherweise gelang es meinem Vater, einen Container mit persönlichen Sachen nach Brüssel zu schicken.
Es war unmöglich, meine alte und schwache Großmutter einem derartigen Abenteuer auszusetzen. Mama vertraute ihre Mutter einem Paar an, dass wegen seines Alters in Wien bleiben wollte. Als der Moment gekommen war, trennten sie sich schweren Herzens. Sie befürchteten, dass sie sich nie wiedersehen würden und dass der Abschied ein endgültiger sein könnte.
Meine Großmutter starb am 18. Dezember 1941 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Wien nicht weit von ihrem Mann bestattet. Im Gegensatz zu den Opfern der Shoah hat sie einen Grabstein.
Der 27. November 1938 war der Tag meines vierzehnten Geburtstages. Wir hatten Staatenlosenpässe, die mit einem Hakenkreuz versehen waren. Als Bürger Österreichs wurden wir nicht mehr anerkannt. In den Taschen hatten wir bloß die zwölf Dollar pro Person, die erlaubt waren. Ausgestattet mit wenig Gepäck, das nur das absolut Notwendige enthielt, schlossen meine Eltern früh am Morgen still und traurig die Tür hinter einer glücklichen Vergangenheit. Wir verließen Wien, um nie wieder dorthin zurückzukehren. Das Hab und Gut, das wir zurückließen, bedeutete uns wenig. Der einzige Reichtum, den wir nun für immer mit uns trugen, war die Erinnerung an ein harmonisches und glückliches Familienleben. Wir waren neu eingekleidet, so hatten wir das Geld, das wir nicht mehr mitnehmen durften, wenigstens möglichst sinnvoll ausgegeben.
Nach dem Plan unserer Freunde nahmen wir einen Zug nach Aachen und eine Straßenbahn, die uns möglichst nah an die Grenze bringen sollte. Wir versuchten dann durch einen Wald zu kommen, der Deutschland und Belgien trennte. Sehr schnell wurde unser „Ausflug“ von deutschen Grenzbeamten gestoppt, die uns durchsuchten. Einer zog meine Briefmarkensammlung aus meiner Tasche. Er glaubte ein „Vermögen“ gefunden zu haben, das wir außer Landes schmuggeln wollten und untersuchte minutiös Briefmarke um Briefmarke. Dabei war es doch nur die Sammlung eines Kindes!
Meine Sammlung hatte ich ohne Erlaubnis meiner Eltern mitgenommen. Ertappt sah ich, wie mein Vater das Ganze mit Unruhe beobachtete. Er hatte an seinem Körper Wertsachen versteckt und fürchte eine gründlichere Untersuchung. Mir war damals nicht klar, in welche Gefahr ich die ganze Familie gebracht hatte. Als es Abend wurde, ließen sie uns laufen, und ohne weitere Zwischenfälle gelang es uns, die belgische Grenze zu überqueren und an einem kleinen Bahnhof einen Zug nach Brüssel zu nehmen.
Mutter verteilte nun Brote, die sie zu Hause vorbereitet hatte. Obwohl ich Hunger hatte, weigerte ich mich nachdrücklich, mein Brot anzunehmen. Es war mit Wurst belegt, die nicht koscher war. Die rituelle jüdische Art Tiere zu schlachten (das Schächten) war von den Nazis verboten worden, weil sie angeblich dem Tierschutz widersprach. Nun, da ich in einem freien Land war, wollte ich die religiösen Vorschriften befolgen. Es war ein Versprechen, das ich meine Großmutter gegeben hatte.
Unsere Wiener Freunde, die Grünblatts, empfingen uns herzlich. Sie waren froh, uns gesund und munter wiederzusehen. Ihr überwältigender Empfang tröstete uns. Sie hatten eine winzige Drei-Zimmer-Wohnung, in der sie zu viert schon recht beengt lebten. Trotzdem boten sie uns ihre Gastfreundschaft an. Wir schliefen bei ihnen auf Matratzen auf dem Boden, solange wir eine eigene Wohnung suchten.
Den größten Teil des Tages verbrachten wir auf der Straße. Wir reckten die Hälse, um nach Schildern mit der Aufschrift „Wohnung zu vermieten“ Ausschau zu halten. Das erlaubte uns, nähere Bekanntschaft mit dieser schönen Stadt zu schließen, die so anders war als Wien. Wir waren an trockene, kalte Winter gewohnt, hier fiel fast ununterbrochen ein feiner Nieselregen. Meine neuen Schuhe ließen schließlich das Wasser durch und meine Socken waren die ganze Zeit feucht.
Endlich fanden wir ein kleines, typisch belgisches Haus in dem angenehmen Stadtteil Ixelles. Eifrig packten Erika und ich den Container aus, der inzwischen eingetroffen war. Aber in unsere Aktivitäten mischte sich eine gewisse Wehmut, die auf unsere neue Situation als Flüchtlinge zurückzuführen war. Nachdem wieder einigermaßen Ruhe einkehrte, versuchten wir ein annähernd normales Leben zu führen. Die Belgier waren zuvorkommend und höflich, ganz anders als die Österreicher, die wir gerade verlassen hatten.
Mit meiner Schwester zusammen entdeckte ich die großen Geschäfte. Wir waren fasziniert von den Auslagen mit den vielen verschiedenen Früchten, die es hier auch im Winter gab, sogar Erdbeeren und Kirschen! Es gab knallgrüne Äpfel der Sorte „Granny Smith“ und vor allem auch Datteln, meine Lieblingsfrüchte. Sie wurden hier zu einem lächerlichen Preis pro Kilo verkauft, während man sie in Wien als „exotisch“ nur stückweise bekommen hatte. Ich habe Datteln gegessen, bis mir schlecht wurde. Belgien schwamm im Überfluss.
Eine andere anziehende Entdeckung war das „Kino ohne Ende“. Für einen Franc hatte man in Brüssel das Vergnügen, einen Film gleich mehrmals zu sehen, während es in Wien ausschließlich nummerierte Plätze gab und man nur für eine Vorstellung bleiben durfte. Weil ich außerdem noch zu jung war, bin ich nur selten ins Kino gegangen. Hier gewährten mir meine Eltern mehr Freiheit. Der kleine Junge, der Wien verlassen hatte, wurde nun zum Jugendlichen.
Nach einem Test hatte ich das Glück an einer technischen Schule angenommen zu werden, zu der nur etwa hundert Schüler zugelassen wurden. Die Lehrer waren ebenfalls Flüchtlinge, einige sogar ehemalige Professoren deutscher und österreichischer Universitäten. Es zeigte sich, dass durch ihre Anwesenheit die Anforderungen sehr hoch gesetzt wurden. Unsere Unterrichtszeit von acht Stunden am Tag sollte uns möglichst umfassende Kenntnisse in Englisch, Spanisch und Französisch vermitteln. Nicht zu vergessen sind Physik, Mathematik und technisches Zeichnen. Das Ziel war es, uns eine möglichst breit angelegte Grundlage zu vermitteln, auf der wir uns später weiterbilden konnten. Ich bin den Lehrern ausgesprochen dankbar für alles, was sie uns beigebracht haben. Mir hat es im weiteren Leben sehr geholfen.
Auch Erika ging weiter zur Schule. In Antwerpen nahm sie mit sechszehn an ihrem ersten Ball teil und gewann einen Schönheitspreis. Meine Eltern waren natürlich stolz, aber ich war nicht mal erstaunt, denn ich hatte meine Schwester schon immer sehr schön gefunden.
Nach dem Überfall auf Polen erklärten Frankreich und England am 3. September 1939 Deutschland den Krieg. Sie hatten wegen ihrer vertraglichen Verpflichtungen kaum eine andere Wahl. Bis zum Mai 1940 blieb es an der deutsch-französischen Grenze relativ ruhig, keine der Kriegsparteien ging in die Offensive. Diese Zeit wurde „drôle de guerre“ (komischer Krieg) genannt. In Frankreich war die Meinung weit verbreitet: „Wir werden siegen, weil wir die Stärkeren sind.“ Wir waren davon überzeugt, dass die alliierten Streitkräfte und deren Luftwaffe unbesiegbar wären.
Die scheinbare Ruhe fand am 10. Mai 1940 ihr Ende, als die Deutschen in die Benelux-Staaten einmarschierten, um die berühmte Maginot-Linie zu umgehen, die man bis zu diesem Zeitpunkt für unüberwindbar gehalte