PAUL SCHAFFER
Französischer Titel : „Le Soleil Voilé“
Übersetzung der deutschen Ausgabe Dr Ingrid Schupetta
unter den Titel : „Als ich in Auschwitz war“
„Bericht eines Überlebenden“
Metropol Verlag Ansbacher Strasse 70 D- 10777 Berlin
Reihe Bibliothek der Erinnerung Band 20
Französische Originalausgabe erschien in Paris 2002
Widmungen:
Ohne die beständige Zuwendung und die Ermutigung durch meine Frau wäre es mir nicht gelungen, die Niederschrift meines Berichtes zu ertragen und zu beenden.
Ich widme dieses Buch ganz besonders meinem Enkel Adrien-Benjamin, damit er seine Herkunft besser kennenlernt und sich daran orientieren kann.
Das wünsche ich auch allen anderen Kindern seiner Generation.
Verstand ohne Erinnerung ist wie eine Festung ohne Wälle.
Danksagung für die deutsche Ausgabe:
Bei der Vorbereitung der deutschen Ausgabe waren einige Fachleute gefragt. Mein namentlicher Dank gilt
Edna Brocke, Leiterin der Alten Synagoge in Essen, Rainer Fröbe, Historiker in Hannover und Werner Renz, Dokumentar am Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt.
Inhalt
Seite
| Titel | 1 |
| Widmungen | 2 |
| Inhalt | 3 |
| Simone Veil Vom Überleben der Erinnerung | 4 |
| Vorbemerkung | 15 |
| 1) Meine Kindheit in Wien | 16 |
| 2) Flucht nach Belgien und Ankunft in Frankreich | 36 |
| 3) Leben im Exil | 43 |
| 4) Verhaftung und Deportation | 53 |
| 5) Die Lager Tarnowitz und Schoprinitz | 66 |
| 6) In Auschwitz-Birkenau | 75 |
| 7) Kommando Siemens-Schuckert in Bobrek | 90 |
| 8) Evakuierung, Flucht und Befreiung | 99 |
| 9) Rückkehr nach Frankreich | 112 |
| 10) Mein Leben nach der Deportation | 121 |
| 11) Leben mit der Erinnerung | 131 |
Simone Veil
Vom Überleben der Erinnerung
Sechzig Jahre nach seiner Verhaftung und nach seiner Deportation beschloss Paul Schaffer seine Geschichte aufzuschreiben, die sie jetzt lesen werden und die trotz ihrer Einzigartigkeit beispielhaft ist. Beispielhaft, weil die Ereignisse, die sein Leben erschütterten, in gleicher Weise das Leben zahlreicher Heranwachsender erschütterte, die die Deportation überlebten, deren Familien aber meist vollständig ausgelöscht wurden, nur weil sie jüdisch waren.
Aus Frankreich wurden 76 000 Juden deportiert, weniger als 2551 kehrten zurück, von denen die meisten junge Frauen oder junge Männer waren. Nach der Rückkehr aus den Lagern trafen sie ihre Familie und Freunde nicht mehr an. Sie hatten kein Geld und auch keine persönlichen Erinnerungsstücke an ihr vorheriges Leben. Wenn es nicht die Deutschen waren, die die Wohnungen ihrer Eltern vollständig ausgeräumt hatten, so hatten sich die Nachbarn bedient.
Ihre einzigen Andenken waren in ihren Herzen und in ihren Köpfen: das frühere Glück, eine behütete Kindheit, die durch die Deportation brutal abgebrochen und durch das Verschwinden aller ihrer Lieben in den Gaskammern endgültig beendet wurde. Zu den guten Erinnerungen kamen die schlechten, die an Übergriffe und Gewalt, an die Unmenschlichkeit der Welt der Konzentrations- und Vernichtungslager, aus der sie wie durch eine Wunder herausgekommen waren.
Sie hatten keine herkömmliche Schullaufbahn und waren zu jung für eine Berufsausbildung gewesen. Für Ersatz mussten sie selber sorgen, genauso wie für die Wiedereingliederung in ein bürgerliches Leben. Es war nicht einfach, in ein normales Leben zurückzukehren, nicht einmal den Anschein von Normalität hervorzurufen.
Oft haben sie sehr schnell eine Familie gegründet, selbst wenn sie wussten, dass diese niemals diejenige ersetzten konnte, die im Strom der Geschichte untergegangen war. Um wieder Geschmack am Leben zu finden, brauchten sie eine Atmosphäre der Geborgenheit und des persönlichen Glücks. Sie suchten das wiederzugewinnen, was sie vorher kennengelernt hatten. Trotzdem hat die Erinnerung an ihre schmerzliche Vergangenheit niemals aufgehört die Überlebenden heimzusuchen, selbst wenn sie lange Zeit kaum darüber gesprochen haben.
Wenn einige es vorgezogen haben, ihr Schweigen zu wahren, so mag es daran liegen, dass sie sich nicht in der Lage sahen, Vergangenheit und Gegenwart in Übereinstimmung zu bringen, und dass sie die Last ihrer Erinnerung nicht auf ihre Angehörigen übertragen wollten. Andere wurden zum Schweigen gebracht, weil sie nach ihrer Rückkehr auf Unglauben oder Gleichgültigkeit stießen. Hinter dieser Gleichgültigkeit verbarg sich in Wirklichkeit die Schwierigkeit der „anderen“ die Distanz und das Unverständnis zu überwinden, dass sie von den Heimkehrern trennte. Eine scheinbar unüberwindliche Mauer entstand so zwischen ihnen und den ehemaligen Deportierten, die aus einer Welt zurückgekommen waren, die nichts Menschliches mehr hatte, von denen man sagen könnte, sie wären auf der andern Seite der realen Welt gewesen.
So blieb dieser Teil der Geschichte während langer Jahre nur unter uns, den ehemaligen Deportierten, lebendig. Wir trafen uns und redeten unermüdlich über das, was uns zugestoßen war - in einer mehr oder weniger verschlüsselten Sprache. Wieder und wieder haben wir über unsere Erinnerungen gesprochen, die Geschwisterlichkeit wiedergefunden, die uns ermöglichte, zu überleben, die grausamsten Momente heraufbeschworen, uns oft darüber lächerlich gemacht - auch unter uns war das die einzige Art und Weise, überhaupt darüber reden zu können. Die Deportation hat das Gefühl entstehen lassen, zu einer anderen, einer fremden Welt zu gehören. Was immer auch unsere Gegensätze und Unterschiede sein mögen, unsere gemeinsam erlebte Erfahrung führt dazu, dass wir das Leben aus einem anderen Blickwinkel sehen als die anderen Menschen.
Die Jahre sind vergangen, die Zeiten haben sich geändert. Neue Generationen kamen. Sie sind besser als wir selbst im Zuhören, weil sie weniger direkt betroffen sind. Sie sind neugierig, und sie brachten uns zum Reden. Als wir älter wurden, wurde uns bewusst, dass es eine Notwendigkeit ist, was wir als Zeitzeugen gesehen und erlebt haben weiter zu vermitteln, damit es seinen Platz in der Geschichte einnimmt. So haben wir die Herausforderung zu reden angenommen: auch angesichts unserer Kameraden, die unter unsäglichen Bedingungen starben - damit man sie nicht vergisst. Auch wenn unsere Berichte lange Zeit verschmäht gewesen sind und von den meisten Historikern zurückgewiesen wurden, weil die einzelnen Opfer notwendigerweise nicht die ganze Wahrheit wissen können, und sie von daher als unglaubwürdig eingestuft wurden, so gibt es doch mehr und mehr ehemalige Deportierte, die das Wort oder die Feder ergreifen.
Der Wunsch, auf die Verbreitung der These Auschwitz und die Shoah habe es nie gegeben, zu antworten, ist ein Motiv die Aussagen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu sammeln, solange es noch Zeit ist. Ein anderes Motiv ist das Anliegen, die Darstellung der Shoah nicht nur Filmen und Romanen zu überlassen, die sich mitunter doch recht weit von der Wirklichkeit entfernen. Verschiedene Organisationen bemühen sich nun um die Dokumentation und Verleger sind eher bereit, die Berichte auch zu veröffentlichen.
Für Paul Schaffer war es vor allem Pflichtbewusstsein, das ihn dazu brachte, sein Werk zu schreiben und zu vollenden, wie groß auch immer die Schwierigkeiten und die Schmerzen dieser Arbeit und der Erinnerungen, die sie auslöste, gewesen sein mögen.
Es geht dabei nicht nur darum, über die besonders grausame Zeit seines Lebens zu berichten, die Verfolgung in Österreich, die Flucht nach Belgien, das Entkommen nach Frankreich, die Jahres des Lebens im Verborgenen, die Festnahme, die Deportation mit seiner Mutter und seiner Schwester, die bei ihrer Ankunft in Auschwitz vergast worden sind. Er schildert auch das Familienleben mit seiner Schwester, seinen Eltern und seinen Großeltern und allen anderen, die zu seiner Kindheit in Wien vor dem „Anschluss“ gehörten. Fast aus jeder Zeile seines Berichtes spricht seine Dankbarkeit für das Glück, das sie ihm geschenkt haben. Das Glück hat er im Grunde seines Herzens bewahrt, sicher mit einer gewissen Trauer, aber auch mit einer sehr großen Zärtlichkeit. Es war das einfache Glück eines kleinen Jungen im Schoße seiner Familie, das der Ferien, der langen Spaziergänge, der Naschereien bei den besten Zuckerbäckern. Es war auch die Schule und die Spiele mit seinen Kameraden, oder auch seine geliebte Briefmarkensammlung, an der er so hing, dass er sie heimlich mitnahm, als die Familie Österreich verlassen musste.
Das Unheil, das über seine glückliche Familie hereinbrach, erscheint desto dramatischer. Noch die Erinnerungen, die Jahrzehnte später zusammengetragen wurden, vermitteln die Verblüffung und die Verwirrung, die die völlig assimilierten (angepassten) deutschen und österreichischen Juden angesichts der Verfolgungen befiel.
Von allen diesen Ereignissen spricht Paul Schaffer mit Scharfsicht und ohne Zugeständnisse. Er schreibt ohne Selbstmitleid, nur mit der Sorge und der Pein, die er für die Seinen während der Prüfungen empfand, die der Tragödie vorausgingen.
Die Aufmerksamkeit, die er anderen, mehr als sich selber entgegenbrachte, erstaunt für einen Jungen seines Alters. Auch wenn seine Eltern voller Angst waren, sich verstecken und eine neue häusliche Umgebung schaffen mussten, der kleine Paul beklagt sich nie, er gibt sich nie geschlagen. Er interessiert sich für alles, lernt französisch und tischlern, als er nicht mehr zur Schule gehen kann. Die Beziehungen zu den Bewohnern von Revel, wo die Familie Zuflucht gefunden hatte, begünstigte das sehr. Einige Einwohner dieses kleinen Ortes im Südwesten Frankreichs haben die Familie Schaffer besonders mutig unterstützt. Paul Schaffer streicht heraus, welch wichtige Rolle die französische Polizei spielte. Die Ortspolizisten haben seine Familie verhaftet und waren besonders eifrig, ihn wiederzufinden, nachdem ihm eine kurze Zeit der Freiheit zugestanden worden war.
Wenn es um die guten und die schlechten Erinnerungen an Revel geht, spricht er viel lieber von den guten. Obwohl er nur knapp zwei Jahre in Frankreich gelebt hatte, kehrte er ohne zu zögern dorthin zurück, als er befreit worden war.
Ich habe Paul Schaffer während der Deportation kennengelernt. Ich weiß, das er seine Haltung, die ohne Verachtung und ohne Hass ist, nicht erst seit heute einnimmt. Er hat sie sich nicht für seinen Bericht zurecht gelegt. Sie zeigt seinen wahren Charakter, der sich nie von Gräueltaten, der Gewalt oder den Erniedrigungen des Lagers angezogen fühlte – was den Verdiensten seines Berichtes einen weiteren hinzufügt.
Wir haben uns zum ersten Mal Anfang Juli 1944 in Bobrek getroffen, einem kleinen Außenlager, dass einige Kilometer von Auschwitz-Birkenau, dem riesigen Vernichtungslager, entfernt lag. Es waren ungefähr dreihundert Deportierte, darunter nur etwa dreißig Frauen. Diese waren überwiegend bei Bau- und Planierungsarbeiten eingesetzt, während die Männer generell in der Fabrik arbeiteten. Das Lagergelände war sehr begrenzt, Frauen und Männer hatten die Gelegenheit sich zu treffen, sogar freundschaftliche Beziehungen einzugehen, obwohl das nicht erlaubt war. Diese Beziehungen haben bis heute angehalten, ganz besonders zwischen denen, die aus Frankreich deportiert worden waren.
Paul Schaffer war damals neunzehn Jahre alt. Obwohl er - bevor er im September 1943 nach Auschwitz kam - bereits seit einem Jahr in zwei anderen Arbeitslagern festgehalten worden war, hatte er sich seine menschlichen Qualitäten bewahren können, was ganz außergewöhnlich war. Es stand im schroffen Gegensatz zu der Atmosphäre der Gewalt, die im Lager herrschte. Seine Würde, seine Freundlichkeit gegenüber jedermann, eine gewisse Form von Höflichkeit, erscheint mir noch heute als der schönste Sieg über ein Lagersystem, das darauf ausgerichtet war, uns zu erniedrigen und auf das Dasein von Tieren zu reduzieren.
Sogar als er erfuhr, dass seine Mutter und seine Schwester, wie der größte Teil der Deportierten ihres Transportes, bei ihrer Ankunft in Auschwitz vergast worden waren, überließ er sich nicht dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Er wollte überleben, er hat sich dabei nie selbst erniedrigt, was immer auch geschah, und er hat stets nach Möglichkeiten gesucht, auch den anderen zu helfen. Auf Grund seiner Charakterstärke wusste er, wann der Moment gekommen war, Klugheit und Mut zu beweisen, um manchmal auch riskante Entscheidungen zu fällen, die ihm aber einer größere Chance des Überlebens zu geben schienen.
Alle, die in Bobrek gewesen sind, hatten es dem einen oder anderen glücklichem Umstand zu verdanken, dass sie in dieses Kommando gekommen waren. Für einige war es so, dass ihnen die Zuneigung oder das Mitleid eines der Verantwortlichen des Lagers nutzte, wie es bei mir Fall war. Soweit es Paul Schaffer betrifft, war er es selber, der seine Chance ergriff.
Um das zu erreichen, hatte er bei seiner Ankunft im Lager angegeben, dass er eine Ausbildung als Metallarbeiter hätte und dass er deswegen qualifiziert sei, in einer Fabrik zu arbeiten. Er verhielt sich nicht anders als die Mehrheit seiner Kameraden, die hofften, den schwersten Arbeiten auf diese oder ähnliche Art und Weise zu entkommen. Das mit der Ausbildung war natürlich nicht wahr. Zu dieser Behauptung brauchte Paul Schaffer eine große Portion Geistesgegenwart und Wagemut. Tatsächlich wusste er, dass er einen Test machen musste und dass dieser nicht sehr überzeugend ausfallen würde. Das war ganz offensichtlich der Fall, aber er muss etwas Besonderes an sich gehabt haben, einen Willen zum Leben, eine Gabe, dem Prüfer zu vermitteln, dass er in der Lage sein würde zu lernen.
In unserer kleinen Gruppe von Frauen war ein Mädchen, in das Paul Schaffer sich verliebt hatte. Er schlug ihr während des „Todesmarsches“ vor zu fliehen, weil er sie nicht in der Gefahr zurücklassen wollte. Sie wollte nicht mit ihm gehen, weil sie die Hoffnung hatte, ihren Bruder wiederzufinden, der ebenfalls deportiert worden war. Mit einigen Schwierigkeiten hat Paul Schaffer ihn tatsächlich im Lager Gleiwitz wiedergefunden, wo wir festgehalten wurden, bevor man uns in Züge verlud. Er selber schildert das Idyll mit diesem Mädchen, was mir meinerseits erlaubt, darauf zu sprechen zu kommen und zu sagen, wie sehr wir alle von der Liebe dieser beiden jungen Leute berührt waren. Diese sehr romantische Geschichte zeigte uns, dass selbst im Lager Platz war für reine und uneigennützige Gefühle. Sie löste bei uns allen Träume an die Dinge aus, die in unserem elenden Leben so sehr fehlten.
Als sich im Januar 1945 die sowjetische Armee Auschwitz näherte, wurden wir nach einem langen Gewaltmarsch in Richtung Westen transportiert. Er zögerte nicht, das Risiko auf sich zu nehmen und mit einem Kameraden aus dem Zug zu springen, weil er hoffte, dass er sich bis zur Ankunft der russischen Soldaten verstecken könne. Er wusste wohl, dass er auf der Stelle getötet werden würde, wenn die SS ihn wiederfände oder wenn ihn die Einwohner aus der Umgebung denunzierten. Nach einigen Tagen der Gefahr und des Herumirrens in der Gefechtszone wurde er befreit.
So entkam er mehreren Tagen des Transportes in offenen Waggons bei eisiger Kälte, in denen viele Deportierte an Hunger und Erschöpfung starben. Diese Flucht, die von der Mehrheit als zu riskant eingeschätzt wurde, verminderte die Dauer seiner Deportation um einige Monate, während Typhus und Hunger eine große Zahl von Deportierten noch ganz kurze Zeit vor dem Ende des Krieges dahinrafften. Dort wo einige zögerten oder zurückschreckten, hatte er den Instinkt sich zu sagen: „Ich habe eine Chance. Jetzt. Gleich. Ich muss sie nutzen.“
Der Bericht von Paul Schaffer endet nicht mit der Befreiung und der Rückkehr. Kaum in Frankreich angekommen, traf ihn der Schmerz zu erfahren, dass sein Vater im Krankenhaus von Revel gestorben war - kurz nach der Deportation seiner Frau und seiner Kinder. Von den Schwierigkeiten der folgenden Jahre, seinem Willen zu lernen und etwas zu unternehmen, spricht er wenig. Es war gewiss ein langer und schwieriger Weg für ihn in Frankreich, ohne Eltern und Verwandtschaft, ohne Beziehungen, ohne Geld, ohne Berufsausbildung, von Zeugnissen ganz abgesehen.
Er sagt nicht, wie viel Energie und Mut es ihm abverlangte, sich in einem Land einzugliedern, dass er nur durch das Leben in einer kleinen Stadt kannte. In Toulouse ließ er sich zum Ingenieur ausbilden. Die Ausbildung schloss er in einer Einrichtung der ORT (Organisation, Reconstruction, Travail – einer Hilfseinrichtung der Nachkriegszeit) ab. Er blieb dort einige Jahre als Lehrbeauftragter. Weil er sehr begabt war, hätte er eine Karriere in der Lehre machen können. Aber er war sich seiner Fähigkeiten bewusst und wünschte eine Anstellung, in der er mehr Verantwortung übernehmen konnte. Als Angestellter in einem kleinen Betrieb mit etwa zwanzig Mitarbeitern wurde er schnell Mitinhaber, später Chef des Unternehmens.
Als er dreißig Jahre später die Firma verkaufte, beschäftigte die Fabrik dreihundert Arbeiter und war eine der modernsten und wichtigsten Anlagen in ihrem Geschäftsbereich. Nicht ohne Bedauern traf er die Entscheidung, sich von dem zu trennen, was er in jahrelanger Arbeit mit einem ihm sehr gewogenen Mitarbeiterstab geschaffen hatte, aber er dachte an seine Familie und wollte sich auch anderen ihm wichtigen Dingen widmen, mit denen er sich bislang nicht so intensiv hatte beschäftigen können, wie er es sich gewünscht hatte.
Im Rahmen der Französisch-Israelischen Gesellschaft, deren stellvertretender Vorsitzender er geworden ist, arbeitet er inzwischen für die Freundschaft zwischen diesen beiden Ländern. Er verbindet so die Liebe, die er seiner Wahlheimat Frankreich entgegenbringt mit dem Glauben an Israel, dem Land, in dem er sich eigentlich nach der Rückkehr von der Deportation hatte niederlassen wollen.
Darüber hinaus beansprucht die Beschäftigung mit der Erinnerung an die Deportation und die Shoah seine Zeit. Er ist aktiv in verschiedenen Zusammenschlüssen von Deportierten. Als Zeitzeuge stellt er sich immer häufiger Bildungseinrichtungen zur Verfügung, damit die neuen Generationen, die jene Ereignisse nicht selber miterlebt haben, sie zur Kenntnis nehmen und wissen, was vorgefallen ist.
Aus diesen Begegnungen mit jungen Menschen ergibt sich für ihn selber eine große Bereicherung. Paul Schaffer weiß, wie er Aufmerksamkeit erhalten, mit Gefühlen umgehen sowie vertrauensvolle Beziehungen und ganz außergewöhnliche Freundschaften eingehen kann. Es ist eine herausfordernde und schwierige Aufgabe. Für alle ehemaligen Deportierten ist es heikel, von einer Vergangenheit, die schmerzhaft bleibt, zu berichten und dabei den richtigen Ton zu treffen, der die grausame Wirklichkeit schildert, ohne dass die jungen Seelen Schaden nehmen.
Wie spricht man über Ereignisse, die notwendigerweise sehr lange zurück zu liegen scheinen, wo doch das Fernsehen jeden Tag neue Konflikte und Tragödien auf diesem Planeten zeigt? Wie macht man den Schülerinnen und Schülern die Besonderheit der Shoah verständlich und wie hilft man ihnen daraus eine Lehre für heute zu ziehen, ohne der Vergangenheit Unrecht zu tun? Die Nüchternheit und die Wahrhaftigkeit des Berichtes von Paul Schaffer verleiht ihm eine besondere Qualität des Gefühls. Die Botschaft, die er verkündet, gewinnt dadurch nur an Wert.
Es besteht kein Zweifel daran, dass Paul Schaffer unter seinen erwachsenen Leserinnen und Lesern die gleiche Sympathie und das gleiche Einverständnis finden wird, wie unter den Kindern und Jugendlichen, zu denen er schon so oft gesprochen hat. Den Erwachsenen wie den Jugendlichen zeigt er das Beispiel eines jungen Mannes, der es geschafft hat, dem Unglück zu widerstehen, den Erniedrigungen und den Leiden des Lebens im Konzentrationslager, und der obendrein ein guter Mensch geblieben ist.
Für das Bild, das er von den ehemaligen Deportierten zeichnet, das Vertrauen in die Menschlichkeit, das er zu bewahren gewusst hat, sei ihm gedankt.
Vorbemerkung
Nur die Schrift kann das Gedächtnis an die Shoah, die Unbeschreibbare, über unser Leben hinaus bewahren und das Echo der Botschaft der Zeitzeugen erhalten. Mit dem Tod der letzten Überlebenden wird eine unschätzbar wertvolle Quelle der Erinnerung endgültig versiegen.
Der schriftliche Bericht ist unbestreitbar das wichtigste Mittel um die Wahrheit darüber zu aufzubewahren, was unsere Leiden, unsere Erniedrigungen und unsere Hoffnungen waren.
Er soll außerdem das unauslöschliche Andenken aller Opfer schützen, denen es nicht vergönnt war, ihren Lebenszyklus auf natürliche Weise zu vollenden.
Das Schreiben verlangte mir ab, schmerzliche Erinnerungen wieder auferstehen zu lassen, die ich gerne weiterhin tief in meinem Innersten verborgen gehalten hätte. Sie sind in meine Erinnerung eingebrannt, wie die Zahlen der Nummer aus Auschwitz auf meinem Arm eintätowiert sind, sie bleiben unauslöschliche Narben. PS
Wenn das Echo unserer Stimmen verklingt, werden wir vergehen. (Paul Eluard)
1 Meine Kindheit in Wien
In der Nacht des 27. November 1924 war es kalt in Wien. Die Straßen waren verschneit. Sechszehn Monate nach der Geburt meiner Schwester Erika entbanden Dr. Koch, unser Hausarzt, und eine Hebamme meine Mutter von ihrem zweiten Kind. Der Arzt beglückwünschte sie und sagte ihr, dass das Kind sehr gut entwickelt wäre, wie ein Säugling acht Tage nach der Geburt, worauf sie sehr stolz war. Unsere Mutter war gerade dreiundzwanzig Jahre alt. Wahrscheinlich machen Ärzte jungen Gebärenden häufig solche Komplimente.
Mein Großvater mütterlicherseits war zwei Jahre vor meiner Geburt gestorben. So erbte ich ganz selbstverständlich seinen Vornamen Paul, „Pessach“ das hebräische Wort für Passah. Die englische Übersetzung „Passover“ gefällt mit besser (etwas überwinden). Die Hindernisse, die ich während meiner Jugendzeit zu überwinden haben sollte, stellten sich als zahlreich heraus!
Meine Mutter erzählte mir oft voller Bewunderung von ihrem Vater. Aufgrund ihrer Erzählungen habe ich mir von ihm ein Bild gemacht, das ihn als starken, großen und vor allem sehr klugen Mann zeigte. Eine der Anekdoten, die sie mir unter anderen erzählte, beeindruckte mich ganz besonders. Sie ist aufschlussreich, weil sie zeigt, welchen Wert er auf Bildung und Wissen legte.
Mein Großvater Pessach baute Eisenbahnlinien. Dieser Beruf wurde in jener Zeit sehr selten von einem orthodoxen Juden ausgeübt, besonders in Galizien, Teil des Kaiserreichs Österreich-Ungarn. Durch seinen Beruf war er verpflichtet, sich mit seinen Ingenieuren und Technikern etappenweise entlang der verschiedenen Eisenbahnstrecken niederzulassen, um die Arbeiten anzuleiten. Seine Familie begleitete ihn auf seiner Wanderschaft, genauso wie ein Lehrer und Erzieher für seine zahlreichen Kinder. Großvater bezahlte diesen Mann nicht mit „gewöhnlichen“ Banknoten, sondern nach seiner Meinung waren ausschließlich Goldstücke, die damals noch allgemein in Umlauf waren, von ausreichendem symbolischen Wert, um die zu entlohnen, die ihr Wissen an die Kinder weitergeben.
In Wien folgte unser alltägliches Leben dem Rhythmus des Sabbats und der Feiertage. Zur Vorbereitung des Freitagabend arbeiteten meine Mutter und meine Großmutter schon am Donnerstag in der Küche um verschiedene Sorten von Speisen vorzubereiten, wie die „Halah“, ein besonderes Brot. Halah wurde bei uns mit Mohnsamen verziert und zu den berühmten gefüllten Karpfen und dem klassischen Huhn im Topf gegessen. Die Erinnerung an den unübertrefflichen Geschmack des Brotes und auch der Kuchen aus dem Backofen meiner Mutter lässt mir heute noch das Wasser im Mund zusammenlaufen und einem Apfelstrudel oder ähnlichem kann ich einfach nicht widerstehen. Die besonderen Gerüche der Festtagsgerichte, die für den Freitagabend vorbereitet wurden, den Beginn des Sabbat, und die aufgeräumte Atmosphäre, die im Hause herrschte, habe ich nie wiedergefunden...
Die Karpfen stammten hauptsächlich aus der Donau, von der es hieß, dass sie blau wäre. Als Kind habe ich große Anstrengungen unternommen, um die blaue Farbe dieses Flusses zu sehen. Er erschien mir riesengroß, geheimnisvoll, alles — nur nicht blau.
Wenn wir alle um den Esstisch versammelt waren, fühlte ich mich geborgen. An diese Freitagabende habe ich eine Erinnerung wie an ein sich stets wiederholendes Fest. Am Ende der Mahlzeit stimmte meine Mutter mit ihrer melodischen Stimme hebräische Lieder an und wir wiederholten den Refrain im Chor. Sie verfügte über ein großes Repertoire an jüdischen Volksliedern, dem einige Stücke, die mein Großvater Pessach komponiert hatte, hinzugefügt waren. Ich bewahre die Lieder in meinem Gedächtnis und ich singe sie gerne - mit einem Vergnügen, in das sich Wehmut mischt, besonders zu Passah, - begleitet von meiner Frau und meiner Tochter.
Ganz in der Nähe unserer Wohnung in Wien lag ein Park, der in mehrere kleine Grünanlagen aufgeteilt war. Meine Mutter ging mit mir fast jeden Tag dorthin. Eines Tages, als sie sehr angeregt mit ihren Freundinnen plauderte, verlor sie mich aus den Augen. Verzweifelt machte sie sich auf die Suche nach mir. Mir war gar nicht klar, welchen Aufruhr ich ausgelöst hatte und stand am Rande eines Sandkastens, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Mit Neid beobachtete ich, wieviel Spaß die anderen Kinder beim Spielen hatten. Ich hätte so gerne mitgespielt, aber ich wollte mich nicht schmutzig machen — und schon gar nicht wollte ich Sand in meine Schuhe bekommen.
Meine frühe Jugend ist besonders eng mit diesem Park verbunden. Jeden Tag ging ich auf dem Weg zur Schule an den Gittern entlang, die den Park umgaben. In den langen und strengen Wintern wurde auf einer der Flächen eine Eisbahn eingerichtet und nach den Klängen typischer Wiener Musik lief ich Schlittschuh mit meiner Schwester und mit meinen Freunden. Das verschneite Wien, unsere Schlitten mit denen wir auf den abschüssigen Straßen rodelten, unsere Nasen, unsere Ohren, unsere Wangen von der Kälte gerötet, das sind die sorglosen und fröhlichen Bilder dieser wunderbaren Jahre.
Zu Hause war ich ein kleiner Junge, der umsorgt und geliebt wurde. Ich war fast nur von Frauen umgeben: meiner Großmutter, meiner Mutter, ihrer jüngeren Schwester Clara, die sechszehn Jahre alt war und meiner Schwester Erika. Mein Vater, der als Versicherungsvertreter arbeitete, ging morgens früh aus dem Haus und kam erst spät abends zurück. Oft schlief ich dann schon.
Mutter war die einzige, die sich meinen Launen nicht fügte. Ich hielt sie deswegen für ziemlich streng. Dabei war sie sanft, liebevoll, für Späße durchaus zu haben. Oft hörte ich sie laut heraus lachen, wenn sie mit ihren Freundinnen zusammen war.
Mit drei Jahren bildete ich mir ein, nicht mehr größer zu werden, und mir schien es, dass meine Großmutter immer kleiner werden würde. Tatsächlich war sie nicht besonders groß. Daraus zog ich den Schluss, dass sie eines Tages meine Größe erreichen würde und nicht umgekehrt. Eines Tages zerbrach ich eine der Nippesfiguren, von denen meine Mutter ziemlich viele besaß. Ich hatte eine Tracht Prügel verdient. Um meiner Mutter die Strafe auszureden, sagte ich im Brustton der Überzeugung zu ihr:
„Wenn ich eines Tages groß sein werde und du klein sein wirst, dann wirst du schon sehen, wie weh das tut!“
Entwaffnet musste sie lachen und mich liebevoll an sich drücken!
Nur aus Spaß tat sie manchmal so, als ob sie ernsthaft nach einem Rohrstock suchen würde, um mich mit seiner Hilfe zu „erziehen“. Als sie nach meinem Spazierstock griff, protestierte ich empört:
„Nein, doch nicht mit meinem!“
Wir hatten mehrere Stöcke zu Hause, mein Vater benutzte einen Krückstock in Folge seiner Kriegsverletzung. Außerdem waren Spazierstöcke damals Mode. Mein Spazierstock, in dessen Holz Edelweißblüten geschnitzt waren, war ein Andenken an Ferien in Worochta, einem kleinen Bergdorf in den Kaparten, das als Wintersportort bekannt war. Papa war dort geboren. Ich war drei Jahre alt gewesen, als mein Vater und ich diese weite Reise gemacht hatten. Wir brauchten über zwanzig Stunden mit dem Zug, um zu seinen Eltern zu fahren. Neben dem Bauernhof meiner Großeltern war ein Pferdestall. Unter den Pferden befand sich ein Pony. Jeden Tag bin ich reiten gegangen und binnen kurzem entwickelte ich eine große Leidenschaft dafür.
Als wir wieder nach Hause zurück mussten, wollte ich mich nicht von dem Pony trennen. Um mich zu beruhigen, versprach man mir, dass das Tier auch in dem Zug sein würde und dass ich es in Wien wieder bekäme. Dies wurde meine erste große Enttäuschung. Ich hatte den Erwachsenen vertraut, und sie hatten mich betrogen. Noch lange habe ich von meinem zutraulichen Spielkameraden geträumt.
Von dem Aufenthalt blieb mir ein Foto, dass mit den Jahren vergilbt ist. Es zeigt mich, wie ich auf den Knien meines Vaters sitze, vor einem Heuhaufen auf einem der Felder meines Großvaters. Seit damals haben Berge immer eine besondere Anziehungskraft auf mich ausgeübt, weil sie mich an Worochta erinnern. Ich mochte die Stille und dass es dort nach unberührter Natur roch.
Meine Einschulung fand mit fünf Jahren statt, für meinen Geschmack war das etwas früh. Mein Lehrer hieß Rudolph Tretter, hatte ein rundes, freundliches Gesicht und mochte mich sehr.Eines Tages sollte ich eine Schreibübung mit kleinen Kreuzen beenden. Ich weigerte mich, sie zu Papier zu bringen.
„Aber Paul, warum willst du keine Kreuze malen?“
„Weil die Juden keine Kreuze machen dürfen!“
Diese Antwort war wahrscheinlich durch Verhaltensregeln meiner Großmutter angeregt, die ich falsch ausgelegt hatte.
Ein Lehrer kam außerdem zu uns nach Hause, um mich Hebräisch lesen zu lehren.
Während eines Elternabends beglückwünschte Herr Tretter schon bald meine Mutter, dass ich bereits schreiben könne wie ein Großer. Voller Stolz erzählte sie ihren Freundinnen von meiner Meisterschaft, ohne meine Anwesenheit zu beachten. Das Ergebnis war verheerend. Ich zog daraus die Schlußfolgerung: wenn ich schon schreiben könne wie ein Großer, dann brauchte ich mich nicht mehr anzustrengen. Seit dem fanden nur noch die Lektionen, die mich wirklich interessierten, meine Aufmerksamkeit. Meine Eltern und Herr Tretter waren von diesem plötzlichen Wechsel sehr überrascht, weil sie wußten, dass ich weit mehr leisten konnte. Von da an tauchte die Bemerkung „könnte besser sein“ oft unter meinen Aufgaben auf.
Eines Tages blieb meine Mutter im Bett, weil es ihr nicht gut ging. Ich fragte sie, wie ich ihr einen Gefallen tun könne.
„Ich würde gerne eine Apfelsine essen,“ antwortete sie.
Wir hatten keine Apfelsinen zu Hause und so lief ich schnell zu unserem Kaufmann, um welche zu holen. Im Laufen schälte ich eine der Orangen, weil ich sie ihr sofort nach der Rückkehr anbieten wollte. Nie werde ich den liebevollen Blick vergessen, mit dem sie ihren kleinen Jungen ansah. Erst als ich erwachsen geworden war, habe ich verstanden, warum eine solch einfache Geste sie so bewegen konnte.
Stundenlang konnte ich mich in das Spiel mit meinem „Schatz“ versenken, den ich in einem Kästchen angesammelt hatte. Er bestand aus einem ziemlichen Sammelsurium von Schnüren, Draht, Holzstücken, Nägeln, Schrauben, Muttern... alles eigentlich zum Wegwerfen bestimmt und von mir als Kostbarkeit wiederverwertet.
In der Familie hatte ich einen Ruf als „Heimwerker“. Eines Tages bat mich unsere Nachbarin Frau Farb, eine Kriegerwitwe, die leichtgläubig und wohl auch etwas geizig war:
„Paulchen, mein Wecker geht nicht mehr. Kannst du ihn reparieren?“
„Aber natürlich, geben Sie ihn mir.“
Angesichts meiner Forschheit vertraute sie mir dummerweise. Das Auseinandernehmen war kinderleicht, das Zusammensetzen unmöglich! Völlig beschämt gab ich ihr den Wecker in seinen Einzelteilen zurück. Wütend beklagte sie sich bei meiner Mutter, die aufmerksam zuhörte und zur meiner Verteidigung mit einem kaum verhohlenem Lachen sagte:
„Aber hören Sie mal, wie konnten Sie nur glauben, dass Paulchen ihren Wecker reparieren könnte. Er ist ein Kind.“
Die Schule wurde schwieriger. Um meinen Eltern eine Freude zu machen, versuchte ich, mich mehr anzustrengen. Wenn meine Noten schlecht waren, nutzte ich die mangelnde Strenge meines Vaters aus, indem ich ihm am Morgen, kurz bevor er aus dem Haus mußte, die Nachrichten meiner Lehrer zur Unterschrift hinhielt. Normalerweise sagte er mir:
„Das kann doch warten. Wir schauen uns das heute abend gemeinsam an.“
Ich aber wußte, dass er das bei seiner Rückkehr schon längst vergessen zu haben schien... Er bestrafte mich selten. Die Erziehung der Kinder überließ mein Vater unserer Mutter. Dabei vertraute er vollständig darauf, dass sie das schon gut machen würde.
1933 fuhren wir zum letzten Mal in die Ferien nach Worochta. An meinen Großvater väterlicherseits, Jakob, erinnere ich mich als einen alten Mann, der oft an dem Tisch des großen Zimmers saß, das als Esszimmer diente. Stundenlang versenkte er sich in dicke Bücher, um den Talmud zu studieren, während er sich mechanisch über den Bart strich. Von Zeit zu Zeit knuffte er mich freundlich in die Backe, nahm mich auf die Knie und stellte mir Fragen, um meine Kenntnisse in Hebräisch zu prüfen. Das war mir furchtbar unangenehm und ich tat alles, um diese Situation zu vermeiden.
Meine Großmutter Feiga war eine schlanke und energische Frau. Einen Teil des Tages verbrachte sie in ihrem Gemischtwarenladen, der neben dem Haus lag. Außerdem kochte sie für ihre Kinder und einen ganzen Haufen Enkel.
Ihr Geschäft war ein „Tante Emma – Laden“ wie man ihn heute manchmal noch auf dem Lande sieht. In den Regalen konnte jeder finden, was er brauchte. Das konnten Lebensmittel sein oder Nähzeug, bis hin zu großen Lederstücken, die man brauchte, um Schuhe zu reparieren.
Eine Ecke war besonders bei den Kindern des Dorfes beliebt. Dort gab es ein glattes Holzbord mit vielen Löchern, die von geblümtem Papier verdeckt waren. Hinter jedem Loch befand sich eine verschiedenfarbige Kugel. Wenn man das Papier mit Hilfe eines Röhrchens durchstieß konnte man - je nach Farbe der Kugel - Bonbons, Schokolade oder andere Süßigkeiten herausfischen.
Im Souterrain gab es einen Schuster, der wie die meisten frommen Männer, einen Bart trug. Er machte ihn älter, als er wirklich war. Der Schuster beeindruckte mich, weil er einen hölzernen Modellfuß besaß, wie ich ihn noch nie vorher gesehen hatte. Ich bewunderte den Mann, weil er selbst stark abgetragene Schuhe reparieren konnte. Die ganz Armen, die nur ein einziges Paar Schuhe besaßen, warteten geduldig in seinem Laden, bis sie mit den fertigen Schuhen wieder gehen konnten. Während dieser Zeit wurde lebhaft diskutiert, was häufig damit endete, dass man ein Zitat aus dem Talmud erörterte. Das brachte mich zu der Überzeugung, dass der Schuster und seine Kunden Gelehrte sein müssten.
Von der väterlichen Seite meiner Familie erinnere ich mich ganz besonders an den jüngeren Bruder meines Vaters. Max, ein kräftiger Bursche, kümmerte sich um den Hof. Wenn es am Samstag in die Synagoge ging, setze er sich seinen kleinen Neffen aus Wien auf die Schultern, damit der seine weißen Söckchen und seine Lackschühchen nicht mit dem Schlamm einer nicht-asphaltierten Straße beschmutzte. Max hatte zahlreiche Schwestern, die alle verheiratet waren und wiederum mehrere Kinder hatten. Nur die jüngste, Dora, war ledig. Wie schön waren doch diese großen Familien von früher!
Unglücklicherweise weiß ich nicht mal ihre Namen und ich nahm nicht wahr, was mit ihnen während der Shoah geschah. Wahrscheinlich sind sie, wie Tausende andere auch, untergegangen — ausgelöscht wie alle Gemeinden in diesen Städten und Dörfern mit deren Zerstörung auch die Kultur des östlichen Judentums, die Sitten und Gebräuche der Menschen und ihr unersetzlicher Humor verloren ging. Heute gibt es nur noch die Erinnerung im Tal der verschwundenen Gemeinden in Yad Vashem in Jerusalem, wo die Namen aller dieser europäischen Orte in Stein gemeißelt sind.
Von der Familie meiner Mutter hat Tante Clara überlebt, die hochbetagt in Florida wohnt. Außerdem zwei Cousins: Max, der mehrere Jahre in Konzentrationslagern verbringen mußte, und Bert, der in Kalifornien lebt. Ironie des Schicksals: sein Bruder Paul, Soldat in der amerikanischen Armee, starb bei der Landung der alliierten Streitkräfte an der Küste der Normandie.
Fußball war eine meiner Leidenschaften. Meine Freunde und ich waren begeisterte Anhänger der ausgezeichneten jüdischen Mannschaft „Hakoah“. Bei den Spielen kam es regelmäßig zu Rangeleien zwischen den gegnerischen Teams und auch zwischen den Fans. Als die Mannschaft 1933 zu Spielen in die Vereinigten Staaten eingeladen wurde, zog es fast die Hälfte der Spieler vor, dort zu bleiben. Angesichts der Ereignisse, die sich in Europa abspielen sollten, war das eine gute Entscheidung.
Wie die meisten Kinder log ich manchmal und wurde dafür bestraft. Ein Vorfall blieb mir besonders im Gedächtnis. Ich war damals zehn Jahre alt und es war die Zeit des Chanukka-Festes, das acht Tage lang dauert. Den Kindern schenkte man damals kleine Kreisel, die aussahen wie Würfel, durch die ein Stil mit einer Spitze ging. Auf den Seitenflächen standen die hebräischen Buchstaben N, G, H und C, Abkürzungen für den Satz „ein Wunder geschah dort (in Jerusalem)“, was an den Ursprung des Festes in der jüdischen Geschichte erinnert. Schon während des ersten Tages verlor ich meinen Kreisel. Ich war arg enttäuscht, und so nahm ich Geld aus meiner Spardose und kaufte mir einen neuen, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Als ich am nächsten Tag in Gegenwart meiner Mutter auf dem Fußboden spielte, trudelte der neue Kreisel unter ein Möbelstück, wo ich auch den alten, den ich verloren hatte, fand. Mit den beiden Kreiseln in der Hand schaute ich voller Unbehagen zu meiner Mutter, die überrascht fragte:
„Nanu, wieso hast du jetzt zwei Kreisel?“
„Nun, Sammy hat mir seinen gegeben.“
„Das ist sehr nett von deinem Freund Sammy, aber nun hat er keinen? Ich glaube nicht, dass du mir die Wahrheit sagst.“
Ich errötete schon immer schnell und angesichts dieser Lüge wurde ich feuerrot. Die Strafe fiel hart aus. Nach so vielen Jahren erinnere ich mich noch daran. Ich habe niemals mehr gelogen.
Kurze Zeit später erklärte sie mir eine goldene Regel:
„Es ist verboten zu lügen, aber man muss auch nicht immer alles sagen.“
Ich brauchte einige Zeit, um diesen Rat anzunehmen, der mir ein Widerspruch zu ihren Erziehungsprinzipien zu sein schien. Später begriff ich, wie wohl begründet er war.
Alles änderte sich zu Beginn des Jahres 1934. Es gab zunächst einen längeren Stromausfall, der politische Veränderungen ankündigte. Es folgte eine Art Bürgerkrieg mit Morden und Verhaftungen. Der Kanzler Engelbert Dollfuß errichtete ein autoritäres Regime, das die sozialdemokratische Partei ablöste, die das Land seit der Niederlage von 1918 und dem Zusammenbruch des österreich-ungarischen Kaiserreichs regiert hatte. Der österreichische Antisemitismus, der unter der Oberfläche stets vorhanden gewesen war, trat nun offen in Erscheinung. Der Einfluss Deutschlands, wo die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernommen hatten, trug wesentlich zu dieser Entwicklung bei.
Seit dem erfuhr ich, was Rassismus bedeutet. In den Schulpausen wurden die Raufereien zwischen den Schülern immer häufiger und immer heftiger. Mein Deutschlehrer, ein Dr. Siegel, sah mir keinen einzigen Fehler in der Satzbildung mehr nach. Wenn mir der kleinste Irrtum unterlief, zog er mich am Ohr von meinem Platz hoch und ahmte den jiddischen Wortklang nach. Diese Art und Weise den jüdischen Akzent zu parodieren, war weit verbreitet.
Die wenigen Glücksmomente, die ich an dieser Schule noch hatte, verdankte ich meiner Französischlehrerin. Meine Schwester hatte schon seit einem Jahr Französisch und ich wußte, dass ich auf sie zählen könnte, wenn es darum ging, meine Hausaufgaben zu machen. Dies trug ein wenig dazu bei, dass ich Französisch als meine zweite Sprache wählte.
Fräulein Sylvestre war jung, schön und ein wenig eitel. Während des Unterrichts trug sie oft einen Hut. Einer ihrer Hüte hatte einen Bommel, der mich faszinierte und sie in meinen Augen noch verwirrender machte. Tatsächlich hatte ich mich in sie verliebt und sie hat es bestimmt mitbekommen. Es dürfte sie belustigt und mir gegenüber milde gestimmt haben.
Zu meiner großen Freude schenkte sie mir ein kleines Buch mit französischen Liedern, aus dem ich unter anderem lernte „Marlborough s' en va-t' en guerre ...“ Um ihr zu gefallen, lernte ich besonders fleißig, ohne zu ahnen, dass Französisch mir einmal sehr nützlich sein könnte.
1936, ich war inzwischen zwölf Jahre alt, schloss ich mich einer zionistischen Jugendgruppe an. Wir nahmen an der jährlichen Gedenkveranstaltung an den Tod von Theodor Herzl, Journalist und Schriftsteller, teil. Er hatte die antisemitische Affäre um den Hauptmann Alfred Dreyfuß in Paris verfolgt und angesichts dieser empörenden Ungerechtigkeit entwickelte er den politischen Zionismus. Herzl war im Alter von 44 Jahren an Erschöpfung gestorben. Er hatte sein Leben der zionistischen Sache geopfert, ihr Leib und Seele verschrieben — in der Hoffnung, dass sie eines Tages Wirklichkeit werden könnte. Eines seiner Bücher beginnt mit: „Wenn ihr es wollt, ist es kein Traum.“ Auf dem Rückweg vom Friedhof wurden wir von einer Horde junger Faschisten angegriffen. Trotz unserer Schreie und Hilferufe stand uns niemand bei. Die Leute wandten sich ab und gingen weiter.
Wegen der allgemeinen Verunsicherung war es mir in den Jahren 1934 bis 1938 verboten, mich allzu weit von zu Hause zu entfernen. Meine Welt war unser Stadtviertel. Während dessen verzichteten wir aber nicht auf unsere Familienspaziergänge auf der berühmten Hauptallee des Wiener Praters, wo wir auf den Kaffeeterrassen einkehrten, um heiße Schokolade mit einer großen Portion Schlagsahne zu trinken. Dazu gab es das typische Wiener Gebäck. In den Musikpavillons spielten Orchester die unvergänglichen Strauß-Walzer und klassische Melodien, wie das „Liebesleid“ von Fritz Kreisler. Erikas und meine größte Freude war es, eine Runde in den Waggons des großen Riesenrades zu drehen, von denen aus man die Stadt bewundern konnte.
An den Sonntagen im Sommer spielte ich mit meinen Freunden Ball im Überschwemmungsgebiet. Das war eine große Fläche, die überflutet wurde, wenn die Donau bei Hochwasser über die Ufer trat. Oder ich ging zum Schachspielen in die Grünanlage gegenüber von unserem Haus. Auf den Bänken trug ich unzählige Partien meines Lieblingsspiels aus.
Später stand auf denselben Bänken:
„Für Juden verboten. Nur für Arier.“
Ein Jahr vor dem „Anschluss“ Österreichs an Deutschland, kam ein guter Freund meiner Eltern zu Besuch, um uns mitzuteilen, dass er nach Palästina gehen würde. Als er uns verließ, zeigte er sich sehr besorgt um unsere Zukunft. Mein Vater, der ein überzeugter Zionist war, begrüßte zwar den Entschluss des Freundes zur Auswanderung, fand seinen Pessimismus jedoch reichlich übertrieben.
Das Datum meiner Bar-Mitzwa-Feier kam näher. Jeden Tag, wenn ich aus der Schule kam, hatte ich eine Stunde Hebräisch. Meine Großmutter war immer dabei, unauffällig in einer Zimmerecke sitzend, folgte sie meinem Unterricht. Meine Volljährigkeit im religiösen Sinne sollte in der Synagoge an einem Samstagmorgen im November 1937 gefeiert werden. Ich war sehr schüchtern und hatte größte Angst, während der Gebete Fehler zu machen. Aber was ich am intensivsten vorbereitete, war die traditionelle Lesung, die ich danach zu halten hatte. Den strahlenden Gesichtern meiner Eltern und meiner Großmutter entnahm ich zu meiner Erleichterung, dass ich diese Prüfungen bestanden hatte.
Was ich am Schönsten fand, war zu sehen, wie meine Großmutter offensichtlich voller Freude und Stolz war - sie, die sich sonst so zurückhaltend zeigte. Ich wusste, dass ich ihr Lieblingsenkel war. Sie segnete mich oft. Aber an jenem Tag tat sie es mit ganz besonderer Inbrunst. Erst später ist mir das zu Bewusstsein gekommen und mir wurde klar, wie wichtig ihr Segen für mich war.
Unter den üblichen Geschenken, die ich bekam, waren zahlreiche Bücher, mehrere Füller, vier Schachspiele, ein Ping-Pong-Spiel und vor allem eine Uhr, die ich mir sehr wünschte und die meine Großmutter mir versprochen hatte. Monatelang auf eine Armbanduhr warten, sie über Jahre zu tragen und sie das ganze Leben lang sorgsam zu behandeln, scheint heute eher etwas Komisches zu sein. Für die Kinder, die mit billigen Plastikuhren aufwachsen, ist das klassische Geschenk der Großeltern entwertet worden.
Meine Großmutter nimmt einen besonderen Platz in meinem Leben und in meiner Erinnerung ein. Für mich empfand sie eine Zuneigung, die keine Grenzen kannte. Mit den Jahren schwanden jedoch ihre Kräfte. Ich kannte sie mit einem immer etwas traurigen Blick – traurig wie der Beginn ihrer Lebensgeschichte.
Mit sechszehn Jahren hatte sie bei einem Pogrom, wie es seinerzeit – von der zaristischen Regierung geduldet – damals regelmäßig vorkam, ihre Eltern verloren. Die bewaffneten Kosaken-Horden kamen zu Pferd, plünderten, vergewaltigten die Frauen, und hinterließen das jüdische Viertel in Schutt und Asche. Sie war von einem mürrischen Onkel aufgenommen worden, der sie dazu brachte, einen Mann zu heiraten, der viel älter war als sie und außerdem auch noch krank. Er starb kurz nach ihrer Eheschließung. Sie nahm ihren Mut zusammen und floh zu einer anderen Verwandten in einem Nachbardorf. Dort wurde ihr ein junger Witwer, der bereits zwei Kinder hatte, vorgestellt. Das war mein Großvater Pessach. Sie haben sich schon beim ersten Treffen gemocht. Er hat ihr einfach gesagt, dass sie aufhören müsste, sich zu grämen und dass sie seine Frau werden sollte. Diese zweite Heirat brachte ihr endlich häusliches Glück. Zu den beiden Kindern aus der ersten Ehe meines Großvaters kamen noch drei Söhne und vier Töchter. Das ergab eine ganz schön große Familie mit vielen Enkelkindern.
Drei Monate nach meiner Bar-Mitzwah, am 12. März 1938, brach der Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland über uns herein wie ein großes Unwetter. Dieses war das Ende unseres vorher doch recht beschaulichen Lebens.
Mein Vater und ich verfolgten mit angespannter Aufmerksamkeit den Ablauf der Ereignisse, besonders die Reise von Kanzler Schuschnigg nach Deutschland. Kurt Schuschnigg war der Nachfolger von Engelbert Dollfuß, der 1934 während eines Putschversuches der österreichischen Faschisten ermordet worden war. Nach seiner Rückkehr vom Obersalzberg bei Berchtesgaden, Adolf Hitlers Quartier in Bayern, hatte Schuschnigg beträchtliche Anstrengungen unternommen, um eine Volksabstimmung zu organisieren, bei der man für oder gegen den Anschluss Österreichs an das von Hitler beherrschte Deutschland stimmen sollte. Die österreichischen Antifaschisten versuchten den Anschluss zum Scheitern zu bringen. Viele Anti-Nazi-Plakate wurden auf die Mauern geklebt, Parolen wurden sogar auf die Bürgersteige gemalt. Aber noch bevor eine Abstimmung durchgeführt werden konnte, wurde Österreich von den Deutschen annektiert.
Einige Tage später zwang man die Juden – mit Eimern und Bürsten ausgerüstet – die Gehsteige zu säubern und die Plakate abzureißen. Die Spuren der antifaschistischen Parolen sollten verschwinden. Diese Erniedrigung, die in allen Stadtvierteln von der Hitlerjugend und der SA organisiert wurde, war von Hohn und Spott begleitet. Dann wurden die Gesetze eingeführt, die Juden die Ausübung vieler Berufe untersagten. Die frei werdenden Stellen wurden schnell mit „Ariern“ besetzt. Die Mehrheit schien sich mit der Übernahme Österreichs bequem einzurichten.
Viele Österreicher entschlossen sich, den wichtigen Beitrag, den ihre jüdischen Mitbürger zur kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung des Landes seit dem 10. Jahrhundert geleistet hatten, zu vergessen.
Hitlers wohlbekannte Absicht das „Reich“ (zudem jetzt auch Österreich gehörte) „judenfrei“ zu machen, wurde nun in die Praxis umgesetzt. Zu den Juden wurden auch die Menschen jüdischer Herkunft gezählt, die Mitglied einer anderen Religionsgemeinschaft geworden waren, sowie die Kinder aus Mischehen.
Die Bücher jüdischer Autoren und derjenigen, die nicht mit der Nazi-Ideologie übereinstimmten, wurden nun auch in Österreich systematisch verboten. Die Werke, die untrennbar mit der deutschen Kultur verbunden waren, erhielten die Bemerkung „Autor unbekannt“. Mein Lieblingsdichter Heinrich Heine (1797-1856) wurde einer dieser „Unbekannten“. Alle seine Werke wurden verbannt — mit Ausnahme des berühmten Gedichtes „Die Loreley“, das man in der Schule lernte und aus dem man ein Volkslied gemacht hatte. Heine sprach übrigens ausgezeichnet Französisch. Er lebte viele Jahre in Paris, wo er auch begraben wurde.
Sofort begannen die Verhaftungen von Juden und Gegnern der Nationalsozialisten. Sie wurden in das Konzentrationslager Dachau, zwanzig Kilometer von München entfernt, gebracht. Die Freimaurer, die Sozialisten, die Kommunisten, die Intellektuellen, die man für gefährlich für das Regime hielt, kamen in die Konzentrationslager, ob sie nun Juden waren oder nicht. Einige begingen Selbstmord, um nicht in die Hände der Nazis zu fallen. Wir begannen das Schlimmste zu fürchten, als Frau Friedmann, die in unserem Haus wohnte, eine Urne mit der Asche ihres Sohnes erhielt. Der Mitteilung nach sollte er bei einem Fluchtversuch aus dem Lager erschossen worden sein.
Zu Beginn des zweiten Halbjahres wurden die jüdischen Schüler in die hinteren Bänke der Klasse verbannt. Kurz danach durften sie nur noch rein jüdische Schulen besuchen. Natürlich war das kein Klima, in dem man normal lernen konnte. Wir waren viel zu sehr durch die aktuellen Ereignisse in Anspruch genommen.
Auf die Initiative des amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt wurde in Evian eine internationale Konferenz einberufen. Sie war ein Fehlschlag: unter den 32 anwesenden Staaten war keiner, der sein Kontingent an zugelassenen Flüchtlingen erhöhen wollte. Das antisemitische Hetzblatt „Der Stürmer“ titelte höhnisch: „Juden billig abzugeben. Keiner will sie haben“. Was man aber am meisten kritisieren kann, ist die Begrenzung der jüdischen Zuwanderung nach Palästina, die von Großbritannien, dem damaligen Mandatsträger des Völkerbundes über dieses Gebiet, angeordnet worden war. Hitler schloss aus der internationalen Reaktion, dass er mit den Juden machen konnte, was er wollte. Niemand würde sich darum kümmern. Aber er brauchte einen Vorwand.
1938 brachte man Juden polnischer Herkunft unter Zwang an die Grenze. Die Polen lehnten die Einreise der Juden kategorisch ab; die Deutschen wollten sie nicht wieder aufnehmen. So mussten die Juden im Grenzgebiet ohne das Notwendigste kampieren. Am 7. November 1938 wurde ein Attentat auf den deutschen Botschaftssekretär in Paris Ernst vom Rath verübt, das die ganze Sache weiter anheizte. Es war ein junger deutsch-polnischer Jude, Herschel Grynspan, der auf den deutschen Diplomaten geschossen hatte. Er wollte gegen die Abschiebung von 15 000 Juden polnischer Herkunft nach Polen protestieren. Auch seine Eltern befanden sich unter den Menschen, die von den deutschen Behörden auf so menschenverachtende Weise behandelt worden waren.
Seit dem 8. November wurde ein großes Pogrom vorbereitet, das Angst und Schrecken über die meisten deutschen und österreichischen Städte bringen sollte. Der Drahtzieher war Joseph Goebbels, Reichspropagandaminister. Als der Tod des vom Rath am Abend des 9. November 1938 festgestellt wurde, gab Goebbels das Startsignal. Hunderte von Synagogen wurden geschändet und in Brand gesetzt, jüdische Geschäfte, Häuser und Wohnungen wurden geplündert und verwüstet. Thorarollen, Gebetbücher und Gemeindearchive wurden auf Scheiterhaufen verbrannt, wie schon vorher die Schriften so bekannter Wissenschaftler und Autoren wie Albert Einstein, Sigmund Freud, Thomas und Heinrich Mann, Kurt Tucholsky und vieler anderer. Den prophetischen Kommentar zum Thema Bücherverbrennen hatte Heinrich Heine bereits 1820 geschrieben: „Das war ein Vorspiel nur. Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“
Das traurige Ereignis erhielt den Namen „Kristallnacht“. Der Name erinnert an die Reinheit von Kristall. Man könnte denken, es hätte sich um einen festlichen Anlass gehandelt, dabei bezieht sich das Wort auf das zersplitterte Glas der Schaufensterscheiben auf dem Boden — deswegen spricht man auch besser von dem „Novemberpogrom“. Das ganze zog sich über mehrere Tage hin und wurde vor allem von der SA mit Unterstützung der Polizei durchgeführt.
Diese Nacht kündigte den Anfang vom Ende vieler jüdischer Gemeinden in Europa an. Es gab eine neue große Verhaftungswelle. Auch mein Vater wurde festgenommen, jedoch nach wenigen Tagen schon wieder freigelassen. Wahrscheinlich lag das daran, dass er Soldat gewesen war und als Kriegsversehrter des Ersten Weltkrieges galt.
Immer größere Teile jüdischer Vermögen wurden nun eingezogen und den Juden wurde mit dem den Nationalsozialisten eigenen Zynismus eine besondere Judenabgabe von einer Million Reichsmark auferlegt. Mit dem Geld – so hieß es – sollten die Schäden beseitigt werden, die von der entfesselten SA angerichtet worden waren.
Es wurde immer schlimmer. Wir lebten ständig in der Angst vor neuen Repressalien. In Deutschland und in Österreich nahm die Mehrheit der Bevölkerung die barbarischen Ereignissen hin. Man kümmerte sich um die eigenen Angelegenheiten und hielt den Mund. Regelmäßig marschierte die Hitlerjugend durch die Straßen. Die Uniformierten skandierten judenfeindliche Parolen und sangen unmissverständliche Lieder:
„Wenn 's Judenblut vom Messer spritzt, dann geht 's noch mal so gut...“
Diese Zeilen waren eine echte Morddrohung. Hoffnung war da nicht mehr angebracht. Die von den Nationalsozialisten vorgesehenen Maßnahmen wurden zunehmend schneller umgesetzt. Es lief auf eine weitere Steigerung der Gewalt hinaus.
Im Rückblick auf diese beklagenswerten Zeiten fällt es mir nicht leicht, meinen Bericht fortzusetzen und mich daran zu erinnern, wie Erika und ich reagierten, wenn mein Vater, damals ein Mann von dreißig Jahren, gutaussehend, groß, mit klaren, hellen Augen, wieder einmal mit allem Nachdruck und in aller Ausführlichkeit über den Ersten Weltkrieg erzählte. Wir hörten scheinbar aufmerksam zu, aber es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, es hätte uns besonders interessiert. Seine Geschichten kannten wir schon auswendig, obwohl das Ganze erst fünfzehn Jahre her war.
2 Flucht nach Belgien und Ankunft in Frankreich
Nach dem wir vorher vergeblich versucht hatten, ein Visum für ein Land zu bekommen, das bereit gewesen wäre, uns aufzunehmen, beschleunigte das Novemberpogrom unsere Flucht.
Es blieb uns nur eine Möglichkeit, nämlich illegal über die Grenze nach Belgien zu gehen, wo sich bereits Freunde aus Wien befanden. Sie hatten Papa einen genauen Plan geschickt, welchen Weg wir nehmen sollten. Glücklicherweise gelang es meinem Vater, einen Container mit persönlichen Sachen nach Brüssel zu schicken.
Es war unmöglich, meine alte und schwache Großmutter einem derartigen Abenteuer auszusetzen. Mama vertraute ihre Mutter einem Paar an, dass wegen seines Alters in Wien bleiben wollte. Als der Moment gekommen war, trennten sie sich schweren Herzens. Sie befürchteten, dass sie sich nie wiedersehen würden und dass der Abschied ein endgültiger sein könnte.
Meine Großmutter starb am 18. Dezember 1941 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Wien nicht weit von ihrem Mann bestattet. Im Gegensatz zu den Opfern der Shoah hat sie einen Grabstein.
Der 27. November 1938 war der Tag meines vierzehnten Geburtstages. Wir hatten Staatenlosenpässe, die mit einem Hakenkreuz versehen waren. Als Bürger Österreichs wurden wir nicht mehr anerkannt. In den Taschen hatten wir bloß die zwölf Dollar pro Person, die erlaubt waren. Ausgestattet mit wenig Gepäck, das nur das absolut Notwendige enthielt, schlossen meine Eltern früh am Morgen still und traurig die Tür hinter einer glücklichen Vergangenheit. Wir verließen Wien, um nie wieder dorthin zurückzukehren. Das Hab und Gut, das wir zurückließen, bedeutete uns wenig. Der einzige Reichtum, den wir nun für immer mit uns trugen, war die Erinnerung an ein harmonisches und glückliches Familienleben. Wir waren neu eingekleidet, so hatten wir das Geld, das wir nicht mehr mitnehmen durften, wenigstens möglichst sinnvoll ausgegeben.
Nach dem Plan unserer Freunde nahmen wir einen Zug nach Aachen und eine Straßenbahn, die uns möglichst nah an die Grenze bringen sollte. Wir versuchten dann durch einen Wald zu kommen, der Deutschland und Belgien trennte. Sehr schnell wurde unser „Ausflug“ von deutschen Grenzbeamten gestoppt, die uns durchsuchten. Einer zog meine Briefmarkensammlung aus meiner Tasche. Er glaubte ein „Vermögen“ gefunden zu haben, das wir außer Landes schmuggeln wollten und untersuchte minutiös Briefmarke um Briefmarke. Dabei war es doch nur die Sammlung eines Kindes!
Meine Sammlung hatte ich ohne Erlaubnis meiner Eltern mitgenommen. Ertappt sah ich, wie mein Vater das Ganze mit Unruhe beobachtete. Er hatte an seinem Körper Wertsachen versteckt und fürchte eine gründlichere Untersuchung. Mir war damals nicht klar, in welche Gefahr ich die ganze Familie gebracht hatte. Als es Abend wurde, ließen sie uns laufen, und ohne weitere Zwischenfälle gelang es uns, die belgische Grenze zu überqueren und an einem kleinen Bahnhof einen Zug nach Brüssel zu nehmen.
Mutter verteilte nun Brote, die sie zu Hause vorbereitet hatte. Obwohl ich Hunger hatte, weigerte ich mich nachdrücklich, mein Brot anzunehmen. Es war mit Wurst belegt, die nicht koscher war. Die rituelle jüdische Art Tiere zu schlachten (das Schächten) war von den Nazis verboten worden, weil sie angeblich dem Tierschutz widersprach. Nun, da ich in einem freien Land war, wollte ich die religiösen Vorschriften befolgen. Es war ein Versprechen, das ich meine Großmutter gegeben hatte.
Unsere Wiener Freunde, die Grünblatts, empfingen uns herzlich. Sie waren froh, uns gesund und munter wiederzusehen. Ihr überwältigender Empfang tröstete uns. Sie hatten eine winzige Drei-Zimmer-Wohnung, in der sie zu viert schon recht beengt lebten. Trotzdem boten sie uns ihre Gastfreundschaft an. Wir schliefen bei ihnen auf Matratzen auf dem Boden, solange wir eine eigene Wohnung suchten.
Den größten Teil des Tages verbrachten wir auf der Straße. Wir reckten die Hälse, um nach Schildern mit der Aufschrift „Wohnung zu vermieten“ Ausschau zu halten. Das erlaubte uns, nähere Bekanntschaft mit dieser schönen Stadt zu schließen, die so anders war als Wien. Wir waren an trockene, kalte Winter gewohnt, hier fiel fast ununterbrochen ein feiner Nieselregen. Meine neuen Schuhe ließen schließlich das Wasser durch und meine Socken waren die ganze Zeit feucht.
Endlich fanden wir ein kleines, typisch belgisches Haus in dem angenehmen Stadtteil Ixelles. Eifrig packten Erika und ich den Container aus, der inzwischen eingetroffen war. Aber in unsere Aktivitäten mischte sich eine gewisse Wehmut, die auf unsere neue Situation als Flüchtlinge zurückzuführen war. Nachdem wieder einigermaßen Ruhe einkehrte, versuchten wir ein annähernd normales Leben zu führen. Die Belgier waren zuvorkommend und höflich, ganz anders als die Österreicher, die wir gerade verlassen hatten.
Mit meiner Schwester zusammen entdeckte ich die großen Geschäfte. Wir waren fasziniert von den Auslagen mit den vielen verschiedenen Früchten, die es hier auch im Winter gab, sogar Erdbeeren und Kirschen! Es gab knallgrüne Äpfel der Sorte „Granny Smith“ und vor allem auch Datteln, meine Lieblingsfrüchte. Sie wurden hier zu einem lächerlichen Preis pro Kilo verkauft, während man sie in Wien als „exotisch“ nur stückweise bekommen hatte. Ich habe Datteln gegessen, bis mir schlecht wurde. Belgien schwamm im Überfluss.
Eine andere anziehende Entdeckung war das „Kino ohne Ende“. Für einen Franc hatte man in Brüssel das Vergnügen, einen Film gleich mehrmals zu sehen, während es in Wien ausschließlich nummerierte Plätze gab und man nur für eine Vorstellung bleiben durfte. Weil ich außerdem noch zu jung war, bin ich nur selten ins Kino gegangen. Hier gewährten mir meine Eltern mehr Freiheit. Der kleine Junge, der Wien verlassen hatte, wurde nun zum Jugendlichen.
Nach einem Test hatte ich das Glück an einer technischen Schule angenommen zu werden, zu der nur etwa hundert Schüler zugelassen wurden. Die Lehrer waren ebenfalls Flüchtlinge, einige sogar ehemalige Professoren deutscher und österreichischer Universitäten. Es zeigte sich, dass durch ihre Anwesenheit die Anforderungen sehr hoch gesetzt wurden. Unsere Unterrichtszeit von acht Stunden am Tag sollte uns möglichst umfassende Kenntnisse in Englisch, Spanisch und Französisch vermitteln. Nicht zu vergessen sind Physik, Mathematik und technisches Zeichnen. Das Ziel war es, uns eine möglichst breit angelegte Grundlage zu vermitteln, auf der wir uns später weiterbilden konnten. Ich bin den Lehrern ausgesprochen dankbar für alles, was sie uns beigebracht haben. Mir hat es im weiteren Leben sehr geholfen.
Auch Erika ging weiter zur Schule. In Antwerpen nahm sie mit sechszehn an ihrem ersten Ball teil und gewann einen Schönheitspreis. Meine Eltern waren natürlich stolz, aber ich war nicht mal erstaunt, denn ich hatte meine Schwester schon immer sehr schön gefunden.
Nach dem Überfall auf Polen erklärten Frankreich und England am 3. September 1939 Deutschland den Krieg. Sie hatten wegen ihrer vertraglichen Verpflichtungen kaum eine andere Wahl. Bis zum Mai 1940 blieb es an der deutsch-französischen Grenze relativ ruhig, keine der Kriegsparteien ging in die Offensive. Diese Zeit wurde „drôle de guerre“ (komischer Krieg) genannt. In Frankreich war die Meinung weit verbreitet: „Wir werden siegen, weil wir die Stärkeren sind.“ Wir waren davon überzeugt, dass die alliierten Streitkräfte und deren Luftwaffe unbesiegbar wären.
Die scheinbare Ruhe fand am 10. Mai 1940 ihr Ende, als die Deutschen in die Benelux-Staaten einmarschierten, um die berühmte Maginot-Linie zu umgehen, die man bis zu diesem Zeitpunkt für unüberwindbar gehalten hatte.
Gegenüber unsrer Brüsseler Wohnung befand sich eine Feuerwehrkaserne. Als meine Eltern sahen, wie die Feuerwehrleute ihre Familien in Sicherheit brachten, beschlossen sie ihrerseits Brüssel „provisorisch“ zu verlassen. Jeder mit einem kleinen Koffer mit dem Allernotwendigsten ausgerüstet, machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof. Wir dachten, wir würden nur kurze Zeit wegbleiben.
Die Straßen waren verlassen. Von Zeit zu Zeit heulten Sirenen, die anzeigten, dass feindliche Flugzeuge die Stadt überflogen. Auf dem Bahnhof wimmelte es hingegen von Menschen. Man drängelte sich vor den Schaltern, um Fahrkarten zu kaufen. Klugerweise besorgte mein Vater Bahnsteigkarten, damit wir uns in einen Zug nach Paris setzen konnten. Er dachte, er könne unterwegs Fahrkarten kaufen, aber der Zug änderte seine Richtung und kein Schaffner ließ sich blicken.
Nach mehreren Tagen auf der Reise verflüchtigte sich die Vorstellung, wir wären nur vorläufig aus Brüssel abgereist. Wir waren noch im Ungewissen über die Entwicklung des Krieges, als unser Zug mit etwa tausend Flüchtlingen in Südfrankreich stehenblieb, etwa fünfzig Kilometer von Toulouse entfernt. Der malerische mittelalterliche Ort hieß Revel. Seine Ursprünge lagen im Jahr 1342. Jetzt zählte er 5 000 Einwohner. Dort kam ich zum ersten Mal mit Frankreich in Berührung.
Der Waffenstillstand, der im Juni 1940 geschlossen wurde, sah vor, dass Frankreich in zwei große Zonen geteilt wurde. Glücklicherweise befand sich Revel in der von der deutschen Wehrmacht nicht besetzten Zone, die von der sogenannten Vichy-Regierung unter dem Marschall Philippe Pétain als Staatschef geleitet wurde.
Unter einer heißen Sommersonne waren am Bahnhof zahlreiche neugierige Einwohner versammelt. Die meisten Frauen waren schwarz gekleidet und sprachen mit einem südlichen Dialekt, der in meinen Ohren spanisch klang. Unter diesen Menschen befand sich Pauline Sarda. Als wir aus dem Zug ausstiegen, schlug sie meinen Eltern spontan vor, Erika und mich für die Nacht zu sich zu nehmen, damit wir nicht im Stroh schlafen mussten. Die örtliche Verwaltung hatte für die großen Mengen von Flüchtlingen Scheunen beschlagnahmt.
Als sie uns zu ihrem Haus brachte, trafen wir eine Dörflerin, die ihr mit einem bösartigen Unterton sagte:
„Es scheint, dass viele Juden unter den Flüchtlingen sind!“
Unwissen ist oft eine Quelle von Angst, manchmal sogar von Feindseligkeit! Das war ein echter Schock, wir hatten so wenig damit gerechnet eine solche Bemerkung in diesem entlegenen Südwesten Frankreichs zu hören. Als sie uns ihrer Nachbarin Louisette Crayol vorstellte, wiederholte Pauline Sarda ihr gegenüber, was sie gerade gehört hatte.
„So wie es aussieht, sind Juden unter allen diesen Leuten. Ist das möglich?“
„Ich verstehe deinen Schrecken nicht, Pauline. Du scheinst vergessen zu haben, dass auch unser Herr, Jesus Christus, Jude war.“
Nach dem fühlten wir uns etwas wohler und empfanden eine lebhafte Zuneigung für Louisette Crayol. Wir nannten sie „Tata“ (Tantchen), genau wie die vielen anderen Kinder, die sie umgaben. Als unsere Beziehung enger geworden war, fragte ich sie, was sie denn zu ihrer Antwort bei unserm ersten Treffen gebracht hatte. Sie erklärte mir, dass sie als ebenso strenge Katholikin wie Pauline deren Befürchtungen hatte zerstreuen wollen, und dass dieser Gedanke ihr ganz selbstverständlich gekommen wäre.
3 Leben im Exil
Die Ankunft der Flüchtlingswelle in jener kleinen ländlichen Ecke Frankreichs, wo die Menschen bestimmt selten Juden gesehen hatten, war sicher dazu angetan, Neugier hervorzurufen. Sie erzeugte aber auch viel Unruhe, die nicht gerade erwünscht war. Trotzdem gab es außergewöhnliche Menschen, die uns mit Hilfsbereitschaft begegneten und mit denen wir bald Freundschaft schlossen.
Louisette Crayol ist ihr ganzes Leben lang eine Freundin geblieben. Sie war voller Mut und Opferbereitschaft. Mit achtzehn Jahren hatte sie sich im Ersten Weltkrieg als freiwillige Krankenschwester gemeldet. Sie pflegte hingebungsvoll einen jungen Soldaten namens Paul Crayol, der sehr schwer verwundet worden war und verliebte sich in ihn. Trotz seiner Behinderung, er war von den Füßen bis zur Taille gelähmt, heiraten sie nach dem Krieg und ließen sich in Revel nieder, wo Paul geboren worden war. Dreiundzwanzig Jahre lang haben sie sich geliebt. Weil sie keine eigenen Kinder haben konnten, adoptieren sie drei. Paul Crayol, der alle seine Zeit den weniger begünstigten Mitmenschen widmete, war die Güte selbst. Das ganze Dorf mochte das Paar und betrachtete es als Vorbild. Ich habe immer bedauert, dass ich diesen hervorragenden Mann nie kennengelernt habe, weil er wenige Monate vor unserer Ankunft gestorben war.
Nachdem meine Eltern einige Tage in einer Scheune gelebt hatten, brachte Louisette Crayol uns alle vier in ihrem kleinen Haus unter, wo es sehr eng war. Sie redete mit den Nachbarn und vielen Freunden und fand etwas später eine Unterkunft für uns bei den Brunels. Die Großmutter Anna, ihre Tochter Elise und ihr kleiner Sohn René, der acht Jahre alt war, haben uns schnell adoptiert. Spontan zogen sie in den weniger bequemen Teil ihres Hauses um, damit überließen sie uns die größeren Zimmer. Selten habe ich solche schlichte Wärme, solche Herzensgüte in menschlicher Beziehung wieder erlebt.
Seit der Rückkehr von meiner Deportation haben meine Frau und ich so oft es ging Pauline Sarda überrascht, unsere Freunde die Brunels wiedergesehen und an Hochzeiten und Taufen teilgenommen. Was Louisette Crayol betrifft, so ist sie zu ihren Kindern und Enkelkinder gezogen, die die Region verlassen haben.
Auf dem Bauernhof der Brunels veränderte sich mein Leben als kleiner Städter. Ich lernte zu gärtnern, zu jäten, das Haus mit Eimern frischen Brunnenwassers zu versorgen, die Hecken zu schneiden, die vernachlässigt worden waren, seit Marcellin, der Mann von Elise eingezogen worden war. Freundlich machte sie sich über mein Französisch lustig:
„Du sprichst zwar wie eine spanische Kuh, aber ich hab' dich trotzdem gern.“
Es war der kleine René der mir erklärte, was sie mit „spanische Kuh“ meinte. Sie wollte sagen, dass mein Schulfranzösisch reichlich unbeholfen klang.
Eines Tages traf ich sie, als ich völlig außer Atem vom Wasserholen kam. Sie trocknete sich gerade die Hände an ihrer Schürze ab und beauftragte mich, mit der ihr eigenen Freundlichkeit, meiner Mutter eine Botschaft zu übermitteln.
„Sag ihr sie kann sich aus dem Garten soviel Gemüse und Obst nehmen, wie sie braucht, und dass sie sich keinen Zwang antun soll.“
Meine Mutter war begeistert von diesem Geschenk des Himmels.
In einer Ecke der Scheune wartete ein Fahrrad auf die Rückkehr seines Besitzers. Ich betrachtete es mit Neid. Seit meiner Abfahrt aus Wien war ich nicht mehr Rad gefahren. Schließlich wagte ich es, Elise um Erlaubnis zu bitten, das Rad zu benutzten:
„Ist gut, Kleiner, nimm es, aber pass gut auf, mach' es nicht kaputt. Marcelin soll es in gutem Zustand wiederfinden, wenn er zurückkommt.“
In jener Zeit war das Fahrrad überall auf dem Lande fast das einzige Fortbewegungsmittel. Welche Freude, welche Kunststücke konnte ich mit ihm vollbringen! Jeden Abend konnte ich so zu einem Bauern in der Nachbarschaft fahren und mehrere Milchflaschen voll machen. In jener Gegend nutzte man die Milch vor allem, um die Kälber zu füttern. Am Anfang gab mein Verhalten dem Bauern Rätsel auf. Schließlich schloss er mich in sein Herz und fragte mich gutherzig lachend:
„Du liebe Zeit! Kleiner, was machst du denn mit der ganzen Milch? Du solltest lieber ein Stück Speck essen und einen schönen Roten trinken.“
„Aus der Milch macht meine Mutter Butter und Quark.“
Meine Antwort fand er anscheinend sehr komisch. Er lachte schallend.
Die Brunels, Louisette Crayol, Pauline Sarda und meine anderen Freunde aus dem ländlichen Milieu, lehrten mich diese Ecke Frankreichs lieben, zu der ich mich seit dem stark hingezogen fühle. Die Zeit, die ich mit meiner Familie in Revel verbrachte, war die ruhigste in meinem Leben als „Flüchtling“.
Der einzige Junge in meinem Alter, mit dem ich befreundet war, hieß Isidor Sperber. Er wohnte in Castres, einer Stadt, die achtundzwanzig Kilometer entfernt lag. Ich habe Isidor und seine Familie an einem Tag kennengelernt, als sie in Revel den Schienenbus nach Toulouse nahmen. Von Zeit zu Zeit besuchte ich ihn mit „meinem“ Fahrrad.
Sechsundfünfzig Kilometer am Tag waren für mich eine echte Leistung. In den Pedalen stehend, die Hände fest am Lenker, nahm ich die Steigungen wie ein Rennfahrer im Zick-Zack-Kurs. In freudiger Erregung sauste ich anschließend bergab. Glücklicherweise ahnte meine Mutter nichts von meinen sportlichen Heldentaten. Wie unruhig hätte sie sonst auf meine Rückkehr gewartet!
Im Laufe des Jahres 1941 kehrten die meisten belgischen Flüchtlinge nach Hause zurück. Nur die ausländischen sowie einige französische Juden blieben in Revel und der Umgebung zurück. Nachdem sich die Dinge für einige Monate beruhigt hatten, befahl die Bezirksverwaltung die zwangsweise Zusammenfassung derjenigen, die noch da geblieben waren, in einem sogenannten Familienlager. Obwohl es uns widerstrebte, sahen wir keine andere Möglichkeit, als dem Zwang Folge zu leisten. Und so mussten wir unsere neuen Freunde betroffen zurücklassen und mit ihnen den Frieden in Revel ...
Agde, das angekündigte Familienlager, lag ungefähr einhundert Kilometer von Revel entfernt. Wir wurden mit dem Zug transportiert und von bewaffneter Bereitschaftspolizei in Empfang genommen. Sie trennten die Frauen von den Männern, und die so auseinandergerissenen Familien wurden hinter Stacheldraht untergebracht.
Adge war abstoßend dreckig. Das ständige Zusammengepferchtsein war schwer zu ertragen und deprimierend.
1938 waren in Frankreich für sogenannte unerwünschte Ausländer viele Internierungslager eingerichtet worden. Im spanischen Bürgerkrieg, nach der Eroberung Barcelonas durch die Faschisten im Februar 1939, zählte man mehr als 500 000 zivile und militärische spanische Flüchtlinge, die an diesen Orten untergebracht worden waren. Schon damals legte der medizinisch Verantwortliche der Lager, General Peloquin, einen Bericht vor, in dem es hieß, dass in den Lagern Argelès, St. Cyprien und Barcarès wegen der mangelnden Gesundheitsvorsorge und der fehlenden Hygiene die Zahl der Toten bald höher als 15 000 lag. Dieser Bericht führte unter anderem genauer aus, dass:
„Die Menschen sich dort in den Zustand von Tieren erniedrigt sahen.“
Unter den spanischen Flüchtlingen, die zum Zeitpunkt unserer Ankunft in Adge interniert waren, gab es viele, die noch an ihren Kriegsverletzungen litten. Seit 1940 dienten die Lager dazu, Juden einzusperren. Von dort aus wurden ein, zwei Jahre später viele in die deutschen Vernichtungslager deportiert. Besonders Alte oder Kranke starben aber bereits in den Internierungslagern und wurden dort beerdigt, besonders in Gurs.
Ich zitiere eine Aussage des Geschichtsprofessors Jean Estèbe von der Universität Toulouse, der eine Studie über viele Lager im Süd-Westen Frankreichs gemacht hat: „Man müsste Gurs, Le Vernet und Noé im gleichen Atemzug nennen, wie die militärischen Niederlagen [Frankreichs]: Alésia, Waterloo oder Sedan.“
Papa litt seit längerer Zeit an einer Bronchitis. Sie heilte schlecht aus und entwickelte sich zu einer Tuberkulose. Er musste bald nach unserer Ankunft in das Krankenhaus von Béziers gebracht werden, und so wurde, wie wir so oft gefürchtet hatten, unsere Familie auseinandergerissen.
Erika, die jetzt siebzehn war, meldete sich als Krankenschwester und begleitete jeden Tag die Kranken des Lagers zum Hospital. Sie kam denjenigen, die noch unglücklicher dran waren zur Hilfe, bis sie sich eine Gelbsucht zuzog und nun ihrerseits in das Krankenhaus von Montpellier musste. Ihre Selbstlosigkeit beeindruckte mich.
Ich war nun ganz allein in dem Männerlager und wollte unbedingt zu meiner Mutter, die nach dem Abtransport meiner Schwester ebenfalls allein war. In der Abenddämmerung versuchte ich heimlich unter dem Stacheldraht hindurchzuschlüpfen, um wieder zu ihr zu kommen. Ich wurde von einem Polizisten eingefangen, der mich mit seinem Gewehr bedrohte und so musste ich, mit Wut im Bauch, enttäuscht und erniedrigt, den Rückzug antreten.
Nach einigen trübseligen Wochen an diesem Ort erhielten meine Mutter und ich endlich die Erlaubnis, meinen Vater und meine Schwester zu besuchen. Papa war sehr geschwächt und unglücklich, dass er uns nicht helfen konnte. Er schlug uns vor, nicht in das Lager zurückzukehren. Wir folgten seinem Rat und fanden ein schäbiges Hotel, wo wir glücklicherweise keinen Meldezettel ausfüllen mussten. Das war wichtig, weil wir ja mit den Behörden nicht im reinen waren.
Auf dem Bett sitzend gab mir meine Mutter als Abendessen ein Stück Brot. Nach einigen Happen, bat ich ihr an, was übrig war:
„Ich habe keinen Hunger. Ich bin nur etwas müde. Iß nur, mein Liebling!“
Kaum hatte ich den letzten Bissen heruntergeschluckt, wurde mir ihre fromme Lüge bewusst, das war aber etwas zu spät! Nach so vielen Jahren habe ich immer noch Gewissensbisse, dass mir an dieser Stelle das Feingefühl gefehlt hat.
In diesem Zimmer schrieb ich so gut ich konnte an Louisette Crayol um ihr unsere Lage zu schildern und um ihre Hilfe zu bitten. Liebe und teure Freundin, ihre Antwort ließ nicht lange auf sich warten! Sie fügte ihrem Brief sogar Brotmarken bei. Wegen der Lebensmittelrationierung konnte man nur auf Marken einkaufen und ihre Sendung entsprach der Monatszuteilung für eine Person. Die Marken waren fast nützlicher als bares Geld.
Sie teilte uns mit, dass sie Eingaben an die Präfektur in Toulouse gerichtet hatte, damit wir nach Revel zurückkommen dürften. Sie wäre persönlich bereit, für unsere Familie zu bürgen. Jahre später erhielt ich Einblick in ihren Brief, der von ihrer Großzügigkeit und ihrer Seelengröße zeugte. Ein Abschnitt blieb mit im Gedächtnis:
„Mein Mann, Schwerkriegsverletzter, hat sein Leben dem Vaterland geopfert und ist gestorben. Er hätte sich geschämt über die Art und Weise wie Frankreich mit den Flüchtlingen umgeht, die hierher gekommen sind, um Hilfe und Schutz zu suchen.“
Es ist Louisette Crayol zu verdanken, dass wir nach Revel zurückkehren konnten. In einer kleinen Erdgeschosswohnung in der Rue Notre-Dame fanden wir uns endlich wieder vereint. Diesmal hatten wir aber nur eine beschränkte Aufenthaltserlaubnis.
Als ich in der Nähe unserer neuen Unterkunft die Straße entlang schlenderte, hörte ich den Lärm einer elektrischen Säge. Neugierig blieb ich vor dem Ausgang eines Schuppens stehen. Ein Mann kam aus der Werkstatt und fragte mich freundlich:
„Suchst du was, Kleiner?“
Jean Rouanet war Kunsttischler. Als er meine Neugier und mein Interesse sah, führte er mich zu seiner Werkbank und zeigte mir, wie man aus kleinen Stücken verschiedener Holzarten, die vorher zugeschnitten worden waren, eine Einlegearbeit zusammenfügt. Ich war fasziniert.
Als er mir vorschlug, sein Lehrling zu werden, nahm ich mit Freuden an. Von Anfang an liebte ich es, mit Holz zu arbeiten. Ich mochte den besonderen Geruch in der Werkstatt. Seit dieser Lehrzeit habe ich einen Hang zu schönen Möbeln, die sorgfältig hergestellt sind. „Von guter Arbeit,“ würde Rouanet sagen... In meinem Besitz befindet sich immer noch ein Stück, bei dessen Herstellung er mir geholfen hat. Es war ein Geburtstagsgeschenk für meine Mutter, ein Tablett mit einer Einlegearbeit, die Blumen darstellte - das Ganze im Stil Ludwig XVI. Auch heute noch ist Revel für Nachahmungen von Stilmöbeln bekannt und für Werkstätten, in denen man sich auf die Restaurierung antiker Möbel versteht.
Mein Meister zahlte mir einen Lohn von einhundert Francs im Monat. Voller Stolz beeilte ich mich, das Geld meinen Eltern zu geben. Jean Rouanet war Anhänger Pétains, unsere Diskussionen waren so schwierig wie lebhaft. Davon abgesehen, dass sich so mein Französisch verbesserte, ermöglichten die Debatten mir auf dem laufenden zu bleiben, was die Entwicklung des Krieges betraf. Oft widersprach ich ihm, aber auf seine Weise mochte er mich trotzdem. Ich war „sein kleiner Jude.“
Als Deutschland die Sowjetunion angegriffen hatte, erschien ich voller Freude bei der Arbeit und behauptete:
„Das ist es, Deutschland wird den Krieg verlieren! Erinnern Sie sich nur an die napoleonischen Kriege!“
„Sei still, davon verstehst du nichts!“
Er war sichtlich verärgert.
Der praktizierende Katholik und gute Familienvater beteiligte sich später – zu seinem und seiner Angehörigen Unglück – an der Miliz und bekämpfte den französischen Widerstand. Er wurde nach der Befreiung verhaftet und aus Revel fortgejagt. Er hat nichts unternommen, um mich nach meiner Rückkehr aus Auschwitz wiederzusehen, und ich auch nicht.
Erika hatte ebenfalls Arbeit gefunden. Sie war Buchhalterlehrling in der Brennerei „Rayssac & Cie“ und gab Renée, der Tochter des Arztes Roger Ricalens, Deutschstunden. Doktor Ricalens behandelte meinen Vater. Wir schätzten ihn ganz enorm und vertrauten ihm völlig.
Während wir unsere relative Ruhe in Revel wiederfanden, ereigneten sich in der von den Deutschen besetzten und auch in der angeblich freien Zone von Vichy tragische Vorfälle. Wir hatten absolut keine Ahnung von den französischen antisemitischen Gesetzen, die seit 1940 erlassen worden waren, genauso wenig wie von den dramatischen Festnahmen in Paris, den sogenannten „Rafles du Vel-d'Hiv“ vom 16. und 17. Juli 1942, in deren Verlauf 13 152 Frauen und Männer, darunter auch alte Menschen und 4 115 kleine Kinder von der Pariser Polizei verhaftet und unter schrecklichen Bedingungen im „Velodrome d'Hiver“ (einer überdachten Radrennbahn) festgehalten wurden, um anschließend über Pithivers, Beaume de la Rolande oder Drancy nach Auschwitz deportiert zu werden.
Heute scheint es befremdlich, dass wir zur gleichen Zeit vermeintlich wohlaufgehoben in unserer friedlichen, ländlichen Abgeschiedenheit lebten und hofften, dass wir dort bis zum Ende des Krieges in völliger Sicherheit bleiben könnten.
Was für ein Irrtum!
4 Verhaftung und Deportation
Am 25. August 1942 tauchte überraschend Norbert Sperber, der ältere Bruder meines Freundes Isidor aus Castres, bei uns auf. Sein Bruder war am frühen morgen von Polizisten festgenommen worden! Zufällig war er selber nicht zu Hause gewesen und seine Eltern, man weiß nicht warum, waren nicht weiter belästigt worden. Unter den Vermutungen, die wir anstellten, war die, dass man Isidor mitgenommen hatte, um gemeinsam mit einem Kontingent von Jüngeren zum Bau des berühmten Atlantikwalls beizutragen, von dem wir reden gehört hatten. Tatsächlich wollten wir uns einreden, dass wir im nicht besetzten Teil Frankreichs in Sicherheit waren.
Dieser Illusion wurden wir schnell beraubt, denn im Morgengrauen des nächsten Tages, am Mittwoch, dem 26. August 1942, klopften Polizisten lautstark an unsere Tür. Norbert hatte in unserem Haus geschlafen. Mein Vater gab uns ein Zeichen zu der Tür, die auf den Hof führte, hastig schlüpften wir hinaus. Wir blieben für einen langen Augenblick hinter einem Mäuerchen versteckt und als wir sahen, dass die Polizisten nicht wieder gingen, flohen wir durch eine Hintertür. Zufällig lag das Haus an einer Straßenecke und hatte zwei Ausgänge.
Es war mir nicht klar, dass die Polizisten warteten, während sich meine Eltern und meine Schwester fertig machten, um mitgenommen zu werden.
Norbert fuhr mit dem Bus nach Hause, während ich weiter lief, um an die Tür eines Offiziers im Ruhestand zu klopfen. In seiner Uniform hatte der Major durch seine Haltung beeindruckt. Ich wusste, dass er Anhänger de Gaulles war und dachte naiv, dass ich mit seiner Hilfe rechnen könnte. Mein Vater betrachte ihn als einen Freund und ging zu ihm, um Radio London zu hören. Ich hatte keine Ahnung in welcher Sprache sie sich verständigten, mein Vater sprach kein Französisch.
Lange läutete ich an seiner Tür. Entgegen meiner Erwartung blieb sie verschlossen. Wohl hörte ich Schritte hinter der Tür! Wusste er, warum ich so hartnäckig blieb? Aus welchem Grund weigerte er sich mir zur Hilfe zu kommen? Ich habe keinen blassen Schimmer! In diesem Moment wäre er keinerlei Risiko eingegangen. Gaullist zu sein, schien allerdings seine einzige Qualität auszumachen. Nach der Befreiung erfuhr ich, dass er der Verantwortliche des örtlichen Widerstandes geworden war! Welche Ironie! Soweit es mich betraf, hat er einen großen Mangel an Mut und an Solidarität offenbart.
Ich war gezwungen, einen großen Umweg zu machen, da sein Haus an das der Polizeidienststelle angrenzte. Ich wandte mich nun an Dr. Ricalens, da ich zu unseren Freunden Brunel, Louisette Crayol oder Pauline Sarda in Padouvenc-Notre-Dame nicht gehen konnte, unsere guten Beziehungen waren zu bekannt. Nur der Arzt konnte zu meinem Vater gelangen, ohne Verdacht zu erregen. Er besaß ein Auto, was zu der Zeit selten war, und hätte mich vielleicht zu einem Versteck fahren können.
Die Hausangestellte sagte mir, dass Dr. Ricalens, trotz der frühen Morgenstunde, bereits bei einem seiner Kranken war. Verzweifelt, voller Angst und nicht wissend, wohin ich nun gehen sollte, bat ich in dem Vorraum bleiben zu dürfen, der auch als Wartesaal diente. Plötzlich ließ mich die Türklingel zusammenfahren. Statt mich zu verstecken, öffnete ich ohne nachzudenken die Tür und befand mich Auge in Auge mit den Polizisten, die den Arzt in meiner Angelegenheit sprechen wollten. Einer der Polizisten fragte herausfordernd:
„Wie heißt du?“
„Paul.“
„Paul und wie weiter?“
„Schaffer!“
„Die ganze Zeit rennen wir dir hinterher. Du bist verhaftet. Deine Eltern haben wir auch festgenommen. Sie sind schon weit weg.“
Natürlich war ich zutiefst erschrocken und ich verstand nicht, was mit uns geschah. Tatsächlich war es der Beginn der Razzien in der „freien Zone“.
Mein Fluchtversuch war jedenfalls beendet. Man hielt mich wie einen Verbrecher an den Handgelenken fest. Rot vor Scham hatte ich so das Dorf zu durchqueren. Ob sich die, die diese Szene mitbekamen vorstellen konnten, dass meine Verhaftung auf die einzige Tatsache zurückzuführen war, dass ich als Jude geboren worden war?
Die Verbissenheit dieser Polizisten einen jungen Flüchtling einzufangen, erscheint heute unverständlich. Ein bisschen Güte, ein wenig Menschlichkeit ihrerseits und mein Schicksal wäre ein völlig anderes gewesen...
Erst 1997 erfuhr ich aus Akten im Archiv von Toulouse, die erst nach fünfzig Jahren für die Öffentlichkeit zugänglich geworden waren, dass der Polizeichef von Revel, der wegen der Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern und auch wegen seiner Beteiligung an meiner Festnahme angeklagt worden war, während seines Prozesses eine infame Lüge in die Welt gesetzt hatte. Er behauptete, dass Dr. Ricalens mich 1942, als ich mich bei ihm versteckten wollte, angezeigt hätte. Dieser niederträchtige Büttel wusste, dass der Arzt tot war, und so konnte er sich erlauben, ihn zu beschuldigen.
Der Tod des Arztes hatte seinerzeit große Aufmerksamkeit erregt. Einige Tage vor dem Kriegsende in Frankreich im Juli 1944 wollten die Partisanen aus der Umgebung den Nationalfeiertag in Revel feiern. Sie besetzten die Stadt und errichteten Absperrungen auf allen Straßen in der Umgebung. Roger Ricalens kam am frühen Morgen von einem Kranken zurück. Weil er dachte, es mit Angehörigen der Miliz zu tun zu haben, durchbrach er eine der Sperren und wurde am Steuer seines Wagens von seinen eigenen Kameraden getötet. Eine Straße in Revel trägt seinen Namen und ein Mahnmal ist an der Stelle aufgestellt worden, an der das Drama stattgefunden hat.
Als ich von der falschen Zeugenaussage erfuhr, mit der die Familie des Arztes unter unberechtigten Verdacht geraten könnte, habe ich mich 1998 ganz bewusst zu der Kundgebung zum Jahrestag des Todes von Dr. Roger Ricalens nach Revel begeben. Ich habe am Fuße seines Mahnmals einen Blumenstrauß niedergelegt und mit meiner Anwesenheit das Vertrauen und die Anerkennung demonstriert, die ich dem Verstorbenen entgegenbringe.
Als „Entschuldigung“ für sein Verhalten mir, meiner Familie und den anderen Juden gegenüber, brachte der ehemalige Polizeichef übrigens bei seinem Prozess nur die am häufigsten gebrauchte Entschuldigung bei:
„Ich habe nur meine Pflicht getan; ich habe Befehle ausgeführt.“
Die „Pflicht“ hatte damals so ausgesehen, dass er und ein weiterer Polizist mich mit einem Auto, in dem ich zwischen den beiden Polizisten fest eingekeilt war, zu dem Gefangenentransporter brachten, der bereits zehn Kilometer weiter war, in St. Julia. In ihm befanden sich nun schon andere jüdische Familien aus der Umgebung, auch unsere Freunde die Bergers und ihre drei kleinen Kinder, darunter Susi, die erst drei Jahre alt war. Susi mit ihrem blonden Lockenköpfchen war ein ausgesprochen niedliches kleines Mädchen.
Meine Eltern waren bestürzt, mich zu sehen. Sie hatten so gehofft, dass es mir gelungen war zu entfliehen! Nachdem sie ihre traurige Aufgabe erfüllt hatten, fuhren uns die Polizisten in das Lager „Noé“ in der Nähe von Toulouse.
Tief niedergeschlagen blieben alle stumm. Die eiskalte und bösartige Empfangsrede des Lagerkommandanten, der uns ankündigte, dass auf alle Personen, die flüchten wollten, ohne Anruf geschossen werden würde, tat ihr übriges, um uns weiter zu entmutigen. Die Frauen wurden von den Männern getrennt.
Ich saß auf der Pritsche neben meinem Vater, erzählte ihm von den Umständen meiner Festnahme und den Gründen, warum ich bei Doktor Ricalens um Hilfe gesucht hatte. Die Hartherzigkeit der Polizisten, die mich nicht einmal nach Hause ließen, um mir etwas zum Anziehen zu holen, ist unglaublich. Bei meiner Flucht hatte ich mir hastig eine Hose und eine Jacke über den Schlafanzug gezogen, ohne die Zeit Socken anzuziehen und meine Tefillin (Gebetsriemen — zwei Lederstreifen mit je einem kleinen Kästchen, die Pergamentstücke mit Inschriften aus der Tora enthalten, und die beim Morgengebet ‑ außer am Samstag ‑ so befestigt werden, dass das eine auf der Stirn und das andere auf dem linken Arm zu liegen kommt) mitnehmen zu können. An den Tefellin hing ich besonders. Seit unserer Abreise aus Wien, führte ich täglich meine Gebete aus, gemäß des Versprechens, das ich anläßlich meiner Bar-Mitzwah gegeben hatte.
Ein alter Mann, der Zeuge meines Berichtes wurde, bat mir mit einem milden Lächeln seine Tefillin an. Ich habe sie bis in das Lager Tarnowitz gehütet und während der ersten zwei Monate habe ich früh am Morgen heimlich gebetet. Bis zu dem Tag, als bei einer Kontrolle ein Kapo sie unter meiner Matratze gefunden hat und sie mit Wut und Abscheu gegen die Mauer schleuderte, während er mich mit wüsten Beschimpfungen überschüttete.
Papa erklärte mir, dass Erika gegenüber den Polizisten darauf bestanden hatte, dass man Doktor Ricalens riefe, damit der bestätigen könne, dass Papa zu krank sei, um ihn zu verhaften. Sie handelte sich eine unbedingte Abfuhr ein, erregte aber durch ihr Verhalten wahrscheinlich den Verdacht der Polizisten, das etwas nicht in Ordnung wäre. Sie fühlten in meinem Bett nach und fanden heraus, dass es noch warm war, woraus sie die Schlussfolgerung zogen, dass ich gerade erst entwischt war.
In der ersten Nacht in Noé öffnete sich mein Pritschennachbar die Pulsadern. Das Geräusch der Blutstropfen, die in regelmäßigem Abstand auf den Boden fielen, weckte mich. Ich war vor Entsetzen wie gelähmt. Der Ernst unserer Lage wurde mir schlagartig bewusst.
Der Ärmste, der sich nur noch auf diese Weise retten konnte, war gemeinsam mit uns deportiert worden. Am anderen Morgen wurden die Namen der Personen angekündigt, die für Drancy bestimmt waren. Nur Erika und ich waren auf der Liste, mein Vater war endlich als nicht transportfähig anerkannt worden, und meine Mutter durfte bei ihm bleiben.
Welch eine Zwangslage für eine Mutter, wählen zu müssen, ob sie ihre Kinder alleine ins Ungewisse fahren oder ihren kranken Ehemann verlassen soll! Unter Tränen ermutigte mein Vater seine Frau, uns zu begleiten. Diese tragische Trennung bleibt eine unvergessliche Erinnerung. Meinen Vater zum ersten Mal weinen zu sehen, wurde für mich zu einem unbeschreiblichen und anhaltendem Kümmernis. Immer noch – trotz all der Jahre – meine ich seine Umarmung zu spüren, diese Umarmung, die die letzte bleiben sollte.
Mit einer unendlichen Zärtlichkeit wickelte er mich in seinen Mantel, der für mich reichlich groß war und sagte:
„Dort, wo du hin gehst, Paulchen, wirst du ihn sicher dringender brauchen als ich!“
Am 1. September 1942 zogen 170 Personen, immer unter der Bewachung von Polizisten, von Noé zum Bahnhof von Portet-sur-Garonne. Dieser Fußmarsch von einigen Kilometern wurde beschwerlich, besonders für die älteren Menschen und die Mütter, die ihre Säuglinge auf den Armen trugen. Es ist undenkbar sich vorzustellen, dass das Jammern und Wehklagen dieses menschlichen Leidenszuges die Augenzeugen gleichgültig gelassen haben können.
Als man ihm von den Leiden berichtete, die die „Geächteten“ ertragen mussten, verfasste der Erzbischof von Toulouse, Jules-Giraud Saliège Anfang September 1942, also fast zum gleichen Zeitpunkt, einen bewegenden Hirtenbrief, der in allen Kirchen seiner Diözese verlesen wurde. Hier der Inhalt:
„Meine sehr lieben Brüder!
Es gibt eine christliche Moral, es gibt eine menschliche Moral, die Pflichten auferlegt und Rechte anerkennt. Diese Rechte und Pflichten liegen in der Natur des Menschen: sie kommen von Gott. Man kann sie verletzen. Es liegt aber nicht in der Macht eines menschlichen Wesens sie aufzuheben.
Dass Kinder, Frauen, Männer, Väter und Mütter wie eine gewöhnliche Viehherde behandelt werden, dass die Mitglieder einer Familie voneinander getrennt und an ein unbekanntes Ziel verschickt werden, dieses traurige Schauspiel mitzuerleben, blieb unserer Zeit vorbehalten. Warum gibt es das Asylrecht in unseren Kirchen nicht mehr?
Warum sind wir die Besiegten?
Herr, habe Mitleid mit uns.
Heilige Mutter Gottes, bete für Frankreich.
In unsere Diözese haben sich in den Lagern von Noé und Recebedou schreckliche Szenen abgespielt. Juden sind Männer; Juden sind Frauen. Ausländer sind Männer; Ausländer sind Frauen. Ihnen gegenüber ist nicht alles erlaubt, gegenüber diesen Männern, gegenüber diesen Frauen, gegenüber diesen Familienvätern und Familienmüttern. Sie sind Teil der Gattung Mensch. Sie sind unsere Brüder wie alle anderen auch. Ein Christ kann das nicht vergessen.
Frankreich, geliebtes Vaterland, Frankreich, das Du in dem Gewissen aller Deiner Kinder die Tradition der Achtung vor dem Wesen des Menschen trägst, ritterliches und großzügiges Frankreich, ich zweifle nicht daran, dass Du nicht verantwortlich für diese Fehler bist. Ich sende Euch, meine lieben Brüder, meine aufrichtigen Grüße.“
„Wie eine gewöhnliche Viehherde behandelt.“
„An ein unbekanntes Ziel verschickt.“
Schon allein diese beiden Satzteile lassen keinerlei Zweifel zu: es gab Franzosen, die ganz genau wussten, in welcher heiklen Lage sich die Juden in Frankreich befanden!
Man sah die Bedeutung und den Einfluss, den die Verlesung dieses zutiefst menschliche Zeugnisses in den Kirchen haben konnte. So wurde befohlen die „Festgenommenen“ heimlich in der Nacht durch die Dörfer zu schicken. Dieses minderte in Nichts das Leiden der Familien und die Schuld der Verantwortlichen.
Am 8., 10., 24. August und am 1. September 1942 wurden insgesamt 742 Personen aus dem Lager Noé deportiert. In meinem Transport waren 48 Kinder und Jugendliche unter achtzehn Jahren. Vierzig Jahre später, bin ich nach Portet-sur-Garonne gefahren, um eine Stele einzuweihen, die an diese jungen Menschen erinnern soll, von denen ich mittlerweile der einzige Überlebende bin. Es wurde langsam Zeit!
Nach einer Nacht im Zug kamen wir erschöpft in Paris an. Unter Bewachung Pariser Polizeibeamter stiegen wir in Busse ein und wurden nach Drancy, einem Ort in der unmittelbaren Nähe der Hauptstadt gefahren. Zu ihrer eigenen Schande versuchten einige Polizisten uns unterwegs einzureden, dass wir ihnen besser das Geld und andere Wertgegenstände, die wir bei uns trugen, aushändigen sollten.
„Dort, wo ihr hingeht, werden die Deutschen euch alles nehmen.“
Tatsächlich, als wir in Drancy ankamen, wurden alle Güter von Beamten beschlagnahmt — allerdings gegen Quittung... In Frankreich mussten die ausgeraubten Juden bis 1997 auf eine Entschädigung warten. Erst so spät gelang es der Kommission Matteoli die Frage des beschlagnahmten jüdischen Besitzes zu regeln.
Die "Cité de la Muette" in Drancy, eigentlich eine moderne Wohnanlage, wurde sehr schnell "Schrecken von Drancy" genannt. Das Gebäude war in der Form eines großen "U" gebaut worden. Die Deutschen hatten es im Juni 1940 beschlagnahmt und ein Sammel- und Durchgangslager in der Art eines Konzentrationslagers daraus gemacht. Wir blieben dort nur drei Tage, aber das war mehr als genug, um das Ausmaß des Unheils zu begreifen. Ein Gerücht machte glaubhaft, dass wir alle von einem Tag auf den anderen in ein Arbeitslager in einem osteuropäischen Land geschickt werden würden. Ironisch wurde dieser Ort "Pitchipoi", nach dem Wolkenkuckucksheim der ostjüdischen Folklore genannt.
Die Luft in Drancy konnte man nicht atmen, Hygiene gab es nicht und das Essen war widerlich. Die Frauen, die Männer, die Kinder, die Alten und die Kranken waren alle in den gleichen Zimmern unterbebracht. Sie lagen oder saßen auf Stroh.
In den Treppenhäusern vereinigten sich Männern und Frauen ein letztes Mal, ohne die Regeln des Anstands noch zu beachten, wie eine Herausforderung an das Schicksal. Ich war sehr schamhaft und so erinnere ich mich, wie sehr mich der Anblick damals schockierte. Heute verstehe ich das und empfinde Mitleid für diese Liebesakte, die in einer Situation der Hoffnungslosigkeit und der nahen Gegenwart des Todes stattfanden.
Erika hatte Schwierigkeiten, die widerwärtige Suppe herunterzubekommen, die es als Abendessen gab. Ich bestand darauf, dass sie etwas Nahrhaftes zu sich nahm. Sie sollte bei Kräften bleiben, um den Härten begegnen zu können, die zweifelsohne auf uns warteten. Mutter war überrascht und gerührt über die Ratschläge, die ich meiner älteren Schwester erteilte. Sie dachte wahrscheinlich daran, wie sehr ich von ihr verwöhnt und beschützt worden war. Durch die Emigration ging meine Kindheit in meine Jugendzeit über, durch die Deportation sollte ich vor der Zeit erwachsen werden.
In Drancy, dem Vorzimmer des Todes, dem Beginn des Abstieges in die Hölle, waren die Wände mit Kritzeleien bedeckt: sie zeugten vom Aufbegehren, dem Aufgeben, der Liebe und manchmal sogar von überwältigendem Mut. Sie richteten sich an die Lieben, die Aufgegebenen und die, die ohne Nachricht blieben.
Zwei der Inschriften haben sich mir eingeprägt und blieben bis heute in meinem Gedächtnis:
"Man kommt, man schreit, das ist das Leben. Man schreit, man geht, das ist der Tod."
Die zweite war wie ein Leuchtfeuer der Hoffnung, und sie hat mir oft die Kraft wiedergegeben weiterzukämpfen, sogar in unerträglichen Augenblicken:
"Wenn es nichts mehr zu hoffen gibt, dann darf man nicht verzweifeln."
Die Hoffnung ist die letzte Pflicht, wenn kein Hoffnungsschimmer am Horizont mehr zu erkennen ist.
Am 4. September 1942 um 8.55 Uhr verließen Mutter, Erika und ich mit dem Zug D 901/23 vom Bahnhof Bourget das Lager Drancy. Unsere Namen befinden sich auf der Transportliste Nr. 28 aus Frankreich. Das Ziel war uns nicht bekannt. In dem Zug waren laut der Liste 918 Menschen. Als man 1945 nach Überlebenden suchte, fand man nur fünfundzwanzig Männer und zwei Frauen.
In unserem verschlossenen Waggon, der für „8 Pferde oder 40 Menschen“ zugelassen war, befanden sich etwa 70 Personen, Frauen, Kinder aller Altersstufen, Männer, Alte und Behinderte. Einzige Luftzufuhr waren kleine vergitterte Öffnungen. Auf dem Boden lag ein wenig Stroh und in einer Ecke standen zwei Eimer. Der eine enthielt Trinkwasser, der andere, vor dem wir eine Decke als behelfsmäßigen Sichtschutz aufhängten, war für die natürlichen Bedürfnisse vorgesehen. Es wurde deutlich, dass unser Ziel kein Arbeitslager sein konnte, wie man uns hatte glauben machen wollen.
Die Fahrt erschien endlos und die Angst wurde nach und nach immer größer. In diesen schummrigen Waggons stank es derartig, dass man kaum atmen konnte. Ausgehungert, dem Verdursten nahe, weinten die Menschen, sie stöhnten und einige zitterten vor übersteigerter Aufregung. Später erfuhr ich, dass man bei der Ankunft vergleichbarer Transporte mitunter Dutzende von Toten zählte.
Wir befanden uns in einem Zustand völliger körperlicher und geistiger Erschöpfung, als der Zug auf dem platten Lande in der Nähe von Cosel anhielt. Das war in Oberschlesien, nicht mehr sehr weit von Auschwitz. Die Türen der Waggons wurden mit lautem Krach geöffnet. Hundegebell mischte sich mit dem Gebrüll der SS, die befahl, dass die arbeitsfähige Männer zwischen achtzehn und vierzig Jahren auf das Schotterbett springen sollten, etwa 1,5 Meter tief.
„Schnell, schnell. Raus!“
In dem Lärm und einer höllischen Panik wurden die Familien getrennt. Ich war noch nicht ganz achtzehn, wusste aber, dass ich keinerlei Hilfe für meine Mutter und meine Schwester sein konnte. Ich wollte nicht bei den Kindern und den alten Leuten bleiben und statt dessen zu den Männern. Ich musste mich aus den Armen meiner Mutter losreißen. Angesichts meiner Entschiedenheit gab sie endlich nach und drückte mich mit tränenüberströmten Gesicht noch einmal an sich. Dann legte sie mir als letztes Geschenk ihr Seidentuch um, das ich wie einen Schatz für eine ganze Weile hüten konnte. Unsere Trennung war ein wirkliches Auseinanderreißen.
Nicht alle Deportierten hatten den Vorzug ihre Lieben vor der endgültigen Trennung zu umarmen. Ich höre noch die Schreie und das Weinen der getrennten Familien. Das Gebrüll der SS, das Gebell der Hunde, ließen keine Zeit für lange Gefühlsausbrüche.
Dann fuhr der Zug ab und mit ihm Mutter und Erika. Glücklicherweise wusste ich damals nicht, welches Schicksal sie erwartete. Die schreckliche Wahrheit erfuhr ich erst später. Nach dem Halt in Cosel wurden sie direkt zu den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau gefahren.
5 Die Lager Tarnowitz und Schopinitz
Sehr schnell erwies sich der Mantel meines Vaters als nützlich. In Oberschlesien lag bereits erster Schnee und in den Morgenstunden war die Kälte schneidend. Unsere Gruppe von etwa 250 Männern wurde in das Lager von Tarnowitz geschafft.
Tarnowitz war eines der Zwangsarbeiterlager der „Organisation Schmelt“, benannt nach Albrecht Schmelt, dem „Sonderbeauftragten des Reichsführers SS und Chefs der Deutschen Polizei für fremdvölkischen Arbeitseinsatz in Oberschlesien“. Im Bereich des damaligen Wehrkreises VIII (Schlesien und Sudetenland) betrieb die Organisation Schmelt Mitte 1942 sechsundvierzig Arbeitslager für Juden.
Im Lager Tarnowitz trafen wir von den Nazis Deportierte aus fast allen europäischen Ländern. An einem Ende gab es eine Baracke, die von etwa dreißig Frauen belegt war. Sie waren für den allgemeinen Unterhalt des Lagers und die Küche vorgesehen. Ihre Anwesenheit erweckte in mir die Hoffnung, dass Mutter und Erika sich vielleicht nicht weit von mir unter ähnlichen Bedingungen aufhalten könnten. Das erschien mir logisch. Ich wusste noch nicht, dass hier nichts nach den Regeln des gesunden Menschenverstandes ablief.
Auf der anderen Seite des Gitters, das uns trennte, lächelte mich ein schmächtiges blasses Mädchen an. Wir sprachen von unseren Familien, teilten die Unruhe über unsere Zukunft. Ihr sanfter Blick tröstete mich und ihre Fürsorge in dieser feindlichen Umgebung erinnerte mich an den Segen meiner Großmutter, den sie immer gesprochen hatte, wenn jemand aus der Familie auf Reisen ging:
„Möge das Wohlwollen Deiner Mitmenschen mit Dir sein und Gott Dich beschützen!“
In diesem Moment erkannte ich den tieferen Sinn ihrer regelmäßigen Fürbitte, die mich im Laufe meines Lebens begleitet hat.
Rachel arbeitete in der Küche und bevor wir uns trennten, versprach sie mir, dass sie jeden Abend eine Schale Suppe für mich am Gitter bereitstellen würde. Die langen Tage, die bei Sonnenaufgang begannen und erst endeten, wenn der Abend kam, brachten mich an den Rand der Erschöpfung. Wie tröstlich war es dann die segensreiche Suppe zu finden, die außerdem noch etwas dicker war, als die, die normalerweise verteilt wurde. Nicht ein einziges Mal hat meine kleine Freundin Rachel ihr Versprechen nicht gehalten! Diese zusätzliche Nahrung hat mir ohne jeden Zweifel geholfen diesen ersten Winter und die sechs Monate in Tarnowitz besser durchzustehen. Ich traf sie nur gelegentlich und immer sehr kurz. Ihr Lächeln war eine wertvolle Ermutigung. In ihrer Person fand ich an diesem verfluchten Ort ein wenig Güte und Solidarität.
In Tarnowitz bestand unsere Arbeit darin, auf unseren Schultern Telegrafenmaste zu tragen, sowie Eisenbahnschwellen und Schienen mit denen die Bahnstrecke ausgebessert werden sollte. Wir wurden von einem sogenannten Kapo, das war ein Häftling, der als Aufseher ausgewählt worden war, und einem Vorarbeiter, wahrscheinlich einem gebürtigen Schlesier, überwacht. Letzterer, ein echter Sadist, ließ harte Stockschläge über jeden herabregnen, der auch nur für einen kurzen Moment von der Arbeit aufsah.
Mit bloßem Oberkörper bei Eiseskälte gelang es uns trotz der ununterbrochenen Arbeit nicht, uns aufzuwärmen. Unter diesen unmenschlichen Bedingungen brachen innerhalb kürzester Zeit viele zusammen. Schnell wurde mir klar, dass man diejenigen besonders erbarmungslos behandelte, die als „Intellektuelle“ ausgemacht wurden. In der absonderlichen Denkweise der Nazis wurden Brillenträger so klassifiziert. So sah ich zu, dass ich meine Brille bald los wurde. Durch meine Wiener Vergangenheit kannte ich die Nazis und so gab ich vor, Schreiner zu sein, wie mein Vater. Es mag überraschend klingen, aber der Klassenkampf schien vor den Türen der Hölle nicht aufzuhören.
Ich freundete mich mit Dev, einem Jungen meines Alters, an. Er kam aus Holland und war sehr einsam, weil er nur seine Muttersprache beherrschte und einige Brocken Deutsch. Jeden Abend gab ich ihm etwas von meiner Extra-Suppe ab, die ich von der kleinen Rachel bekam. Er bemühte sich, sie auf dem einzigen, sehr umlagertem Ofen der Baracke aufzuwärmen. Dabei ließ er sie keine Sekunde aus den Augen, sie war so kostbar und es wurde viel gestohlen. Unsere Kameraden drängten sich um den Ofen wenn wir von der Arbeit kamen, um ihre durch den Regen oder den tauenden Schnee durchfeuchtete Kleidung zu trocknen. Einige rösteten Kartoffelscheiben. Sie waren überzeugt, dass diese so mehr Gehalt bekämen und den Hunger besser stillen würden. Wunschvorstellungen wie diese waren Teil unseres Daseins.
Von Zeit zu Zeit gab es Fluchtversuche. Sie waren selten, zum Scheitern verurteilt und die Strafen fielen drakonisch aus. Einer unserer ganz besonders sadistischen Wachleute liebte ein Spielchen, bei dem er einem Deportierten unter irgendeinem Vorwand befahl, sich von der Baustelle zu entfernen. Bald genug wurde dieser durch Schreie und Pfiffe gestoppt und beschuldigt, er hätte fliehen wollen. Einer meiner französischen Freunde wurde so zu fünfundzwanzig Stockhieben verurteilt. Bei dem ersten Schlag schrie er vor Schmerz: „Merde!“ (Scheiße) Sein Peiniger verstand „Mörder“. Aus Wut wurde er noch härter geprügelt und in einem bemitleidenswerten Zustand angeblich in ein anderes Lager gebracht.
Kranken wurde geraten, sich für ein „Sanatorium“ zu melden, wo die beste Medizin an sie verteilt werden würde. Das wirkliche Ziel der Krankentransporte fanden wir erst später heraus, es war, ganz wie bei den anderen sogenannten Überstellungen in andere Lager, die Gaskammer.
Eines Tages traf ich David Berger wieder, den Vater der kleinen Susi, der mit uns in St. Julia verhaftet worden war. Dieser Mann, den ich vorher als groß, stark und leutselig empfunden hatte, war nicht wiederzuerkennen. Er war kaum fünfunddreißig Jahre alt, wirkte aber wie ein Greis. Am Ende seiner Kräfte, völlig ausgezehrt, flehte er mich an:
„Paul, du bist jung. Ich bin am Ende. Versprich mir, dich um meine Kinder zu kümmern, wenn du hier herauskommst!“
Ich habe ihn niemals wiedergesehen. Was Susi und die anderen Kinder betrifft, so sind sie bei ihrer Ankunft in Auschwitz-Birkenau vergast worden.
Nach sechs Monaten wurden wir plötzlich und unerwartet in das Lager Schoprinitz (Szopienice) transportiert. Es war nicht weit weg, aber noch trostloser als Tarnowitz. Ich wurde von Rachel getrennt, ohne mich von ihr verabschieden zu können. Nur zu gerne hätte ich ihr noch gesagt, wie sehr ich ihre treue Freundschaft während all' dieser Monate geschätzt hatte.
Schoprinitz befand sich in einem Winkel, der von zwei Bahnstrecken begrenzt war, die sich am Horizont zu treffen schienen. Der Himmel war niedrig und immer dämmrig. Viele Züge fuhren an dem Lager vorbei.
Einige Züge transportierten Ukrainer zur Arbeit nach Deutschland. Die Schiebetüren der Waggons waren häufig offen und wenn wir uns in der Nähe befanden, bettelten wir sie um etwas zu Essen an. Von unserem Anblick unangenehm berührt, warfen sie uns Brotstücke zu, die manchmal angeschimmelt waren. Wir verschlangen sie trotzdem gierig. Die Ukrainer hatten ihr zu Hause wahrscheinlich schon vor längerer Zeit verlassen müssen...
Andere, trostlosere Züge beförderten Juden in Waggons, die so aussahen wie die, in denen wir gekommen waren. Die Transporte brachten sie in den Tod. Ohnmächtig hörten wir ihr Weinen und ihr Stöhnen. Manchmal konnten wir hinter den kleinen Gitterfenstern ein abgemagertes Gesicht erkennen.
Ein unvergesslich böser Tag wurde der, als ein Zug mit Panzern, der an die russische Front fuhr, auf unserer Höhe anhielt. Zu seinem Vergnügen bestrich ein SS-Mann von einem erhöhten Punkt des Zuges aus das Lager mit einer Maschinengewehrsalve. Ich sah mit eigenen Augen wie mehrere Kameraden getötet wurden. Einer von ihnen arbeitete als Krankenpfleger und trug deutlich sichtbar eine Armbinde mit einem roten Kreuz. Es war eine Szene wie aus einem Horror-Film. Nach diesem Blutbad ergriff uns jedes Mal die Panik, wenn ein Militärzug in der Nähe hielt. Unser tägliches Leben spielte sich in einer höllischen Umgebung ab, in der wir jede Orientierung verloren.
Unsere Tage vergingen, in dem wir Kohlenwaggons entluden, mitunter auch Sand oder Fünfzig-Kilo-Säcke mit Zement. Sie wogen mehr als wir selbst und wir trugen sie auf unseren Rücken. Schläge prasselten auf diejenigen nieder, die das Gleichgewicht auf den schwankenden, wackeligen Planken verloren, die aus den Waggons heraus führten.
Oft rissen die Säcke und ihr Inhalt rieselte auf den Boden und setzte sich in unserer Kleidung fest. Wir stopften diese Säcke, die aus mehreren Lagen Packpapier bestanden, unter unsere Jacken, um uns ein wenig vor der Kälte und dem Regen zu schützen. Natürlich war das verboten. Wenn wir in das Lager zurückkamen, waren wir grau von dem Zement, der an unseren Körpern klebte. Wir sahen aus wie die Straßenkünstler, die heute manchmal in den Fußgängerzonen Steinfiguren darstellen.
Um meine tägliche Essensration aufzubessern, stopfte ich den anderen ihre Socken. Nur die Kapos, das Küchenpersonal und andere Bevorzugte, die man im Lager „Prominente“ nannte, besaßen solche. Wir anderen mussten uns schon seit ziemlich langer Zeit mit „russischen Socken“ (Fußlappen) begnügen. Die bestanden aus Stoffstücken, die wir uns so gut es ging um die nackten Füße wickelten. Sie schützen kaum vor der Kälte und den rauen Holzpantinen, in denen wir uns die Füße aufscheuerten, was zu eiternden Wunden führte. Als Entlohnung für meine Arbeit erhielt ich ein paar Kartoffeln, etwas Suppe und manchmal ein hoch willkommenes Stückchen Brot.
Dem gierigen Blick von Dev konnte ich nicht standhalten und so gab ich ihm fast immer etwas ab. Dieses zusätzliche Essen ermöglichte uns, ein Stückchen Brot aufzubewahren, damit wir während des nächsten Tages nicht ohne feste Nahrung blieben. Am Morgen gab es nämlich nur einen sogenannten Kaffee, der als einzigen Vorteil hatte, dass er warm war und am Mittag erhielten wir eine sehr dünne Suppe. Dev und ich versteckten ein stückchen Brot unter unseren Kopfkissen, damit es nicht in der Nacht gestohlen werden konnte.
Eines Morgens entdeckte Dev zu seinem Ärger, dass ihm sein Brot gestohlen worden war. Sofort schaute ich unter dem Lumpenbündel nach, das mir als Kopfkissen diente, und stellte mit Schrecken fest, dass meines ebenfalls verschwunden war.
Einer meiner Nachbarn, der sich auf der unteren Etage des Stockbettes befand, bot mir drei winzige Kartoffeln und eine dünne Scheibe Brot an, kaum etwas von Substanz! Er selber war schon etwas älter – als Jugendlicher erschien mir jeder über dreißig steinalt zu sein – und bis auf die Knochen abgemagert. Welchen Ausdruck soll man für diese Geste finden, für die Opferbereitschaft eines Menschen, der selbst so unter dem Unglück dieses Ortes litt, wo keinerlei Mitgefühl zu existieren schien?
In unserer Baracke kamen mehr und mehr Diebstähle vor. Dev wurde verdächtigt, in eine andere Baracke versetzt und die Diebereien ließen nach. Ich wollte und konnte an seine Schuld nicht glauben. Aber einige Tage später kam er nach dem Aufstehen zu mir gelaufen, um mir zu gestehen, dass er auf frischer Tat ertappt worden wäre. Er hätte den quälenden Hunger einfach nicht mehr aushalten können. Nun flehte er mich an, ihm zu sagen, dass ich trotzdem sein Freund bleiben würde. Das würde es ihm leichter machen die Prügel auszuhalten, die ihn nach dem Appell verabreicht werden würden und die anschließende Isolierung, mit der wir Diebe zu bestrafen pflegten. Also hatte er, den ich für meinen Freund gehalten hatte, auch mein Brot gestohlen! Ich war wie vor den Kopf geschlagen, schockiert und betrübt. Das war zuviel, ich konnte ihm nicht verzeihen.
Heute tut es mir leid, dass ich so streng gewesen bin. Dev, hatte, wie viele andere, große Schwierigkeiten den quälenden und nie gestillten Hunger zu beherrschen, der uns wirklich peinigte. Von morgens bis abends dachten wir daran, wie wir an Nahrung kommen könnten. Der Hunger löschte unsere Reaktionen aus, unseren Geist und unseren gesunden Menschenverstand. Nur wer selber unter Hunger gelitten hat, oder unter Hungeranfällen leidet, kann verstehen, warum der Hunger jemanden zu einem absolut verurteilungswürdigen Verhalten drängen kann: das Leben eines Leidensgefährten etwas zu verkürzen, in dem man ihm ein Stück seines Brotes stiehlt.
Unsere Peiniger, die tatsächlich Verantwortlichen, die uns am Existenzminimum leben ließen, amüsierten sich über derartige Vorfälle und bestraften mitunter das Opfer genauso wie den Täter.
Es gab nichts, was man vorhersehen konnte. Eines Tages hieb ein Kapo, dessen Verhalten ansonsten einigermaßen erträglich war, auf einen meiner Kameraden in unerklärlicher Wut mit der Peitsche ein. Schluchzend verfluchte der Geschlagene ihn auf jiddisch: „Mögen ihm die Hände abfallen.“
Einige Tage später – durch Zufall oder ausgleichende Gerechtigkeit – quetschte sich dieser Kapo vier seiner Finger zwischen zwei aufeinanderstoßenden Waggons. Diese Verletzung führte dazu, dass er bei der nächsten Selektion aussortiert wurde.
Im September 1943 endete unser Aufenthalt in Schoprinitz. Wir kannten unsere nächste Station nicht, waren aber von der großen Furcht besessen, in das berühmt-berüchtigte Auschwitz geschickt zu werden, mit dem man uns bei der kleinsten „Ungehorsamkeit“ oder einem vermeintlichen „Mangel an Disziplin“ stets gedroht hatte. Als wir hörten, dass es nach Birkenau ginge, fühlten wir uns erleichtert, so naiv waren wir. Nach einer kurzen Strecke blieb der Zug im Bahnhof Auschwitz stehen. Wir waren völlig niedergeschlagen. Die allerschlimmsten Befürchtungen waren Wirklichkeit geworden: Birkenau war nur ein anderes Wort für Auschwitz.
Das gewaltige SS-Herrschaftsgebiet von Auschwitz war in mehrere Komplexe aufgeteilt worden:
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Auschwitz I — |
das Stammlager, in dem meist polnische, politische Häftlinge saßen.
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Auschwitz II — |
Birkenau, Arbeits- und Vernichtungslager vorwiegend für Juden.
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Auschwitz III — |
Monowitz, Buna Monowitz: Chemiewerk der IG Farben, |
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nach dem November 1943 auch Einsatzzentrale für 39 Außenlager überwiegend in Oberschlesien. |
Jüdische Zwangsarbeiter arbeiteten in den landwirtschaftlichen Betrieben der SS, bei Bauarbeiten unter der Regie der SS, aber auch in den schlesischen Kohlegruben wie der Charlottegrube in Rydułtowein, der Fürstengrube in Wesoła bei Mysłowice, der Günthergrube in Lędziny und anderen. Tausende von Häftlingen wurden an Rüstungsbetriebe verliehen, die z. b. Panzer, Kanonenrohre oder Granaten herstellten bzw. Zulieferer für die Produktion an anderer Stelle waren. Als Beispiel sei hier nur die Produktionsanlage von Siemens-Schuckert in Bobrek genannt, die elektrische Apparaturen für Flugzeuge und U-Boote herstellte.
Birkenau, erstreckte sich über eine riesige Fläche, auf der sich vorher das Dorf Birkenau (Brzezinka) befunden hatte. Es war schon vor dem Baubeginn 1941 geräumt worden. Die trostlose Umgebung schien für das ungeheure Unternehmen der „Endlösung der Judenfrage“ vorherbestimmt. Das sumpfige, flache Gelände war einem unerbittlichem Wind ausgesetzt, der Himmel war fast immer grau und niedrig. Hier wurden die Gaskammern errichtet und Öfen der Krematorien, die Tag und Nacht in Betrieb waren. Von ihnen kam ein widerlicher Gestank, der meinen Geruchssinn zum Teil zerstört hat.
In den ursprünglichen Plänen wurde mit einer Zahl von 200 000 ständigen Gefangenen gerechnet, die hauptsächlich in Wehrmachtsbaracken vom Typ „Pferdestall“ Unterkunft finden sollten. Das gesamte Lager war mit doppeltem Stacheldrahtzaun umgeben, der unter elektrischer Hochspannung stand. Ungefähr alle zweihundert Meter ragte ein Wachtturm auf. Auf den Türmen waren SS-Männer mit Maschinengewehren. In der Nacht wurde das Lager ununterbrochen mit beweglichen Scheinwerfern ausgeleuchtet. Darüber hinaus sah man nichts als unendliche Weiten, die im Winter mit hohem Schnee bedeckt waren. Der Winter schien hier kein Ende zu nehmen. Ich erinnere mich nicht daran, dass es überhaupt Bäume gab.
Birkenau war noch mal in verschieden Zonen aufgeteilt. Es gab das Arbeitslager, das Frauenlager, das Zigeunerlager, die Quarantäne, die zentrale Krankenstation und so fort. Diejenigen, die nicht sofort nach ihrer Ankunft vergast wurden, mußten durch die Quarantäne. Wenn sie das überlebten, kamen sie später in das Arbeitslager.
Als wir in der Nähe des Arbeitslagers ankamen, beobachte ich Männer in Sträflingskleidung, gebeugt und mit schleppendem Gang. Ihr Tun schien mir rätselhaft. Sie trugen mit großer Sorgfalt Pflastersteine von einem Haufen, um sie etwas weiter auf einen anderen Haufen zu schichten. Später erfuhr ich, dass diese sinnlose Arbeit in gleichem Rhythmus von morgens bis abends ausgeführt werden musste. Die SS betrachtete sie als Erziehungsmittel zur besseren Anpassung an das Lagerleben. Tatsächlich zehrte sie an der körperlichen und geistigen Widerstandskraft der Deportierten. Es war schwierig, das lange auszuhalten.
Bevor man bei der Ankunft unseren körperlichen Zustand genauer beurteilte, befahl man uns, in Fünfer-Reihen zu laufen. Diejenigen, die zu schwach erschienen, wurden sofort aussortiert und umgebracht. Anschließend brachte man uns in eine Baracke und wir erhielten von einem Kapo einen erzieherischen Vortrag. Wichtige Worte unterstrich er, in dem er mit einer Reitpeitsche gegen seine makellos polierten Stiefel klopfte:
„Im Vergleich, zu dem was euch hier erwartet, war euer bisheriges Leben ein Spaziergang.“
Das war keine Bosheit, das war eine Ankündigung!
Nach diesem Vorgeplänkel ging es auf den Hof zurück, wo Eiseskälte herrschte, es war immerhin November. Dort nahm man uns unsere Kleidung ab, rasierte uns von Kopf bis Fuß mit einem Rasiergerät, dessen Klinge schon lange stumpf geworden war. Anschließend tätowierte man uns wie einem Stück Vieh eine Nummer auf den linken Unterarm. Das war mir auch deswegen unerträglich, weil ich wusste, dass nach der jüdischen Religion Tätowierungen verboten sind.
Meine Nummer war: 160 610. Erst als ein Kapo mich einmal „komische Nummer“ nannte, bemerkte ich ihre Besonderheit. In der Nummer 160 610 wiederholt sich jede Zahl zweimal, genau wie die Summe 1 + 6 + 0 = 7 und 6 + 1 + 0 = 7. Die Ziffer 7 ist also auch zweimal enthalten, was von großer Symbolkraft für diejenigen ist, die sich von den geheimen Botschaften in Buchstaben und Zahlen angezogen fühlen. Unter den vielen möglichen Bedeutungen finden sich in der Kabbala (der jüdischen Geheimwissenschaft von Zahlen und Symbolen) Leben, Frieden, Wissenschaft, Reichtum, Gnade, Saat, Vorherrschaft. In anderen Lehren finden sich sieben Tugenden: Treue, Mut, Geduld, Duldsamkeit, Klugheit, Liebe und Verschwiegenheit. Doch darüber dachte ich erst sehr viel später nach.
Entmenschlicht, erniedrigt, zur bloßen Nummer gemacht, verloren wir unsere Identität. Dann schickte man uns unter eine kalte Dusche, nach der wir uns nicht einmal abtrocknen konnten. Anschließend standen wir wieder nackt im Hof. Wir versuchten, uns wenigstes ein wenig aufzuwärmen, indem wir uns aneinander pressten.
Endlich verteilte man irgendwelche Lumpen an uns, die nun unsere Kleidung sein sollten: Eine Art gebrauchter Schlafanzug mit großen Streifen, ein Hemd ohne Kragen und eine Mütze. Das Ganze war aus einem groben Stoff gefertigt, der stark nach Desinfektionsmittel stank. Die Ausrüstung wurde durch ein Paar Holzschuhe vervollständigt. Nichts entsprach unseren Kleidergrößen und so mussten wir untereinander tauschen, so gut es ging. Als ich meine Kameraden betrachtete, fiel es mir nicht schwer mir vorzustellen, was für einen Anblick ich nun bot. So waren wir denn in die Lagergesellschaft aufgenommen und verbrachten unsere erste Nacht völlig erschöpft in einer Baracke.
In den dreistöckigen Betten waren auf jeder Etage sechs Männer untergebracht, das ergab etwa fünfzig Zentimeter in der Breite an Liegefläche für den Einzelnen. Als Matratze gab es einen stinkenden Strohsack und als Zudecke ein dünnes Baumwolltuch. Diese Nacht wurde wie alle anderen die folgen sollten, zu einer echten Heimsuchung.
Auf einen der älteren Häftlinge der völlig abgemagert war und mit verstörten hervorstehenden Augen vor sich hin starrte, traf nur noch der Ausdruck „Muselmann“ zu. Man nannte diese Menschen so, weil sie kaum noch von dieser Welt waren. Es war ihnen alles gleichgültig, was sie redeten eingeschlossen. Um ihr bisschen Kraft zu schonen, bleiben sie regungslos sitzen und zogen sich die dünne Decke über den nach vorne gebeugten Kopf. So sahen sie aus wie betende Muslime und schienen nichts mehr von dieser unwirklichen Welt mitzubekommen. Ich fragte den Mann, wo denn der beißende Geruch herkäme und was die Flammen bedeuteten, die aus dem Kamin eines nahen Gebäudes schlugen.
Mit kaum hörbarer Stimme sagte er mir:
„Wenn deine Eltern mit dir deportiert worden sind, dann sind sie durch die Tür dieses Gebäudes hineingegangen und durch den Schornstein wieder heraus.“
Ich glaubte, er wäre verrückt! Das erschien mir völlig unglaubwürdig. Ich weigerte mich, eine solche Schauergeschichte zu glauben. Es war jenseits meiner Vorstellungskraft.
Aber der Schock und der Unglauben wichen sehr schnell der unausweichlichen Erkenntnis der Tatsachen.
Viele Gedanken wirbelten durch meinen Kopf:
Wie viele Deportierte mögen nach ihrer Ankunft in die angeblichen Duschräume geschickt worden sein, vergast, verbrannt und in Rauch aufgegangen?
Seit wann „verarbeitete“ man Männer, Frauen und unschuldige Kinder zu Asche?
Wie viele Menschen wurden bei den regelmäßigen Selektionen ausgesondert, weil sie nicht mehr in der Lage waren für die Kriegsmaschinerie der Nazis zu arbeiten?
Wie viele Leben blieben unvollendet, viel zu kurz?
Welch eine Missachtung des Höchsten, das es gibt, des Lebens!
Der Tag, an dem ich erkannte, was in Birkenau vor sich ging, war der schlimmste in meinem Leben als KZler. Wie sollte man da noch die Kraft finden, weiter zu kämpfen und zu versuchen zu überleben? Nach einer kurzen Zeit der Niedergeschlagenheit gewann allerdings der Überlebenstrieb eines erst 18-jährigen die Oberhand. Als persönliches Motto übernahm ich die Inschrift, die ich an der Wand in Drancy eingeritzt gesehen hatte:
"Wenn es nichts mehr zu hoffen gibt, dann darf man nicht verzweifeln."
Die Hoffnung und der Wille, den Kampf gegen die Ohnmacht weiterzuführen, waren die einzigen Waffen und die einzigen Formen von Widerstand, die den Deportierten noch zur Verfügung standen. Und so raffte ich mich wieder auf.
Am Tag nach meiner Ankunft erfuhr ich, dass Metallarbeiter gesucht wurden. Meine Studien an der Technikschule in Brüssel schienen mir ein guter Anknüpfungspunkt zu sein, also meldete ich mich als Metallarbeiter. Der Ingenieur Kurt Bondzius hatte den Auftrag, etwa fünfzig Deportierte auf ihre Qualifikation zu überprüfen. Er arbeitete für das Unternehmen Siemens-Schuckert.
Es war ein Hoffnungsschimmer für mich. Vielleicht könnte ich so aus der Quarantäne herauskommen, wo die Menschen reihenweise starben. Ich stellte mich mit den anderen an. Vor mir stand zufällig ein Mann, der aus Wien stammte, ein echter Prolet. Ich fragte ihn nach seinem Beruf und er antworte mir in breitem Wiener Dialekt: „Eisendreher.“ Spontan beschloss ich, mich als Eisendreher auszugeben. Bei der Prüfung wurde gefragt, ob ich auch andere Materialien bearbeiteten könne, also gab ich an, dass ich mich auf das Drehen von Holz verstand. Auf weitere Nachfrage erfand ich Fähigkeiten im Umgang mit allen möglichen Metallen. Die vagen Antworten und meine offensichtliche Jugend konnten keinen Zweifel daran lassen, dass ich keine Ahnung hatte.
Bondzius kommentierte ironisch: „Na, du bist mir ja ein guter Dreher.“
Ich tat so, als ob ich den spöttischen Ton nicht verstanden hätte, und antwortete:
„Nein, ich bin wirklich kein guter Dreher.“
Zu meiner großen Überraschung und Erleichterung, wurde ich mit fünfzig weiteren „Spezialisten“ angenommen. Mein Schicksal wendete sich. Von nun an gehörte ich zum „Kommando Siemens-Schuckert“.
Bald wurden wir in das Arbeitslager eingewiesen. Wir kamen in den Block 11, der mit einer zusätzlichen Steinmauer umgeben war. Hier waren wir nun isoliert und konnten uns nicht mehr unter die anderen Deportierten im Lager mischen. Es war der Block des Strafkommandos, und eigentlich für diejenigen vorgesehen, die versucht hatten zu fliehen oder anderer „Vergehen“ beschuldigt wurden. Viele waren Kriminelle („Berufsverbrecher“), was man daran erkennen konnte, dass sie ein grünes Dreieck trugen.
Jede Kategorie von Deportierten unterschied sich von den anderen durch die Farbe des Dreiecks, dass auf die Jacke aufgedruckt war. Es befand sich vor der aufgenähten Häftlingsnummer. Die Politischen hatten Rot, die Asozialen Schwarz, die Homosexuellen Rosa, die Zigeuner Braun, die Zeugen Jehovas Lila, die Juden Gelb und so fort. Die Dreiecke konnten auch kombiniert sein, beispielsweise in Rot und Gelb für politische Häftlinge, die Juden waren. Zusätzlich gab es Buchstaben, um die Nationalitäten zu unterscheiden...
Die „Berufsverbrecher“ und die „Politischen“, besonders wenn sie „Reichsdeutsche“ waren, schienen ansonsten besondere Vorrechte zu genießen. Meist waren sie vor Selektionen geschützt, denn sie hatten häufig für die Organisation des Lagers wichtige Funktionen wie Blockältester, Kapo und dergleichen. Die Blockältesten hatten sogar das Anrecht auf ein eigenes Zimmer in der Baracke.
An beiden Enden unsere Baracke befand sich je ein Ofen. Auf dem Boden in der Mitte verlief ein langes Rohr, das mit Ziegelsteinen ummauert war und als Bank diente. Sofern im Winter geheizt wurde, strahlte es ein wenig Wärme ab. Um die wenigen Sitzplätze gab es ein unbeschreibliches Gerangel. Die, die keinen fanden, mussten sich auf ihren Pritschen zusammenkauern.
In der düsteren Behausung gab es keinerlei Fenster, durch die man den Himmel hätte sehen können oder auch nur etwas Tageslicht. Das kleinste Fensterchen hätte ein Schlupfloch für Träume sein können... Doch nur die Gattung Mensch träumt, und uns rechnete man nicht mehr dazu.
Auf Anforderung von Bundzus, spendierte man uns eine zusätzliche Schale Suppe, um uns für die bevorstehende Arbeit etwas aufzupäppeln. Emil Bednarek, unser Blockältester, ein Krimineller und echter Tyrann, ließ uns diese Suppe teuer bezahlen. Aus unverständlichen Gründen hasste er alle Juden. Da wir uns sozusagen zur „Kur“ im Strafblock befanden, kam er auf den Gedanken, uns Turnübungen machen zu lassen, damit wir fit blieben.
Meist war das nach dem Arbeitstag. Wir waren nur noch kaputt und versuchten, uns wenigstens etwas auszuruhen. Mitten in der Nacht riss er uns brutal aus dem Schlaf, jagte uns auf den Hof und befahl uns zu laufen, während die Kapos auf uns schwankende Gestalten einprügelten.
Anfang 1944 fand die größte Selektion statt, die ich in Birkenau erlebte. Alle Häftlinge bekamen Ausgangssperre und mussten nackt an den SS-Ärzten Dr. Josef Mengele und Dr. Horst Fischer vorbeiziehen.
Sie lachten, unterhielten sich miteinander und rauchten Zigaretten, während sie ohne innere Beteiligung mit einem kurzen Wink bestimmten, wem ein Aufschub gewährt werden würde und wen man noch etwas weiter leiden lassen könnte oder wer unbekleidet in einer Baracke auf das Morgengrauen nach einer endlos scheinenden Nacht warten sollte, um vergast zu werden.
Als ich das Lachen unser Peiniger sah, fiel mir spontan eine Zeile aus einem Gedicht ein, das ich vor Jahren in Wien gelernt hatte:
„Weit impertinenter noch
Als durch Worte, offenbart sich
Durch das Lächeln eines Menschen
Seiner Seele tiefste Frechheit.“
(Heinrich Heine, Atta Troll, Caput VII)
Als wir nach dieser harten Prüfung in den Block zurückkamen, streckte Bednarek, der anscheinend seinen Hass immer noch nicht gestillt hatte, Peter Dymhoff, einem bekannten Musiker, eine Geige entgegen und befahl ihm zu spielen. Peter war so mutig, sich standhaft zu weigern. Außer sich vor Wut prügelte Bednarek auf ihn ein, bis er tot war. Ohnmächtig beobachteten die Internierten den Mord, der vor aller Augen begangen wurde.
Mehr als in allen anderen Lagern fühlte ich mich hier vom Tod bedroht. Ich lebte ständig in seinem Schatten und musste mich daran gewöhnen. Es hörte damit auf, dass der Tod mir schließlich keine Angst mehr machte.
Morgens um vier, der Tag hatte kaum begonnen, weckte uns der Stubendienst fluchend und brüllend. Die Diensthabenden schlugen derb mit Knüppeln gegen die Pfosten unserer Bettgestelle. Mitunter trafen sie dabei die Häftlinge, die nicht schnell genug aufgestanden waren. Wie eine kopflose Herde rannten wir zu den Latrinen. Diese „Toilettenanlage“ befand sich in einer getrennten Baracke. Über offene Rinnen voller Exkremente waren Holzbretter mit Öffnungen gelegt. Auf denen saßen wir dann nach dem Prinzip Plumpsklo Seite an Seite. Abtrennungen, Türen oder wenigstens Sichtschutz gab es nicht. Es war entwürdigend. Der Gestank war ekelhaft. Ein „Scheißmeister“ war ernannt worden, um die Dauer unseres Aufenthaltes zu verkürzen, den man als „Erholung“ auffasste. Danach drängten wir an die Waschbecken, um uns schnell und daher zwangsläufig oberflächlich zu reinigen.
Und dann setzte die Folter des endlosen Morgenappells ein. In ordentlichen Reihen standen wir ausgelaugt und schwankend vor unseren Baracken. Wenn die SS vorbeikam, befahl der Blockälteste: "Mützen ab!" und wenn das nicht absolut synchron vor sich ging, brüllte er wieder: "Mützen auf!" Diese Übung, die wir für ihren Geschmack nie schnell genug hinbekamen, konnte Stunden dauern.
Wenn wir dann mit unbedecktem Kopf dastanden, meldete der Blockälteste die Anwesenden, die Kranken und die Toten. Da nach und nach die Zeit verging, brachen derweil die Schwächsten vor Erschöpfung zusammen und starben. Man begann wieder von vorn, bis die Zahlen absolut stimmten. Unseren Peinigern machte der Schnee, der Wind und der Regen wenig aus. Es machte ihnen auch nichts aus, dass unsere Kleider vom Vortag noch feucht waren und dass uns nichts vor der beißenden Kälte schützte, dass wir so lange draußen bleiben mussten und dass unsere Füße nie trocken wurden — unermüdlich zählten und zählten sie die Lebenden und die Toten immer und immer wieder.
Dann wurden die Kommandos zusammengestellt und im Gleichschritt ging es in einer Gruppe von etwa sechzig Deportierten hinaus, die, solange es möglich war, unter Vordächern Schutz suchten. Begleitet wurde der Ausmarsch von den "lustigen" Klängen des Lagerorchesters, wodurch wir zusätzlich verhöhnt wurden.
Die Gruppe "Siemens" hatte das außergewöhnliche Glück mit einem LKW zu ihrer Baustelle nach Bobrek, einer kleinen Ortschaft in etwa acht Kilometer Entfernung, gefahren zu werden. Dort wurde eine frühere Ziegelei zu einer Metallfabrik umgebaut und es sollte daneben das künftige Lager Bobrek eingerichtet werden.
Bei unserer Rückkehr zwang man uns, deutsche Marschlieder anzustimmen. Diejenigen, die die Sprache Goethes nicht beherrschten, taten gut daran, die Worte möglichst gut nachzuahmen, um Prügel zu vermeiden. Unausweichlich kam der Abendappell, der haargenau so ablief wie der vom Morgen.
Endlich kam der so sehnsüchtig erwartete Augenblick, an dem die tägliche Suppenration verteilt wurde. Die Suppe bestand aus Kartoffeln, Rüben, Kohl und roten Beeten. Wir erhielten dazu ein Mischbrot aus Weizen- und Hafermehl. Das Brot musste in fünf gleiche Stücke aufgeteilt werden. Das war keine leichte Aufgabe. Wir wogen die Brotscheiben mit einer selbstgebastelten Waage aus Holzstücken und Fäden. Ich sehe uns noch regungslos dastehen, halb verhungert, den Blick auf das Ritual des Brotteilens gerichtet. Jeder war sich sicher, dass sein Stück ein klein wenig kleiner als das des Nachbarn ausfiel. Das war der Grund andauernder Streitigkeiten.
Von Zeit zu Zeit bekamen wir ein winziges Eckchen Margarine und zweimal in der Woche eine dünne Scheibe Wurst. Die Suppe aber war der wesentliche Bestandteil unserer Nahrung. Zum Schleppen des riesigen Kübels, der einige Dutzend Liter Suppe enthielt, meldeten sich stets Freiwillige, die dafür eine Kelle Suppe zusätzlich bekamen. Beim Eintreffen der Suppenträger bildeten wir unter Gedränge und Gerangel eine Schlange, in der wir uns mit unseren vorgereckten Schalen anstellten. Einige Männer, die sich für besonders schlau hielten, warteten, bis die ersten fertig waren, denn die Suppe wurde nach und nach dicker. Aber man musste den günstigsten Augenblick erwischen und seine Chancen gut abschätzen. Dumm gelaufen, wenn man überhaupt nichts mehr abbekam. Der Bodensatz, das Beste, ging auf jeden Fall an den Kapo und den Stubendienst.
Diese lange erwartete Nahrung war umso schneller heruntergeschlungen. Wer sich auf das "Organisieren" verstand, besorgte sich einen Löffel. So konnte man seine Suppe langsam auslöffeln und das Vergnügen verlängern. Welch ein Luxus!
Nach dem unsere magere Mahlzeit beendet war, begann die lästige Pflicht der Läusekontrolle. Unsere Kleidung war voller Läuse, die wir einfingen und zwischen den Fingern zerquetschten. Man musste dabei sehr sorgfältig vorgehen, damit einem ja keine entwischte. Wer nicht genug aufpasste, landete bald unter der eiskalten Dusche. Die Läuse übertrugen Typhus, so war es auch im Interesse der Lagerinsassen, sie unter Kontrolle zu halten. In diesem Winter (1943/44) war eine verheerende Epidemie ausgebrochen. Unzählige Menschen starben an der Krankheit.
Schon gab es eine neue Geißel: die Krätze, der ich leider nicht entging. Der Juckreiz war derartig unerträglich, dass ich nicht anders konnte, als mich zu kratzen bis es blutete. Um mich zu kurieren, musste ich meine Brotration gegen eine Arznei tauschen. Man musste um jeden Preis das Krankenrevier meiden, weil der Besuch dort tödlich sein konnte. Regelmäßig endete eine bestimmte Zahl der Kranken im Gas.
Während des ganzen Winters litt ich an schwerer Gelenkentzündung. Ich musste mich bei meinen Kameraden abstützen, wenn wir zur Arbeit gingen. Dabei durfte ich auf keinen Fall erwischt werden. Es brauchte Stunden, bevor ich nach einer Ruhezeit meine Knie wieder richtig beugen und meine Finger schließen konnte.
Eine andere Prüfung wartete auf mich: häufige Durchfälle. Das war schrecklich schwierig, schon weil man nicht immer, wenn es notwendig war, die Latrine aufsuchen durfte. So ging die Sache des öfteren „in die Hose“, die man weder richtig waschen noch trocknen konnte. Ich wurde den Durchfall los, in dem ich verkohlte Kartoffelstücke aß.
Wenn ich irgend konnte, schlief ich. Das war ein unwiderstehliches Bedürfnis. Ich döste selbst beim marschieren. Lange hatte ich das Gefühl nur noch im Schlaf zu wandeln. Ich schlief, die Umstände waren unwichtig. Um einige Stunden kostbaren Schlafes zu gewinnen, nahm ich große Risiken auf mich. Während mehrerer Tage schlich ich mich nach dem Morgenappell heimlich still und leise in den hinteren Teil der Baracke, der für die Deutschen vorbehalten war und weniger streng bewacht wurde. Ich streckte mich auf der dritten, der obersten Etage ihrer Bettgestelle aus, um dort zu schlafen, bis meine Kameraden von der Arbeit zurückkamen.
Dieses Manöver führte ich durch, bis ich eines Tages die Schwäche hatte, mein Geheimnis einem meiner Gefährten zu enthüllen. Er fand den Einfall sehr schlau und machte es mir nach. Dass er von nun an mit mir kam, führte ins Verhängnis. Er schnarchte derartig laut, dass Bednarek auf ihn aufmerksam wurde. Mit unverhohlener Freude verpasste Bednarek uns auf der Stelle eine Reihe von Stockhiebe auf den Hintern, die wir laut einen nach dem anderen mitzählen mussten. Anschließend folgte bei Kälte und Schnee eine Stunde Kniebeugen mit ausgestreckten Armen auf dem Hof.
Diese Art der Bestrafung war unser täglich Brot. Viele Deportierte brachten bei dem „Training“ zusammen und wurden mit heftigen Schlägen von unseren Folterknechten fertiggemacht, die sich mit sadistischer Freude besonders gerne über diejenigen hermachten, die schon auf dem Boden lagen. Lange Zeit blieb mein verlängerter Rücken schmerzhaft und zwang mich, auf dem Bauch zu schlafen. So endete das Wohlgefühl einiger Stunden geraubten Schlafes.
Die Transporte aus Ungarn begannen einzutreffen, in der Größenordnung von 10 000 Menschen pro Tag – manchmal sogar mehr. Nur wenige entkamen dem unmittelbaren Tod. Die Krematoriumsöfen brannten ununterbrochen, Tag und Nacht, es war unmöglich, die Menschen alle so schnell einzuäschern.
Ein besonderer Tag, wird mit immer in Erinnerung bleiben. Wir waren zu früh mit dem Appell fertig geworden, um schon zur Arbeit zu gehen. Plötzlich sah ich direkt vor mir einen solchen Transport. Man befahl unserem Kommando, sich in einen Graben zu legen. Es wurde streng verboten, mit den Neuankömmlingen zu reden.
Ganze Familien zogen in langen Kolonnen an uns vorüber. Ausgezehrt, durstend, mit Gepäck beladen, glaubten auch sie - so naiv wie einst wir selber-, dass sie in ein Arbeitslager kamen. An der Spitze ging eine Gruppe von chassidischen Juden. Mit ihren schwarzen langen Mänteln und ihren schwarzen Hüten umringten sie ihren Rabbiner. Einer der Männer trug ehrfürchtig eine Thorarolle in seinen Armen. Innig drückte er sie an sein Herz wie ein kleines Kind. Vertrauensvoll, fast heiter, murmelten sie Gebete, während die auf die Gaskammern zugingen, in den Tod. Glücklicherweise konnten sie unsere entsetzten und hoffnungslosen Blicke nicht sehen.
Im Mai 1944, nach sieben Monaten in Birkenau, verließ ich diese Hölle, um endlich in das Lager Bobrek gebracht zu werden. Die Fabrik, die wir dort gebaut hatten, war fertig. Von der ersten Gruppe von fünfzig Facharbeitern, die der Ingenieur Bondzius in der Quarantäne ausgewählt hatte, waren nur noch zwanzig übrig.
Endlich entkam ich dem grauenhaften Einflussbereich Bednareks und den endlosen Morgen- und Abendappellen. Wir waren erleichtert, nicht mehr den regelmäßigen Selektionen ausgesetzt zu sein und uns weit weg von den Gaskammern und den Krematorien zu befinden, nicht mehr den schweren Rauch ihrer Schornsteine einatmen zu müssen. Auch das Orchester, das beim Abmarsch und zur Wiederkehr der Arbeitskommandos aufspielte, ließen wir hinter uns.
Zu unserer kleinen Gruppe aus dem Block 11 in Birkenau kamen noch etwa 250 Männer und 30 Frauen in das neue Lager. Die Frauen befanden sich in einem Gebäude, dass mit einem Gitter von dem Bereich der Männer getrennt war. Nachdem ich zwanzig Monate lang im Freien gearbeitet hatte, war ich nun zum ersten Mal wieder vor den Unbilden der Witterung und den ständigen gewalttätigen Übergriffen der Kapos und SS-Wachen geschützt.
Das Essen war hier etwas besser und die am meisten begrüßte und am wenigsten erwartete Änderung war die Einführung eines freien Sonntages alle zwei Wochen.
Die Wachleute waren weniger angriffslustig. Der Lagerführer, der SS-Mann Anton Lukaschek schien seinen ganzen Zorn bei den vorherigen Häftlinge abreagiert zu haben. Seine Hauptbeschäftigungen waren nun das Vermeiden einer Abkommandierung an die Ostfront und das Beschaffen alkoholischer Getränke um sich vollaufen zu lassen.
Die tägliche Gegenwart von Zivilarbeitern der Firma Siemens-Schuckert und die zwingende Vorgabe der Firma, dass eine regelmäßige Produktion stattfinden musste, beides trug dazu bei, dass unser Leben weniger hart wurde.
Wie früher hatte ich das Vorrecht mir aussuchen zu dürften, wie groß die Maschine war, an der ich arbeiten sollte. Ich wählte die kleinste, weil ich dachte, dass ich mit ihr am einfachsten umgehen könnte. Diese Annahme war grundfalsch; die Größe hatte aber auch gar nichts damit zu tun, wie schwer es war etwas an der Maschine herzustellen, eher im Gegenteil. Bei der Herstellung meines ersten Werkstückes vertat ich mich um zehn Millimeter! Dieser Riesenfehler trug mir eine sehr ernste Mahnung meines deutschen Kontrolleurs ein:
„Ein zweiter Fehler und du findest dich in Auschwitz wieder!“
Seine Drohung wirkte. Ich habe mich nie wieder vertan.
Zwischen den Häftlingen entwickelten sich nun vertrauensvollere Beziehungen und ein größeres Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Anwesenheit von Frauen trug viel dazu bei, das Klima zu ändern und uns zu trösten. Die Frauen hatten sämtlich eine bewundernswerte Haltung und eine große Würde. Und das, obwohl ihr Leben unter diesen Umständen unendlich viel schwerer zu ertragen war, als das unsere, das der Männer.
Meine Freundin Thérèse Glowinsky ist inzwischen die Älteste in der Gruppe der Überlebenden aus Bobrek. Als sie verhaftet wurde, musste sie ihre drei kleinen Kinder und ihren Ehemann in Frankreich zurücklassen. Wie groß war die Unruhe dieser Frauen und Männer, die ihre Familien sich selber überlassen mussten! Sie lebten in ständiger Angst, dass ihretwegen auch diese Kinder oder der Mann verhaftet werden könnten. Trotz ihres eigenen großen Kummers und ihrer inneren Unruhe hat Thérèse ihre Kameraden unablässig ermuntert, im Kampf um das Überleben niemals nachzulassen.
Im April 1944 wurden mit den Transporten, die auf den französischen Listen die Nummern 71 und 73 tragen, die Mitglieder der Familie Jacob deportiert. Albert Jacob und sein Sohn Jean kamen in das wenig bekannte Konzentrationslager von Kaunas (Kauen / Kowno) in Litauen, während Yvonne Jacob mit ihren beiden Töchtern Madeleine und Simone nach Birkenau gebracht wurden.
„Stenia“ (Stanislawa Starostka), die Lagerälteste des Frauenlagers, hielt sich in der Nähe des Tores auf, als der neue Transport eintraf — möglicherweise hatte sie auch den Auftrag, unsere Frauenabteilung mit einigen Neuzugängen aufzustocken. Jedenfalls bemerkte sie Simone, die damals sechszehn Jahre alt war und sagte zu ihr:
„Du bist zu jung und zu schön um schon zu sterben, ich werde dich wohin schicken, wo du mehr Gelegenheit hast, dich zu halten.“
Mutig antworte Simone, ohne das Risiko zu beachten, dass sie damit einging:
„Aber meine Mutter und meine Schwester müssen bei mir bleiben!“
Völlig verdutzt, dass so etwas passieren konnte, stimmte die berüchtigte Stenia zu, obwohl Frau Jacob offensichtlich sehr mager und sehr schwach war. Sie hatte kurz vor der Deportation eine größere Operation vornehmen lassen müssen. So haben es der Mut und die Schönheit von Simone ihrer Mutter und ihrer Schwester Madeleine ermöglicht – mit drei weiteren Deportierten – dem Kommando Siemens-Schuckert in Bobrek zugewiesen zu werden.
Eine ältere Schwester von Simone, Denise, war als Widerstandskämpferin deportiert worden, glücklicherweise überlebte sie. Frau Jacob ist nach der Evakuierung von Auschwitz gestorben; Madeleine kam nach dem Krieg bei einem Unfall ums Leben.
Simone machte auf mich einen ungeheuren Eindruck mit ihrer Schönheit, ihrer Ernsthaftigkeit und ihren klaren, strahlend blauen Augen mit dem traurigen Blick. Ihre Ähnlichkeit mit meiner Schwester Erika machte sie mir noch schätzenswerter.
Nach ihrer Rückkehr aus Auschwitz beendete Simone Jacob ihre Ausbildung, heiratete Antoine Veil und bekam drei Kinder. Inzwischen ist sie nicht nur Großmutter, sondern auch Urgroßmutter, worauf sie sehr stolz ist. Gleichzeitig begann sie eine politische Karriere, die ihresgleichen sucht. Sie war französische Gesundheitsministerin. In ihrer Amtszeit setzte sie eine liberalere Gesetzgebung in bezug auf freiwillige Schwangerschaftsunterbrechungen durch. Sie wurde die erste Präsidentin des Europäischen Parlamentes und engagiert sich für den Entwurf einer gemeinsamen Verfassung Europas.
In unserer Finsternis, in diesem Tunnel, an dessen Ende kein Licht der Hoffnung zu sein schien, passierte mit etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: meine erste große Liebe. Es war ein Gefühl, das mir noch nie begegnet war. Unter den Frauen des Kommandos zog ein ganz besonders Mädchen meinen Blick an. Sie war klein, mit braunen Haaren, hübsch und sehr zurückhaltend. Ich überwand meine eigene Schüchternheit, um sie durch das Gitter hindurch anzusprechen. Sie hieß Bluma Dab und kam aus Antwerpen. Sie beherrschte alle meine Gedanken. Ihre Gefährtinnen beobachteten uns mit Wohlwollen, sie waren belustigt und beglückt zugleich. Meine platonische Liebe rührte sie.
Eines Tages überquerte Bluma allein den Hof vor der Fabrik. Ohne zu zögern hielt ich meine Maschine an und ging zu ihr hinaus. Wir vergaßen völlig unsere Umgebung und gingen spazieren! Die Pfiffe des verblüfften Lagerkommandanten brachten uns in die traurige Wirklichkeit zurück.
Er blaffte mich an:
„Was denkst Du Dir eigentlich? Du bist gerade dabei ein schweres Verbrechen zu begehen. Nach dem Appell kannst du dich auf eine harte Strafe gefasst machen!“
Dieser Vorfall wurde schließlich mit einem Fußtritt quittiert, dem ich einigermaßen ausweichen konnte. Glücklicherweise war Lukaschek, ganz im Gegensatz zu seinen sonstigen Gewohnheiten, nicht betrunken.
Im Nachhinein glaube ich, dass diese Liebe in mir die Kraft zu träumen wiedergeweckt hat und die Zuversicht. Offensichtlich bot sie in gewisser Weise einen Trost. Mit einem Stück gestreiftem Stoff, das ich irgendwo organisiert hatte, machte ich mir einen Kragen für mein Hemd und verbesserte die Form meiner Mütze. Anscheinend wollte ich ihr gefallen und etwas vorteilhafter aussehen. Die Bemühungen um meine Kleidung entgingen meinen Kameraden natürlich nicht.
Manchmal gab es merkwürdige und eher lächerliche Vorfälle. Eines Tages wurde ich in den Waschräumen Zeuge einer überraschenden Szene mit Zügen einer Comedy. Einige Deportierte, Techniker, Rechtsanwälte, Professoren und Ärzte, begrüßten sich mit einer leichten Verbeugung und redeten sich mit ihren rechtmäßigen Titeln an:
„Guten Morgen, Herr Ingenieur.“
„Guten Tag, Herr Doktor.“
„Gut geschlafen, Herr Professor.“
Wollten sie sich in dieser verkehrten Welt an ihre Vergangenheit erinnern? Sich gegen die Erniedrigung und Auslöschung der Persönlichkeit zur Wehr setzen? Oder sich ganz einfach nur beweisen, dass sie noch lebten? Es war das traurige Schauspiel der Vergangenheit in einer frustrierenden Gegenwart.
Andere verbrachten ihre Freizeit in dem sie sich an die üppigen Mahlzeiten erinnerten, die ihre Mütter oder ihre Frauen zubereitet hatten. Man tauschte sogar Rezepte aus! Sie sprachen davon mit einer derartigen Hingabe, dass man meinen konnte, den Geschmack auf der Zunge zu haben.
Mein Bettnachbar, Se’ew, war polnischer Herkunft. Er sprach deutsch und wir hatten viele Gemeinsamkeiten. Wir wurden Freunde und sind es immer geblieben.
Trotz des ungeheuren Risikos fertigten wir während unserer Arbeitszeit Feuerzeuge an, die wir gegen Nahrungsmittel mit den zivilen Mitarbeitern, tauschten. Unser Freund Nussbaum, der Ingenieur, der uns kontrollieren sollte, wusste von unseren Zusatzeinkünften, ließ uns aber des besseren Auskommens halber gewähren.
Als wir im August 1944 von der Befreiung der Stadt Paris erfuhren, konnten wir unsere Freude nicht verhehlen. Seit dem wussten wir, dass sich bald Veränderungen ergeben würden. Wir konnten uns nur noch nicht vorstellen, worin sie bestehen würden. Es ist klar, dass das von uns am meisten gewünschte Ereignis der Sieg der Alliierten und die vollständige Auslöschung des Nazi-Regimes war.
Gegen Ende diesen Jahres hörten wir mitunter Sirenen, die den Überflug alliierter Flugzeuge ankündigten. Wir freuten uns darüber. Aber weder die Bahnstrecken nach Auschwitz noch das Lager selbst wurden bombardiert. Für die Alliierten waren das keine militärischen Ziele. Es ist sicher, dass ein Bombardement viele Opfer auch unter den Deportierten gefordert hätte. Aber genauso sicher scheint, dass es viele der Befreiung hätte näher bringen können.
Am Jom Kippur (Versöhnungstag) jenes Jahres habe ich gefastet, wie es an diesem Tag üblich ist. Ich war davon überzeugt, dass, komme was da wolle, es der letzte Jom Kippur sein würde, den ich im Lager verbringen müsste.
Das Verhalten der Wachen uns gegenüber hatte sich geändert. Lukaschek forderte uns sogar auf, eine Sylvesterfeier vorzubereiten. Erich Altmann, ein gebürtiger 35-Jähriger Deutscher wurde mit der Organisation des Abends beauftragt und er erledigte das mit Brillanz.
Wie einzigartig war doch sein Schicksal! Als die Nazis an die Macht kamen, schaffte er es, Berlin zu verlassen und nach Palästina zu gelangen. 1939 fuhr er nach Frankreich in Urlaub und wurde dort vom Krieg überrascht. Er meldete sich für die Fremdenlegion. Nach dem Waffenstillstand wurde er demobilisiert. Es war ihm unmöglich, nach Palästina zurückzukehren und so wurde er 1942 aus Frankreich deportiert.
Der Altersunterschied zwischen uns beiden machte es mir schwer, ihn zu duzen. Als wir eines Tages an der selben Werkbank arbeiteten, redete ich ihn mit „Herr Altmann“ an. Ein SS-Mann hörte mich und brüllte: „Hier gibt es einen Herrn? Wo ist er? Ich will ihn sehen!“
Erich erhielt zwei Riesen-Ohrfeigen. Daran erinnerte er sich noch ganz genau, während er diese Szene in allen Details meiner jungen Frau erzählte, als wir uns nach dem Krieg in Lyon wiedersahen.
Welch bedauerliche Dummheit meinerseits, zu vergessen, dass wir uns nicht in einer zivilisierten Welt befanden!
Am Abend des 31. Dezember 1944 kam ein illusteres Publikum zusammen, um einem Schauspiel mit surrealistischen Zügen beizuwohnen. Vorne saßen die SS-Leute in ihren makellosen Uniformen, dahinter unsere Kameraden, die neugierig und ängstlich zugleich waren.
Erich eröffnete den Abend mit einer kleinen, höchst gewagten Geschichte, die er leicht berlinernd vortrug. Er bewies ungeheuren Mut.
„Ein Spatz saß vor Kälte und Hunger zitternd auf einem Ast. Da kam ein Pferd vorbei und ließ einen großen, warmen Haufen Pferdeäpfel fallen. Voller Glück stürzte sich der Spatz mitten hinein und begann zu picken und sich aufzuwärmen. Er zwitscherte und trällerte. So wurde ein Falke aufmerksam, flog herbei und verschlang den Spatz.
Aus der Geschichte lassen sich mehrere Lehren ziehen:
A) Der, der dich in die Scheiße bringt, ist nicht unbedingt ein Feind!
B) Der, der dich herausholt, ist nicht notwendigerweise ein Freund!
C) Aber eins ist sicher: wenn man bis zum Hals in der Scheiße sitzt, sollte man nicht singen!“
Merkwürdigerweise kam von unseren Wächtern keinerlei Reaktion, dabei ist diese Geschichte, die vor der SS erzählt wurde, wahrscheinlich einzigartig in den Annalen der Deportation und der Shoah. Sie wurde später ein Klassiker, obwohl Erich Altmann sie in seinem Erinnerungsbericht (Im Angesicht des Todes, Luxemburg 1947) nicht erwähnt.
Se’ew und ich sangen auf hebräisch ein bekanntes zionistisches Lied:
„Ba-a menucha la-jagä-a...“ (Den Erschöpften wird es wohlergehen...)
Zum großen Glück wurde keine Übersetzung angefordert.
Gilbert Michlin, einer unserer Freunde, rezitierte aus dem Gedächtnis die berühmte Rede der Hauptfigur Harpagon aus dem Stück „Der Geizige“ von Molière.
Die Veranstaltung verlief ruhig, was für unsere Wachen ungewöhnlich war. Dachten sie darüber nach, dass der Abend bewies, wie sehr sich unsere Stimmung verbessert hatte?
Am Ende des Jahres 1944, Anfang 1945, kam der Gefechtslärm näher. Die alliierten Flugzeuge überflogen die Region häufig. Die russische Armee schien nicht weit entfernt zu sein. Am 18. Januar 1945, um zwei Uhr morgens, verkündete man uns unsere unmittelbar bevorstehende Evakuierung. Bei minus 25°C standen wir auf dem Hof. Um 10 Uhr morgens kam der Marschbefehl.
Während der Wartezeit wurden die Nahrungsmittelreserven verteilt. Jeder erhielten wir mehrere Brote, einen Würfel Margarine und etwas Puderzucker. Vor lauter Hunger verschlangen wir so viel wie möglich dieser Extra-Ration und stopften den Rest in irgendwelche Beutel.
An dem Tag begann für uns der „Todesmarsch“. Wir waren in unsere Decken eingehüllt, trugen unsere Essnäpfe und die so kostbar gewordenen Proviantbeutel. Nach zwölf Kilometern schlossen wir uns den Häftlingen aus dem Lager Buna-Monowitz, dem Werk der IG Farben, an. Als wir uns dem Lager Birkenau näherten, packte uns eine furchtbare Angst. War das das Ende unseres Weges? Wie groß war unsere Erleichterung, als wir diesen verfluchten Ort hinter uns gelassen hatten!
Ein bedauernswerter Zug aus Tausenden Deportierten schleppte sich in Richtung Deutschland über die verschneiten Straßen Oberschlesiens. Am Ende brachten die Nazis die Juden in das Reich zurück, wo sie doch vorher alles getan hatten, um sie loszuwerden und Deutschland „judenrein“ zu machen.
Dieser erste Tag auf der Straße wurde hart. Als wir in einem Dorf mit dem Namen Nikolai ankamen, versprach man uns eine kurze Pause in einer Scheune. Wir gingen vorsichtig hinein. Die Erfahrung hatte uns Vorsicht im Umgang mit den Nazis gelehrt. Hatten sie einen neuen Plan, um uns loszuwerden? Nach unserem Abmarsch bemerkten wir, dass einige mutige Häftlinge, die aus der Gegend stammten, sich unter dem Stroh versteckt haben mussten. Nach unserer Ruhepause gelang ihnen die Flucht.
Beim Weitergehen blieb nach und nach immer mehr Schnee an unseren Holzsohlen kleben. Wir schleppten regelrechte Schneebretter hinter uns her. Nach einigen Kilometern waren wir so geschafft, dass die wertvollen Nahrungsmittel nur noch eine Last waren. Mit Bedauern mussten wir einen Teil des Proviants in den Schnee werfen.
Seit wir losgezogen waren, hatte ich Bluma unter meine Fittiche genommen. Ich unterstützte sie, ich trug ihr Essgeschirr und ihren Brotsack — zusätzlich zu meinem eigenen Gepäck. Nach einigen Stunden unterwegs brach sie vor Erschöpfung am Rande der Straße zusammen. Anzuhalten war der reinste Wahnsinn! Entweder erfror man oder wurde auf der Stelle von den Wachen erschossen, die den Befehl hatten, keine Lebenden zurückzulassen. Einer von ihnen kam schon mit dem Gewehr auf uns zu und forderte uns auf weiterzugehen. Es gelang mir zu meiner eigenen Überraschung, ihn zu überzeugen, uns einen Moment Ruhe zu gönnen. Ich versprach ihm, dass wir uns unverzüglich wieder an unsere Gruppe anschließen würden. Dieses Himmelsgeschenk wollte ich ausnutzen. Ich schlug Bluma vor, gemeinsam zu fliehen. Ihre Ablehnung verblüffte mich:
„Ich bitte dich Bluma, höre auf mich, streng dich noch einmal etwas an. So eine Gelegenheit kommt nie wieder.“
„Versteh' mich doch, ich möchte versuchen, meinen Bruder wiederzufinden. Ich bin sicher, dass er bei denen aus Buna-Monowitz dabei ist,“ antwortete sie.
Enttäuscht gab ich auf, und wir schlossen uns schließlich wieder der jämmerlichen Kolonne auf der Straße an. Kein Mensch wusste, wohin es ging. Die größte Überraschung bereitete uns ohne Zweifel der ehemalige Lagerleiter Lukaschek. Als er uns sah, rief er:
„Ihr Idioten, was macht ihr denn noch hier?“
Vor totaler Entkräftung nur noch schwankend, erreichten wir das Lager Gleiwitz (Gliwice). Es ist unmöglich zu beziffern, wie viele Deportierte auf den siebzig Kilometern, die wir zurückgelegt hatten, vor Entkräftung im Schnee zusammengebrochen waren und so starben oder wie viele der Erschöpften von der SS erschlagen und erschossen wurden. In Gleiwitz herrschte Panikstimmung. Die SS-Leute waren auf beunruhigende und besorgniserregende Weise nervös.
Bluma konnte durch einen Glücksfall ihren Bruder wiederfinden, während ich den Rest meiner Kräfte zusammennahm und mich auf der Suche nach ihrem Bruder von Baracke zu Baracke schleppte. Ohne Unterlaß rief ich: „Dab.“ Wunderbarerweise antwortete schließlich eine dünne Stimme auf mein Rufen.
„Ich bin da. Dab, das bin ich!“
Ich konnte ihn nicht einmal richtig sehen, aber ich rief in Richtung der Stimme:
„Deine Schwester ist da. Sie ist in der Frauenbaracke.“
Ich hatte das Gefühl nun keine Verpflichtungen mehr gegenüber Bluma zu haben und beschloss, bei der nächsten Gelegenheit zu fliehen.
Bluma hat überlebt. Nach der Befreiung erhielt ich von ihr eine Nachricht. Sie hatte inzwischen geheiratet und ein Kind. Dann brach merkwürdigerweise die Verbindung ab. Ich weiß nicht, was später aus ihr geworden ist.
Die wertvolle Zeit, die ich verloren hatte, als ich Blumas Bruder suchte, führte dazu, dass es nun für mich unmöglich war, noch in den Schutz einer Baracke zu kommen. Sie waren alle total überfüllt. Es war nicht einmal mehr möglich, die Türen einen Spalt breit zu öffnen. Wie viele andere musste ich draußen bleiben und sackte bald zusammen. Ich fiel in einen tiefen Schlaf.
Völlig ausgekühlt, wachte ich plötzlich wieder auf. Mein erster Reflex war nachzusehen, ob das Brot, das ich unter meinen Kopf gelegt hatte, noch da war. Ich war am Boden zerstört, als ich feststellen musste, dass es verschwunden war. Meine Nachbarn zur linken und zu rechten bewegten sich nicht mehr. Sie waren für immer eingeschlafen und den Leiden entkommen, die auf uns noch warteten.
Ich war diesem Schicksal entgangen und während einiger Augenblicke beneidete ich sie um ihren Tod, der so friedlich erschien. Mehr recht als schlecht stand ich auf und bewegte mich, um wieder etwas warm zu werden. In der Dunkelheit bemerkte ich einen unbewachten Wagen, der mit Lebensmitteln bepackt war. Ohne mich groß um das Risiko zu scheren griff ich hinein und nahm mir ein Brot, das ich schnell in meinem Beutel verschwinden ließ.
Frühmorgens traf ich Se’ew und unseren gemeinsamen Freund Ignaz. Am Abend desselben Tages trieb uns die SS mit Gewehrkolbenschlägen – wie üblich hatten sie ihre Hunde dabei – in offene Kohlewaggons. Dabei brüllten sie ständig: „Schnell, schnell.“
In den vollgestopften Waggons konnte man sich kaum bewegen. Trotzdem schaffte es ein kräftiger Russe, sich zwischen meine Beine zu setzen. Heimtückisch zwickte er mir in die Waden. Weil kein Platz da war, konnte ich ihm nicht ausweichen. Von diesem Mann sah ich nichts als seinen kräftigen Nacken und ich hatte Angst, dass er mir meinen kostbaren Brotbeutel wegnehmen könnte. Dieser Irre war zu allem fähig. Ihm ist es zu verdanken, dass sich meine Flucht beschleunigte. Ich wandte mich an Se’ew, der sich in meiner Nähe befand, und der bald bereit war mir zu folgen. Ignaz, der sich zu schwach fühlte, winkte ab, weil er befürchtete eine Last für uns zu sein.
Unsere Nachbarn hörten unsere Unterhaltung, und gaben ihren Senf dazu — plus einer Einschätzung der Erfolgschancen unseres Vorhabens:
„Ihr seid ja komplett meschugge.“
„Und wohin wollt ihr gehen, bei der Kälte und dem Schnee?
„Und überhaupt, wohin wollt ihr in diesem verfluchten Land?“
Andere sagten:
„Man sollte sie nicht abhauen lassen. Sie werden uns wegen dieser gewissenlosen Figuren noch alle erschießen.“
Schließlich selbstsüchtig:
„Aber wenn sie gingen. Das würde uns etwas mehr Platz verschaffen.“
Ein Zug stand auf dem Nachbargleis. Auch unser Zug wurde langsamer. Ohne weiter auf das zu achten, was die anderen sagten, marschierte ich buchstäblich über ihre Köpfe hinweg zum Rand des Waggons. Plötzlich trieb mich ein ungeheurer Willen. Ich sprang ins Leere. Der Aufprall wurde durch die dicke Schneedecke abgebremst.
Ich duckte mich unter die stehenden Waggons und sah wie sich der Zug entfernte, ohne dass Se’ew auftauchte. Mich überkam Panik. Die plötzliche Angst alleine zu bleiben, löste für Sekundenbruchteile den abwegigen Impuls aus loszurennen, um wieder bei meinen unglücklichen Kameraden zu sein, wieder in dem Zug, dessen rote Schlusslichter nun in der Ferne verschwanden. Dann bekam ich mit, wie sich etwas im Schnee bewegte: es war Se’ew. Die Zeit, die zwischen meinem und seinem Sprung vergangen war, erschien mir endlos. Das Abenteuer, das uns nun bevorstand zu zweit anzugehen, gab dann doch etwas mehr Kraft und Mut!
Es stimmt, dass ich in der Hoffnung floh zu überleben, aber es gab auch eine andere Triebfeder: ich wollte im Falle eines Scheiterns meinen Tod selbst gewählt haben. Ich wollte diese Welt in etwa so verlassen, wie es ein Soldat tut, der auf dem Schlachtfeld stirbt... Dieser Ausweg schien mir bei weitem attraktiver als der, der in Wirklichkeit für uns vorgesehen war.
Mehrere Tage lang marschierten wir durch den Wald. Wir konnten nur hoffen, dass wir uns in Richtung Osten bewegten. Wir hatten beschlossen, abwechselnd zu schlafen, aber kaum dass wir uns niedergelegt hatten, fielen wir in tiefen Schlaf. Es war das Zittern von Se’ew, das mich wieder aufweckte. Heftig schüttelte ich ihn; dieses Nickerchen hätte sein letztes sein können. Wir standen vorsichtig auf, unsere Gliedmaßen waren sämtlich eingeschlafen, fühlten sich taub an und schmerzten gleichzeitig. Mit großen Schwierigkeiten rissen wir unsere Decken vom Boden los, wo sie angefroren waren.
Zu trinken hatten wir nur den Schnee, den wir in unseren Händen zum schmelzen brachten. Sparsam aßen wir von dem Brot, dass man nur noch auseinanderbrechen konnte, so hart war es geworden. Langsam und vorsichtig gingen wir weiter — mit dem Gefühl durch eisige Watte zu laufen, im Wortsinne betäubt durch die Kälte.
Wir mussten so schnell wie möglich aus dem verschneiten Wald herauskommen. Vorsichtig näherten wir uns der Straße, um dort nach Hilfe Ausschau zu halten. Es tauchte eine einzelne Frau auf und trotz der Angst verraten zu werden, gingen wir auf sie zu. Natürlich erschreckte sie unser Erscheinen, aber Se’ew schaffte es, sie auf Polnisch zu beruhigen und ihr unsere Notlage zu schildern. Betroffen versprach die tapfere Bauersfrau uns zu helfen und uns etwas zu essen zu bringen. Sie hielt ihr Versprechen und kurze Zeit später kam sie aus ihrem nahen Dorf zurück und brachte uns zwei große Flaschen mit warmem Milchkaffee und mit Schweineschmalz bestrichene Brote mit. Dieses warme Getränk und diese erste echte Mahlzeit retteten uns. Überrascht lächelnd nahm die Frau an unserer Freude teil. Sie schien zu verstehen und Mitgefühl zu haben.
Welch unverhofftes Glück, dass wir sie auf dem Weg getroffen hatten. Tapfere und mutige Unbekannte, ob sie wohl weiß, dass wir ohne sie wahrscheinlich gestorben wären? Als sie ging, versprach sie uns, dass einer ihrer Nachbarn, ein Freund, uns abholen kommen und uns für die Nacht aufnehmen würde. Wir vertrauten ihr und warteten aufgemuntert und geduldig auf ihn.
Als es Nacht wurde, kam ein Bauer mit seinem Karren und lud uns auf. Er brachte uns zu sich nach Hause und erklärte Se’ew, dass seine Nachbarin ihn gebeten hatte, gut für uns zu sorgen und uns reichlich zu essen zu geben. Es tat so gut in dem Zimmer auf dem kleinen Bauernhof zu sein, wo ein Ofen es etwas warm machte. Auf dem Tisch wartete eine dampfende Schlüssel mit Kartoffeln und Speck auf uns. Se’ew und ich saßen uns gegenüber und lachten und freuten uns über das Festessen. Wir verschlangen alles bis auf das letzte Stückchen.
Der brave Mann war angesichts unseres Heißhungers völlig verdutzt. Ständig wiederholte er auf polnisch dieselben Worte:
„Mein Gott, mein Gott,...“
Satt und glücklich verbrachten wir die Nacht im Warmen und erholten uns in einem tiefen Schlaf. Beim Aufstehen gab uns der brave Mann noch zivile Kleidung, die sehr abgetragen war, aber immer noch besser als unsere gestreiften Anzüge, in denen man uns schon von weitem als Häftlinge erkennen konnte. Er bat uns zu gehen, ohne uns blicken zu lassen. Die Anwesenheit deutscher Soldaten im Dorf beunruhigte ihn und uns auch. Überschwänglich bedankten wir uns bei ihm. Wir verließen den gastfreundlichen Hof und versteckten uns wieder im Wald.
Die Front kam schnell näher. Der Lärm der Geschütze und die Salven aus den Maschinengewehren wurden immer lauter. Jeden Augenblick befürchteten wir, uns deutschen Soldaten auf dem Rückzug gegenüber zu sehen. Ganz vorsichtig kehrten wir in der Nacht in das Dorf zurück. Wir stahlen uns in einen Kohlenbunker, teilten die Wache auf und schliefen dort.
Im Morgengrauen wurden wir durch russische Stimmen aufgeschreckt. Wir kamen aus unserem Versteck und sahen uns einer Patrouille junger russischer Soldaten gegenüber, die uns mit Misstrauen begegneten. Glücklicherweise gelang es Se’ew auf Polnisch, in das er einige russische Brocken mischte, ihnen unsere Anwesenheit zu erklären und ihnen Vertrauen einzuflößen. Mein Freund und ich, wir umarmten uns und dankten den jungen und mutigen Soldaten, die uns die Freiheit zurückgegeben haben.
Oben auf einem Panzer nahmen sie uns in die Stadt Gleiwitz mit, die sie soeben erobert hatten. Wir waren endlich frei und unseren Rettern unendlich dankbar. Wir waren wie betrunken, diesen so lange erwarteten Moment endlich zu erleben - trunken vor Glück.
Die Schlacht war noch im Gange und so verließen wir so schnell wie möglich die brennende Stadt. Krakau, Se’ews Geburtsort, lag einige hundert Kilometer zurück in Richtung Osten. Er war sicher, dass er dort noch Freunde wiederfinden würde, die bereit sein könnten, uns zu helfen. Wir machten uns zu Fuß auf den Weg, manchmal gelang es uns, mit einem Lastwagen mitgenommen zu werden. Wir zogen bettelnd von Hof zu Hof, baten um etwas zu essen und einen Schlafplatz für die Nacht.
Als wir eines Morgens einen Bauern verließen, der uns beherbergt hatte, fragte er uns in einem spöttischen Ton:
„Sagt mal ihr beiden, ihr habt doch bestimmt etwas zu verkaufen?“
„Nichts,“ war die trockene Antwort von Se’ew.
„Das ist das erste Mal, dass ich Juden sehe, die nichts zu verkaufen haben.“
Se’ew wurde blass vor Wut. Als er mir erklärte was los war, verstand ich seine Empörung. Die Nazis, die Besatzer, die gerade erst vertrieben worden waren, hatten sich darauf verstanden, den polnischen Antisemitismus auf ihre Weise zu nähren.
Nach diesem Zwischenfall gelangten wir zu der Auffassung, dass es klüger wäre, nicht zu sagen, wo wir herkamen. Ich gab mich als Franzosen aus und Se’ew als reiner Pole und wir sprachen nur noch flüsternd deutsch und auch nur, wenn wir sicher waren, alleine zu sein.
Schließlich kamen wir nach Krakau, das erst vor kurzer Zeit befreit worden war. Glücklicherweise fand Se’ew seine Freunde wieder, die uns herzlich in ihrer gut ausgestatteten Wohnung empfingen. Keinerlei Spuren des Krieges waren sichtbar, es schien ihnen nichts passiert zu sein. Schlagartig wurde mir bewusst, dass das Leben nur für uns, die wir nach Auschwitz gekommen waren, stehengeblieben war. Außerhalb der Lagertore war es weitergegangen, scheinbar unberührt von unseren Leiden.
Kaum angekommen, erfuhr Se’ew von seinen Freunden, dass seine Schwester noch lebte. Er war überrascht und tief bewegt. Sie war zur gleichen Zeit wie er aus dem Ghetto von Bochnia deportiert worden, auch nach Auschwitz. Als alle anderen ausgeladen wurden, gelang es ihr, sich zu verstecken und mit demselben Zug wieder aus dem Lager herauszufahren. Mit der Hilfe des polnischen Widerstandes und nach recht vielen Schwierigkeiten kam sie 1943 in Palästina an. Se’ew frohlockte. Seine Schwester war eine echte Heldin. Sie war eine Ausnahme von der Regel. Er brannte vor Ungeduld, sie so schnell wie möglich wiederzutreffen. In Palästina ging er dann zur Armee und nahm an der Gründung des Staates Israel teil.
Während der Wochen unserer Genesung in Krakau wanderten unsere Gedanken oft voller Angst zu denen, die in dem Zug geblieben waren, als wir absprangen. Wir dachten an alle die Misshandlungen, die sie zweifellos noch erleiden mussten.
In Krakau war nichts für unseren Empfang organisiert worden. Wir standen den ganzen Tag Schlange, um Brot zu kriegen, das von einer Wohltätigkeitsorganisation verteilt wurde. Ich weigerte mich, weiter als Bettler zu leben. Wir mussten, koste was es wolle, Arbeit finden.
Se’ews Freunde liehen uns einen Wagen und ein Pferd; so gründeten wir ein Umzugsunternehmen. Schon am ersten Tag ließen wir einen Schrank oben von einer Treppe herabstürzen. Ihn die Stufen herunterdonnern und unten am Ende seines Falls auseinander krachen zu sehen, setzte diesem ersten Versuch schnell ein Ende. Wie sich gezeigt hatte, waren wir für dieses Metier noch nicht kräftig genug.
Wir mussten eine Arbeit finden, die unseren Körperkräften angemessener war. Natürlich waren wir zu allem bereit. Schließlich halfen wir Freunden Se’ews in ihrem Geschäft. Mit dem ersten Geld, das ich verdiente, kaufte ich auf dem Flohmarkt ein Paar Schuhe mit dreifacher Sohle, allerdings waren sie vier Nummern zu groß. Welche Freude, endlich trockene Füße zu haben!
Als sie flohen, mussten die Deutschen viele Wohnungen aufgeben, die sie besetzt hatten. Wir profitierten davon, indem wir uns in einer dieser leeren und völlig ausgeplünderten Wohnungen einrichteten. Über die Tür hängten wir einfach einen Zettel mit der polnischen Aufschrift „Wohnung besetzt“.
Nach meiner Ankunft ließ ich mich durch die sowjetischen Behörden registrieren. Als einzigen Beweis meiner Identität konnte ich die Tätowierung aus Auschwitz vorzeigen.
Ich fand sehr schnell heraus, dass ich, wenn ich nach Frankreich wollte, um meinen Vater wiederzufinden, unbedingt meine Geschichte ändern musste. Wenn ich bei den Tatsachen geblieben wäre, hätte man mich nach Österreich zurückgeschickt. Bei meiner Rückkehr in das sowjetische Büro achtete ich darauf, nicht an denselben Beamten zu geraten. Diesmal erklärte ich, dass ich Franzose sei, Paul Crayol heißen würde, und in Revel geboren wäre. So nahm ich, ohne ihn je getroffen zu haben, die Identität des Mannes an, vor dem ich so viel Hochachtung hatte.
Zu meinem Bedauern musste ich mich schlagartig von meinem lieben Gefährten trennen und zu den französischen Kriegsgefangenen, einigen wenigen Deportierten und den französischen Zivilarbeitern umziehen, die man in einer Kaserne unter sowjetischer militärischer Bewachung untergebracht hatte. Der Schmutz und die Enge erinnerten mich dann doch zu sehr an die schlechten, noch frischen Erfahrungen, die ich in Auschwitz gemacht hatte. Da ich nun schon einmal abgehauen war, unterdrückte ich das Verlangen auf 's Neue zu fliehen nicht. Ich „machte die Fliege“, um in „unsere Wohnung“ zurückzukehren. Danach ging ich regelmäßig in die Kaserne, um zu fragen, wann denn endlich die Rückkehr stattfinden würde. Mir war durchaus bewusst, dass der Begriff Heimführung (Repatriierung) in meinem Fall nicht zutraf.
Am 15. April 1945 verließ ich endlich die Stadt Krakau. Der Abschied von Se’ew sollte nicht endgültig werden. Wir versprachen uns wiederzusehen, wann immer das möglich wäre. Seit dem haben wir uns tatsächlich nie mehr aus den Augen verloren.
Unsere Reise in Richtung Odessa dauerte fast acht Tage und war ziemlich unbequem. In dem schaukelnden russischem Militärzug fühlte ich mich todmüde. So suchte ich Zuflucht im Schlaf, bis wir endlich ankamen. Erschöpft und mit den Gedanken ganz woanders, habe ich von der Stadt absolut nichts gesehen.
Im Gegensatz zu dem völlig unorganisierten Empfang in Krakau, war hier unsere Ankunft gut organisiert. Wir wurden bequem untergebracht und gut verpflegt. Zu meinem größten Vergnügen, konnte ich eine warme Dusche nehmen und mich mit richtiger Seife waschen. Das war etwas, was ich schon fast vergessen hatte. Ich konnte so lange wie ich wollte, das warme Wasser über meinen Körper rieseln lassen. Welch eine Wohltat!
Das einzige Ärgernis, und zwar nicht das geringste, war, dass während dieser so angenehmen Momente die Taschen meiner Kleidung von den aufsichtführenden Russen geleert wurden. Ich war wütend, dass ich das bisschen Geld, das ich noch aus Krakau besaß, in den Klamotten gelassen hatte. Ich fluchte, weil ich jetzt wieder völlig ohne Geld da stand.
Zum Abschluss des Abends wurden wir nach dem Essen in die Oper eingeladen. Für mich war das eine Premiere...
Am nächsten Tag gingen wir an Bord eines englischen Kriegsschiffes, das Kurs auf Frankreich nahm. Das Essen war gut und reichlich, aber wegen der Seekrankheit hatte ich nicht viel davon. Nicht das es mit an Appetit gefehlt hätte!
Auf der Brücke konnte ich mich in die unendlichen Weiten des Raumes versenken, die klare, reine Luft tief in meine Lungen strömen und mich vom Wind streicheln lassen. Nachts träumte ich unter einem sternübersäten Himmel. Meine Wiedergeburt begann.
Wir hielten uns entlang der Küsten des Schwarzen Meeres, durchfuhren die Dardanellen und etwas später schon hatten wir den Blick auf die Bucht von Neapel. Es wurde meine erste und völlig unerwartete Kreuzfahrt.
Endlich gingen wir am 1. Mai 1945 in Marseille von Bord. In der Zwischenzeit hatte ich dem Offizier unserer Begleitmannschaft vergeblich zu erklären versucht, warum ich eine falsche Identität angenommen hatte. Bei der Ankunft ließ er mich als Verdächtigen von zwei Polizisten abführen. Ein bedauerlicher Vorfall, der meiner Freude angesichts der Rückkehr einen großen Dämpfer verpasste. Er rief unangenehme Erinnerungen wach. Um meine Herkunft zu kontrollieren, wandten sich die Behörden an das Jüdische Hilfskomitee. Ich bat schlicht und einfach um ein Gebetbuch. Durch einen Riesenzufall, schlug ich es bei einem der Psalmen König Davids auf. Ich rezitierte auf hebräisch aus dem 133. Psalm, der die brüderliche Eintracht segnet:
„Sieh an, wie gut, wie schön, wenn Brüder so mitsammen weilen.“
Der Mann, der mir beim Lesen zuhörte, fuhr im Text fort, indem er den Segen aussprach, welchen ich so oft von meiner Großmutter gehört hatte:
„Hatzlacha u-b’racha. Schalom alejchem“ (Glück und Segen. Frieden sei mit Dir!).
Nach einer kurzen medizinischen Untersuchung erhielt ich eine Fahrkarte, etwas Geld und konnte in mein Dorf Revel zurückkehren.
Die Strecke zwischen Marseille und Revel erschien mit endlos. Meine Gedanken wanderten: Und wenn durch ein irrwitziges Wunder Erika noch am Leben wäre? Eine wenig wahrscheinliche Möglichkeit! Aber als Ausgleich würde ich bestimmt meinen Vater wiederfinden. Er wäre alt geworden und durch seine Krankheit und die Unsicherheit über unser Schicksal geschwächt. Aber er würde da sein! Er würde mich auf dem Bahnsteig erwarten.
Bei unserer Trennung hatte ich zum ersten Mal gesehen, wie ihm die Tränen aus den Augen flossen. Heute noch würde er vor Freude weinen und mich in die Arme schließen. Ich war ungeduldig und wollte unbedingt die väterliche Liebe und die Sicherheit wiederfinden, der man mich in den letzten Jahren so grausam beraubt hatte.
Hinter den Scheiben zog die vertraute und friedvolle Landschaft in strahlendem Sonnenschein vorbei. Eingehüllt in die sanfte Wärme wanderte mein Geist in der Zeit zurück. Mit dem gleichmäßigem Rhythmus der Schienen kehrte die Erinnerung an meine ersten Kontakte mit Frankreich wieder: den so großzügigen Empfang, das trügerische Gefühl einen sicheren und geschützten Ort gefunden zu haben - aber auch den Verrat.
Kaum war der Zug in Revel angekommen, suchte ich überall nach meinem Vater. In meine große Enttäuschung mischte sich Unruhe. Ich wartete nicht lange, sondern ging direkt nach Padouvenc Notre Dame, den Ortsteil, in dem die meisten meiner Freunde wohnten. Louisette Crayol war zu Hause. Meine Ankunft schien sie nicht grundsätzlich zu überraschen: die Bürgermeisterei hatte zwar meine Befreiung bekannt gegeben, jedoch nicht den genauen Tag meiner Rückkehr.
Sie sah abgespannt aus. Durch ihren traurigen Blick, die liebevolle Art und Weise, in der sie mir ihre Arme um meine Schultern legte, begriff ich, dass Papa nicht mehr in dieser Welt weilte. Mit sanften und zärtlichen Worten erzählte sie mir von den Umständen seines Todes.
Einige Wochen nach unserer Abfahrt wurde mein Vater aus dem Lager Noé entlassen und nach seiner Rückkehr nach Revel in das Krankenhaus eingewiesen. Er wusste wahrscheinlich von der Existenz der Vernichtungslager, außerdem gab er es auf, für seine Gesundheit zu sorgen, die sehr schnell verfiel.
Louisette Crayol versicherte mir, dass sich die Freunde sehr um ihn gekümmert hätten. Aber sie musste natürlich verdrängen, dass eine religiös überzeugte Schwester ihn gezwungen hatte das Ave Maria aufzusagen, damit er im Krankenhaus ein zweites Glas Milch bekam! Diese Einzelheit erfuhr ich von meinem Freund Jules, Sohn einer jüdischen Familie, die während des Krieges in Revel hatte bleiben können, als ich ihn nach meiner Rückkehr wiedertraf. Das Gefühl der Erniedrigung, das dieser Vorfall in ihm hervorgerufen hatte, war noch so lebendig wie am ersten Tag. Über das Verhalten dieser Frau bin ich immer noch tief empört.
Jules Vater wurde verhaftet und mit dem letzten Transport im Juli 1944 deportiert. Seine Mutter, die wenig später starb, hinterließ zwei Waisen im Kindesalter. Jules, der eigentlich Agnostiker ist, legte in Erinnerung an seinen Vater ein Gelübde ab: Er rauchte Samstags (am Sabbat) nicht. Dies war keine religiöse Geste. Es war rein symbolisch.
In Erinnerung an den Vater Samstags nicht zu rauchen liegt auf der gleichen Ebene, wie man sich weiter Jude nennen und den jüdischen Namen weitertragen kann, obwohl man den Glauben verloren hat. Nach Auschwitz Jude zu sein bedeutet nicht notwendigerweise an Gott zu glauben oder seine Gebote zu befolgen. Es bedeutet bewusst zu leben; es bedeutet sich zu erinnern. In Auschwitz ging es nicht nur um ein Volk das Hitler vernichten wollte, genauso wenig wie es „einfach“ um eine „Religion ging, es ging um die Vernichtung dessen, was den Menschen ausmacht.
Langsam gingen Louisette Crayol und ich auf den Friedhof. Ein kleines Brettchen war in die Erde des Grabes meines Vaters gesteckt worden. Darauf standen sein Name und sein Todesdatum.
Ich war zwanzig Jahre alt, und ich war Vollwaise. Ganz allein und auf mich gestellt musste ich nun den schwierigen Weg des Lebens beschreiten. Angesichts des Todes der Eltern hört man auf ein Kind zu sein, man wird erwachsen. Ich hatte diese wichtige Etappe bereits durch meinen Aufenthalt im Lager überwunden.
Meine Freunde trösteten mich durch ihre Fürsorglichkeit. Ganz besonders betraf das die Familie Brunel, die damals auf einem größeren Bauernhof wohnte. Die freundliche Elise bestand darauf, mir reichlich von ihrem leckeren Eintopf aufzutun und von ihrer Gänseleber anzubieten. Es war ihre Art und Weise meiner Trauer zu begegnen. Die Lebensmittelrationierung war noch nicht aufgehoben worden und obwohl mir zu meiner Rückkehr von der Bürgermeisterei ein Ferkel geschenkt worden war, nahm ich natürlich ihr Angebot mit Freuden an. Das Ferkel schenkte ich den Brunels, weil ich damit nichts anzufangen wusste.
Der wunderschöne Mai beschleunigte meine Rückkehr in das Leben. Angesichts der blühenden Natur öffnete ich mich der Welt. Alles löste in mir Staunen aus, ich war hingerissen. Die Sonne dieses Sommerbeginns, wärmte endlich wieder meine Haut. Ich hatte die Freude an den kleinen Dingen des Lebens verloren. Schritt für Schritt lernte ich sie wieder zu erobern.
In Revel hatte mich Louisette Crayol bei sich aufgenommen und ich fühlte mich etwas wie eines der Kinder, die sie und ihr Mann adoptiert hatten. Eines Morgens kam unerwartet Herr Vigne zu Besuch. Er hatte von meiner Rückkehr erfahren und kam aus St. Gaudens, das etwa einhundert Kilometer von Revel entfernt liegt. Ohne große Umstände wollte er mir einige Wertgegenstände und die persönlichen Sachen meines Vaters übergeben. Mein Vater, der ihn ab und an besuchte, hatte sie ihm anvertraut, als er sich immer schlechter fühlte. Herr Vigne war Buchhalter in der Brennerei von Revel, wo Erika gearbeitet hatte. Er war ihr gegenüber immer sehr freundlich gewesen.
Mit ihm kam eine vergangene Zeit mit einer ganzen Reihe von Erinnerungen zurück. Welches unbeschreibliche Gefühl die Gebetsriemen meines Vater wieder in der Hand zu halten, meine eigenen, die ich zur Bar Mitzwa bekommen hatte, sein stark abgenutztes Gebetbuch und meine berühmte Briefmarkensammlung. Das Anfassen dieser vertrauten Dinge versetzte mich für einige Augenblicke wieder in den Schoß meiner Familie zurück...
Nach allen diesen Jahren fürchte ich manchmal, dass ich Herrn Vigne damals nicht genug gedankt habe: für seinen vorbildlichen Takt, seine Güte und seine Ehrlichkeit. So lange hatte er die Gegenstände aufbewahrt, die für mich einen unschätzbaren Wert hatten und von denen keiner wusste, dass er sie hatte. Welch eine Lektion in Zurückhaltung!
Noch einmal pilgerte ich die Wege entlang, auf denen ich einst mit meinen Eltern und Erika spazieren gegangen war. Schließlich musste ich daran denken Revel zu verlassen. Es sollte kein Abschied für immer sein, zu sehr war ich mit dem Ort verbunden.
Ich beschloss nach Toulouse zu gehen, der nächstgrößeren Stadt. Dort blieb ich bis 1946.
Kaum angekommen, nahm ich mit den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Verbindung auf. Sie gaben mir die Möglichkeit junge Leute meines Alters zu treffen und mit zwanzig Jahren wieder Geschmack am Leben zu finden.
Von meinen neuen Freunden erfuhr ich die Einzelheiten der Tragödie, die die Juden in Frankreich und anderen europäischen Länder erlitten hatten, während ich drei Jahre lang abwesend gewesen war. Sechs Millionen Tote, darunter eine Million Fünfhunderttausend verschwundene, vernichtete oder ermordete Kinder.
Ich erfuhr auch, dass es in Frankreich die OJC (Organisation Juif de Combat – Jüdische Kampforganisation) gegeben hatte. Sie war eine unter anderen Widerstandsorganisation gewesen, bestand aber ausschließlich aus Juden. Außer den Kämpfen, die sie sich mit den Besatzern lieferten, beschäftigten sich diese Widerstandskämpfer damit jüdische Kinder in Frankreich in sicheren Verstecken unterzubringen oder sie illegal in die Schweiz zu schaffen. Diese Widerstandskämpfer trugen auch zur Befreiung der Stadt Castres bei.
Mit Stolz vernahm ich, dass es innerhalb der britischen Armee eine „Jüdische Brigade“ gegeben hatte, die sich aus Freiwilligen aus Palästina zusammensetzte und die auf Seiten der Alliierten gekämpft hatten.
Überwältigt hörte ich, wie sich dank einer handvoll junger Juden das Warschauer Ghetto erhoben hatte, nachdem die Mehrheit der Bewohner bereits ausgelöscht worden war. Diese jungen Leute kämpften mit entschlossenem Mut gegen die Panzer und Flammenwerfer der SS und der Wehrmacht. Diese gnadenlose Schlacht dauerte trotz des Ungleichgewichts der vorhandenen Kräfte mehrere Wochen. Ihr hoffnungsloser Kampf war umso heldenhafter, als dass das Ergebnis aus nichts anderem als dem eigenen Tod bestehen konnte.
Mit Erleichterung bekam ich schließlich Nachricht von einigen Kameraden aus Bobrek, die erfreulicherweise überlebt hatten. Sie hatten noch vieles zu erleiden gehabt, was mit durch meine Flucht erspart geblieben war.
Nach der langen Unterbrechung meiner Ausbildung gewährte man mir 1945 ein kleines, aber ausreichendem Stipendium, das mir erlaubte, am Elektrotechnischen Institut von Toulouse neu zu beginnen. Ich verließ diese Ausbildungsstätte nach meinem ersten Studienjahr, um in Paris weiter zu studieren.
Bald nahm ich Kontakt zur Zionistischen Jugendbewegung auf. Während des Schuljahres wurde ich nach Basel geschickt. Man hatte mich zum Ordner auf dem Zionistischen Kongress im Jahre 1946 bestimmt, der der letzte in der langen Reihe vieler solcher Kongresse werden sollte. So hatte ich die besondere Ehre viele der zionistischen Führer aus der ganzen Welt zu treffen. Chaim Weizmann, Ben Gurion, Golda Meïr... große Namen in der Geschichte eines Staates, der im Entstehen begriffen war und als Land doch schon so alt.
Die spätere israelische Flagge mit dem Davidstern, die über dem Gebäude wehte, hatte den Judenstern, der auf unsere Kleider genäht werden musste, ersetzt. Nach der Erniedrigung gelang die Wiederauferstehung. Der Hauptpunkt auf der Tagesordnung war der Vorschlag der Vereinten Nationen bezüglich der Aufteilung Palästinas zwischen Juden und Arabern, wie sie die Mehrheit der 56 Staaten, die bei dieser Versammlung vertreten gewesen waren, bestätigt hatte. Die Juden nahmen den Vorschlag an, während die Araber ihn zurückwiesen. Bald nach dem Abzug der Engländer wurde der Staat Israel ausgerufen: am 14. Mai 1948.
Für alle Juden außerhalb Palästinas stellte die Gründung des Staates Israel einen Wendepunkt in der Geschichte dar, ob sie sich nun entschieden dort zu leben oder nicht. Dieser Staat garantierte ihnen endlich eine sichere Zuflucht - nach allen den unzähligen Erniedrigungen, die sie im Laufe der Jahrhunderte erlitten hatten. Ich war seit meiner Jugend in Wien Zionist und so fühle ich mich immer noch etwas schuldig und enttäuscht, dass ich faktisch nicht viel zu der Entstehung und Entwicklung des Staates Israel beitragen konnte. Aber das Schicksal wollte es mal wieder anders...
10 Mein Leben nach der Deportation
Als ich 1948 meine Ausbildung in Paris beendet hatte, wurde ich als Lehrbeauftragter an einer Schule der ORT (Organisation, Reconstruction, Travail – Organisation, Wiederaufbau, Arbeit) in Lyon eingestellt. Endlich hatte ich meine erste richtige Arbeitsstelle und mein erstes Gehalt als Erwachsener. Das regelmäßige Einkommen ermöglichte mir einen lang gehegten Wunsch zu erfüllen: die Gründung einer eigenen Familie.
Noch in Toulouse hatte ich Jackie getroffen. 1945 war sie gerade erst fünfzehn Jahre alt, sie war sehr hübsch, anziehend und zauberhaft. Als Kind hatte sie einen Teil des Krieges in der Schweiz verbracht. Während ihrer Abwesenheit hatten sich ihr Vater und ihr Bruder dem Widerstand angeschlossen. Ihr achtzehnjähriger Bruder Serge befand sich in der Nähe von Grenoble im Maquis (im Untergrund).
Ihr Vater war 1944 in Nizza festgenommen und mit dem 69. Transport aus Frankreich über Drancy nach Auschwitz deportiert worden. Ihre Mutter, die vom Widerstand versteckt wurde, entging der Deportation nur knapp. Ein großer Teil der Familie verschwand während der Leidensjahre.
Lange Zeit zeigte Jackie jedem Überlebendem, den sie kennenlernte, das Photo ihres Vaters. Sie hatte die Hoffnung, dass einer von ihnen ihren Vater getroffen haben und ihr etwas Neues von ihm erzählen könnte. Ihr Vater kam nicht zurück. Sein Tod überließ die Heranwachsende einer schwierigen Trauerarbeit. Das Problem sich damit auseinandersetzen zu müssen, dass nahe Angehörige unter schrecklichen Umständen gestorben sind, hinterlässt unauslöschbare Spuren.
Jackie wurde die Gefährtin meines Lebens. Dank ihrer Liebe, ihrer natürlichen Fröhlichkeit, ihrer Sanftmut und der Gabe zuzuhören, gelang es ihr zunehmend, mir die Freude am Leben und vor allem mein inneres Gleichgewicht zurückzugeben. Stets bewies sie Verständnis und Geduld. Dies ist der Grund, warum ich sie nicht nur innig liebe, sondern ihr auch unendlich dankbar bin.
1948 ‑ im Jahr der Hochzeit ‑ wurde ich als Franzose eingebürgert. Meinen Militärdienst leistete ich 1950 beim 8. Fernmelderegiment. Es war ein kurzes Zwischenspiel, welches keine besonders angenehmen Erinnerungen zurückließ. Das lag an den materiellen Problemen, denen ich mich durch die Ableistung der Wehrpflicht gegenüber sah. Die Tätigkeit als Lehrbeauftragter, die ich vor dem Militär ausgeübt hatte, befriedigte mich völlig - trotz meines mageren Gehaltes. Aber ich hatte die feste Absicht, nach meiner Entlassung aus dem Dienst eine besser bezahlte Beschäftigung zu finden.
Jackie und ich zogen nach Paris. Als junges Ehepaar wohnten wir in einem kleinen Appartement in der Nähe von Montparnasse. Es bestand aus einem Zimmer mit einer Küchenzeile und einem winzigen Waschraum. Von Freunden hatten wir uns die Möbel stiften lassen: zwei Stühle und einen wackeligen Tisch. Er war derartig instabil, dass man vermeiden musste dagegen zu stoßen, damit er nicht vollends zusammenbrach. Dann gab es zur Vervollständigung der Einrichtung noch ein Bettgestell mit Matratze. Es war sicher bequem, doch so in den kleinen Raum hineingestopft, dass es fast die Eingangstür berührte.
Die Jahre die wir in unserem Appartement verbrachten, wurden glückliche Jahre. An den Abenden schöner Tage lehnten wir oft aus dem einzigen schmalem Fenster, um über den Dächern die Spitze des Eiffelturmes zu sehen. In jener Zeit war der Turm noch nicht mit Lichtern herausgeputzt, so wie er es heute ist.
Unsere Freunde setzten sich, wenn sie kamen, zu sechst auf unser Bett. Das waren die besseren Plätze, die anderen mussten sich auf dem Holzboden niederlassen. Wir improvisierten Picknicks, die erst spät in der Nacht aufhörten. Unser Lachen mischte sich mit den laut mit gesungenen Refrains der Lieder unserer damaligen Stars: Georges Brassens, Yves Montand und anderer Sänger.
Ziemlich häufig war ich knapp bei Kasse. Dann musste ich sämtliche leeren Flaschen zusammensuchen, um mit dem Flaschenpfand etwas zu kaufen, das unsere schmalen Mahlzeiten aufbesserte. Ich blieb ein Feinschmecker, und wenn ich mir einen Kuchen leisten konnte, war das ein Festtag — ein Anklang meiner Kindheit.
Das einfache und bescheidene Leben, das wir führten, gefiel mir, wahrscheinlich weil ich immer noch unter dem Einfluss der entbehrungsreichen Jahre stand, die ich kennengelernt hatte. Unser Lebensstil hatte einen gewissen Reiz, der aber nicht auf ewig vorhalten konnte.
Von der Rue de l'Ouest, wo wir wohnten, gingen wir oft in das Viertel Saint-Germain-des-Près. Es faszinierte uns, weil es dort von jungen Leuten wimmelte, und alle zusammen schienen sie eine wahnsinnige Freude am Leben zu haben. Ich hatte natürlich einige Schwierigkeiten, ihre offenkundige Sorglosigkeit zu teilen.
An einem unvergesslichen Abend sagte mir Jackie ganz zärtlich, dass wir ein Kind haben würden. Diese Nachricht erfüllte mich mit unendlichem Glück: meine junge Ehefrau würde mir das schönste aller Geschenke machen: ein Kind.
Das Glück half mir, als ich damals Herrn Perl wieder traf. Ich kannte ihn, seit wir in Belgien gewohnt hatten. Er bot mir eine Position in seinem Handelsunternehmen an, mit einem höheren Gehalt, als ich hatte und der Aussicht eines schnellen Aufstiegs. Mit Freuden akzeptierte ich auf der Stelle. Eigentlich zog mich der Handel ja nicht sonderlich an, ich hätte viel lieber meine technischen Fähigkeiten genutzt. Ich konnte nicht die absurden anti-semitischen Sprüche vergessen, denen ich seit meiner frühesten Jugend ausgesetzt gewesen war, darunter: „Die Juden verstehen sich nur auf 's schachern!“ Dabei war Wien vor dem Krieg bekannt wegen seiner berühmten Ärzte, Rechtsanwälte, Schriftsteller und Musiker, von denen viele Juden waren.
Aber die neue Arbeit erlaubte mir das nötige Geld aufzunehmen, um eine Wohnung zu kaufen und meiner kleinen Familie Lebensumstände zu bieten, die mehr meinen Wünschen entsprachen. Nach intensiver Suche fanden wir eine Drei-Zimmer-Wohnung, die allerdings in einem baufälligen Zustand war. Außerhalb der Bürostunden musste ich mich nun in einen Mauer, Schreiner oder Fliesenleger verwandeln, um die Räume bewohnbar zu machen. Ich war erschöpft, aber sehr stolz auf das Ergebnis. Unsere erste richtige Wohnung erschien uns luxuriös. Wir hatten ein Badezimmer, das diesen Namen verdiente und sogar einen kleinen Garten, der Dank Jackie bald voller Blumen war. Alles war bereit, um unser Kind zu empfangen!
Nach sechs Jahren der Zusammenarbeit, in denen ich gute Kenntnisse im Handel erworben hatte, verließ ich das Unternehmen des Herrn Perl. Das war, als ich durch einen Freund einen Handwerker traf, dessen Gesundheit angegriffen war und der in einem unglaublichen Durcheinander arbeitete. Er hatte zunehmend Schwierigkeiten mit der Umstellung des Marktes auf Friedensbedingungen und stieß auf eine immer aggressiver werdende Konkurrenz. Dazu kamen noch neue und strengere Steuervorschriften nach dem Kriege. Um diese wenig vorteilhafte Lage zu vervollständigen, musste er seine Werkstatt räumen, die in dem Sanierungsgebiet Belleville lag.
Trotz aller dieser widrigen Umstände war ich bereit, mit ihm eine Geschäftspartnerschaft einzugehen, weil ich für die Verarbeitung von Plastikmaterialien, mit der sich sein Betrieb beschäftigte, vielversprechende Aussichten vorhersah. Während einer langen und harten Zeit arbeitete ich mit aller Kraft daran, dass wacklige Unternehmen wieder auf die Beine zu bringen und in eine gute Marktposition zu führen. Durch die Unterstützung, die die Regierung mittleren und kleinen Unternehmen gewährte, erhielt ich ein Darlehen, um mich in der Provinz niederzulassen. Man wollte das produzierende Gewerbe damit ermuntern, sich außerhalb von Paris anzusiedeln. Mit der Hilfe von André Rossi, dem Abgeordneten des Bezirks Aisne, erwarb ich ein Gelände in einem Weiler in der Nähe der Stadt Soissons, der ihm besonders am Herzen lag. Diese kleine Ortschaft drohte langsam auszusterben, weil die Einwohner in die großen Städte abwanderten. Es gab im Umkreis von zwanzig Kilometern kein einziges Industrieunternehmen und die Landwirtschaft benötigte immer weniger menschliche Arbeitskraft.
Auf dieser Fläche ließ ich eine geräumige Werkhalle bauen und stellte bald auch zwanzig Arbeiter ein. Damit machte ich einen Anfang bei der Lösung des Problems der regionalen Arbeitslosigkeit. Nach fünfunddreißig Jahren harter Arbeit ist die anfängliche Werkstatt zu einer Fabrik geworden, die sich aus verschiedenen Gebäuden zusammensetzt und eine Belegschaft von mehr als 350 Personen hat. Als einen Indikator für das wirtschaftliche Wachstum könnte man die Tatsache anführen, dass es am Anfang nur einen bescheidenen überdachten Fahrradabstellplatz gab, der sich nach und nach in einen Parkplatz für Dutzende von Autos verwandelte.
Die französische Gesellschaft hat sich während der entsprechenden Jahrzehnte beachtlich entwickelt, es waren die „Trente Glorieuses“, die dreißig fetten Jahre Frankreichs.
In vielerlei Hinsicht waren diese Jahre für mich persönlich sehr bereichernd. Endlich konnte ich meine technischen Kenntnisse mit Gewinn einsetzen und ununterbrochen neue hinzu gewinnen, was ich leidenschaftlich gerne tat. Aus den kleinen mit der Hand zu bedienenden Maschinen der Anfangszeit wurden mit den Jahren riesige elektronisch gesteuerte Fertigungsautomaten.
Im Rahmen meiner Tätigkeiten war es mir gegeben, Menschen unterschiedlicher Herkunft kennen und schätzen zu lernen. Ich fühlte mich meinen Beschäftigten nahe. Die Beziehungen beruhten durchaus auf Gegenseitigkeit. Für mich, der ich mit sechszehn Jahren aus der Gesellschaft ausgestoßen worden war, von der Polizei festgenommen wurde, um in eine brutale Gegenwelt gesteckt zu werden, aller Menschlichkeit beraubt, war das immer ein wichtiges Anliegen. Ich habe mich stets geweigert, denjenigen mit denen ich alltäglich Umgang hatte, mit demselben Vorbehalt zu begegnen, mit dem mir Jahre zuvor begegnet worden war. Ich hätte auf immer meine Illusionen verlieren können, aber nach meiner Rückkehr musste ich bald genug wieder lernen offen zu sein und den Menschen Vertrauen entgegen zu bringen.
Als ich die Fabrik 1990 abgab, war sie ein blühendes Unternehmen. Es war nicht ohne Wehmut, dass ich meinem Nachfolger das Ergebnis einer wirklichen beruflichen Erfolgsgeschichte übertrug.
Anick, unsere einzige Tochter kam 1954 zur Welt. Ihre Geburt war für uns eine ungeheuer große Freude. Sie war ein prächtiger Säugling. Auf einem von mehreren Photos, die ich einige Monate nach ihrer Ankunft gemacht habe, scheint sie mich bereits anzulächeln.
Später hörte Anick neugierig den Gesprächen mit unseren Freunden zu. Ihr Zimmer lag direkt neben unserem Wohnzimmer. Ich machte mir Sorgen, denn sie konnte alles Mögliche aus unseren Unterhaltungen aufschnappen, die sich oft genug um die Lager, den Krieg und entsprechende Ereignisse drehten, die uns allen noch so nahe waren. Gerne hätte ich unseren seelischen Ballast von unserer Tochter ferngehalten. Ich fürchte aber, dass Anick als Kind der zweiten Generation (der Verfolgten) nicht völlig unbelastet bleiben konnte.
Wie für viele Eltern, war unser Baby für uns das schönste der Welt. Anick war unkompliziert. Wir schleppten sie in einem Tragekorb mit, wo immer wir hingingen. Bei Freunden schlief sie, und wenn wir – oft spät in der Nacht – heimkehren wollten, hob sie ihr Köpfchen, lächelte uns an und schlief wieder ein. Sie wurde ein absolut bewundernswertes kleines Mädchen und sie war wirklich hübsch.
Regelmäßig gingen wir Sonntags auf den großzügigen Alleen des Parks von Bagatelle spazieren. Es herrschte dort eine ganz besondere Atmosphäre. Autos mussten vor den Gittern stehen bleiben und so konnte unser Kind herumlaufen, wo es wollte, die wunderhübschen Blumen bewundern und die Blumenbeete, die je nach Jahreszeit bepflanzt wurden. Einzige Unannehmlichkeit: unser Lieblingsplatz, an dem wir gerne einen kleinen Imbiss einnahmen, war zeitweise von aufdringlichen Wespen besetzt, die sich über die Marmeladengläser und die Kuchenstücke hermachten.
An einem dieser schönen Sonntage kam eine junge Touristin mit einem Photoapparat in der Hand auf uns zu und fragte:
„Welch ein hübsches kleines Mädchen! Sie erlauben, dass ich es photographiere?“
Anick, die noch keine vier Jahre alt war, posierte auf das Anmutigste und fragte am Ende der Photosession:
„Ist es schon zu Ende?“
Die umstehenden Leute lachten belustigt und wir, die wir uns das verkneifen mussten, fühlten uns über die Maßen geschmeichelt. Ich muss zugeben, dass Anick das Glück hat, ihrer Mutter auf das vorteilhafteste zu gleichen und dass sie denselben Charme besitzt.
Für ihr Alter sprach sie viel und erstaunlich gut. Sie liebte es, an das Telefon zu gehen, wenn wir nicht da waren, was ihr verboten war. Eines Tages rief ich zu Hause an, und unüberhörbar war es Anick, die den Hörer abnahm und wie gewöhnlich begann, in aller Ausführlichkeit über die Ereignisse des Tages zu plaudern.
Als ich am Abend aus dem Büro heimkam, fragte ich sie:
„Nun, meine liebe Anick? Du hast aber schnell vergessen, dass ich dir verboten habe anstelle von Nono (diesen Namen hatte sie unserer Hausangestellten gegeben) ans Telefon zu gehen?“
„Nein Papa, ich habe es nicht vergessen, aber ich wusste doch, dass du es bist.“
„Wie konntest du das wissen, ohne vorher mit mir gesprochen zu haben?“
Unschuldsvoll sah sie mich mit großen Augen an. Dann antwortete der kleine Racker:
„Weil es so lieb geklingelt hat...“
Ich kapitulierte vor ihrem Charme und konnte ihr nicht länger böse sein.
Es schien mir angebracht, diesem Bericht auch einige kleine Geschichten aus meinem ungewöhnlich harmonischen Familienleben hinzuzufügen. Natürlich ist Mutter oder Vater zu werden keine besondere Heldentat. Aber für uns Überlebende der Shoah bedeutet Kinder zu haben die Vervollständigung unseres Überlebens.
Unser jetziges Leben wird durch das Dasein von Anick, ihrem Ehemann Lucien und ihrem Sohn Adrien-Benjamin bereichert. Die Geburt meines Enkels Adrien-Benjamin am 18. Dezember 1989 war ein besonders glückliches Ereignis. Es war bewegend wie immer, wenn der Fortbestand einer Familie gesichert wird. Aber es ist selbst in solchen Augenblicken unmöglich, nicht an die Tragödien zu denken, die unsere Generation erlitten hat. Man fragt sich, auf welche Art und Weise man verhindern kann, das derartiges wieder geschieht.
Anlässlich der Beschneidung von Adrien-Benjamin wurde mir bewusst, dass ich durch den Zufall der Abstammung das letzte Familienmitglied meiner Linie war. Sicher ist das von recht eingeschränkter Bedeutsamkeit, aber es führt doch zu Gedanken, die man sich so im Herbst des Lebens macht.
Die Erinnerung an seine Großeltern sind von nun an in den Händen meines Enkels Adrien-Benjamin. Ich vertraue ihm. Er wird sie auf seine Art und Weise zu bewahren wissen und dieser Bericht wird vielleicht dazu beitragen.
Von 1963 bis 1965 fand in Frankfurt am Main der große Auschwitz-Prozess statt. Angeklagt waren SS-Führer, SS-Unterführer, SS-Ärzte und als einziger Häftling der mir nur zu gut bekannte Emil Bednarek, ehemaliger Kapo im Strafblock in Birkenau. Als solcher war er für eine Vielzahl krimineller Handlungen persönlich verantwortlich. Er hatte die Evakuierungen und das Kriegsende überlebt. In Schirnding / Oberfranken (nahe der tschechisch-deutschen Grenze) wähnte er sich in Sicherheit. Dort führte er die Bahnhofsgaststätte. Unter den Kameraden erzählte man sich, dass er seinen Lebensunterhalt verdient habe, in dem er auf dem Bahnhof belegte Brote und heiße Würstchen an die Reisenden verkaufte, während die Züge Aufenthalt hatten. Bednareks Stimme blieb selbst denen, die sie nur ein einziges Mal gehört hatten, unvergesslich. So hieß es, dass ihn ehemalige Häftlinge aus Polen erkannt hätten, als sie ihn auf dem Bahnhof hörten. Wochen später wurde er von Stanislaw Klodziński, einem der früheren Häftlingskrankenpfleger im Stammlager Auschwitz, identifiziert. Klodziński informierte die Staatsanwaltschaft in Frankfurt, was letztlich zu der Verhaftung Bednareks führte.
Im Januar 1965, am 126. Verhandlungstag in der Strafsache gegen Mulka und andere, wurde ich vor dem Schwurgericht in Frankfurt als Zeuge gegen Emil Bedanrek gehört. Ich sagte auch über die Firma Siemens-Schuckert aus, die die Arbeit von KZ-Häftlingen ausgebeutet hatte. Einer der Verantwortlichen vor Ort, der Ingenieur Kurt Bondzius, suchte Sklaven aus - unter denen auch ich mich befand -, und veranlasste ihre Überstellung in das Arbeitslager von Birkenau, genauer gesagt den Block 11, das Strafkommando. Dort waren sie der Willkür des Kapos Emil Bednarek ausgeliefert (wie bereits beschrieben). Ich berichtete über Einzelheiten des unmenschlichen Verhaltens Bednareks und seinen besonderen Eifer uns zu vernichten. Die zahlreichen Todesfälle unter uns sorgten dafür, dass Bondzius regelmäßig neue „Facharbeiter“ auswählen musste, als Ersatz für die „Verschwundenen“. Es ist offensichtlich, dass Kurt Bondzius wusste, welcher Behandlung wir im Arbeitslager ausgesetzt waren und welche Haltung Bednarek uns gegenüber einnahm.
Doch bei dem Prozess ging es nicht um Kurt Bundzus. Er war selber nur als Zeuge geladen und schilderte bei seiner Aussage am 18. Februar 1965 die Bedingungen im Lager Bobrek als nahezu idyllisch. Was ich zu dem Thema zu sagen hatte, war nicht dazu angetan, der Firma Siemens zu gefallen, noch weniger dem Oberingenieur Bondzius. Ich hatte ihn als SS-Mann eingestuft, weil er eine Uniform trug und den Wachleuten Anweisungen erteilen konnte. Er versicherte, dass er eine normale Wehrmachtsuniform getragen hätte, seine Aufgabe wäre die Bereitstellung ausländischer Arbeitskräfte gewesen. Nie habe er der SS angehört.
Nach unserer Befreiung hatten einige unserer Kameraden und auch ich die Vermutung angestellt, dass Kurt Bondzius vielleicht gewisse Risiken eingegangen wäre, um uns zu retten. Ich wünschte mir das von Herzen... Vielleicht hatte es dann doch einen guten Menschen gegeben in dieser Welt der Mörder? Um dieser Möglichkeit nachzugehen, vereinbarte ich ein Gespräch, an dem auch der ehemalige Werkmeister in Bobrek, Georg Hanke, teilnahm. Nachdem ich die Umstände meiner Anwerbung ins Gedächtnis gerufen hatte, fragte ich Bondzius, ob er denn nicht bemerkt hätte, dass weder ich noch die meisten meiner Kameraden die von ihm geforderte Qualifikation tatsächlich besaßen.
„Natürlich, ich erinnere mich ganz genau.“
„Was war denn dann der Gesichtspunkt, nachdem Sie ihre Auswahl getroffen haben? Können sie mir Gründe für ihre Entscheidungen nennen?“
Mit erstaunlicher Offenheit erklärte er mir:
„Ich habe sie nicht wegen dem, was sie waren ausgewählt, sondern wegen dem, was ich aus ihnen machen konnte. Und ich habe mich nicht geirrt, weil sie alle gute Arbeiter geworden sind.“
Die schwache Hoffnung die ich gehabt hatte, in ihm einen aufrechten Mann zu treffen, machte einer großen Enttäuschung Platz. Er war, wie er selber erneut bewiesen hatte, nichts als ein gewöhnlicherer Handlanger des „3. Reiches“ gewesen und sich der schwerwiegenden Folgen seiner Entscheidungen für den einzelnen Häftling anscheinend nicht bewusst, zumindest fühlte er sich nicht verantwortlich.
Bei unserer Verabredung überreichten Bondzius und Hanke mir Fotos, die in den Fabrikationshallen in Bobrek gemacht worden waren. Ich erkannte mich selber wieder und auch meinen Freund Se'ew. Es sind sehr seltene Aufnahmen. Natürlich freute es mich, die Bilder zu bekommen Es befremdet aber, dass – nicht nur in diesem Fall – die Deutschen Gefallen daran fanden, ihre Opfer zu fotografieren und diese Beweise ihrer Verbrechen wie Trophäen herumzureichen, wenn sie wieder in ihren Wohnzimmern saßen.
Die von den Alliierten angestrengten Prozesse in Nürnberg erreichten die Verurteilung und die Bestrafung einer kleinen Zahl von Nazi-Verbrechern, darunter Figuren wie Hermann Göring und Heinrich Himmler. Aber wie viele Schlächter haben es geschafft, durch die viel zu großen Löcher im Netz der Justiz der Sieger und – später – der Besiegten zu schlüpfen? Wie viele haben ihr Leben als ehrenhafte Bürger beendet und starben friedlich in ihren Betten, umgeben von ihren Familien und ohne das geringste Schuldgefühl? Dokumenten aus dem SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt (Akten heute im Bundesarchiv in Berlin) zur Folge, umfasste die SS in den Konzentrationslagern im Januar 1945 etwa 40 000 Personen, davon knapp 10% weibliches Wachpersonal. Es ist offensichtlich, dass von diesen 40 000, unseren täglichen Peinigern, nur eine verschwindend kleine Minderheit überhaupt nach ihrer Verantwortung gefragt wurde.
Bednarek, der als Häftling nur ein besonders willfähriges Werkzeug der SS war, wurde zu einer relativ milden Strafe verurteilt.
Der Prozess in Frankfurt war für die Überlebenden nicht nur die Gelegenheit, ihre Erlebnisse öffentlich zu machen und die Anklage zu unterstützen, sondern auch ein Anlass vieler bewegender Wiederbegegnungen mit anderen ehemaligen Häftlingen. Seit jenem Treffen haben wir, die Sklaven von Bobrek, uns erneut in alle Himmelsrichtungen verteilt. Viele leben in der französischen Provinz, andere im Ausland, wo sie eine neue Familie gegründet haben. In Paris blieben nur wenige. Die ehemaligen Deportierten sind Mitglieder verschiedener Organisationen, wie ich selber auch. Wir treffen uns, um mit unseren Erinnerungen nicht alleine zu sein, unserer toten Kameraden zu gedenken und zunehmend auch um die Arbeit von Gedenkstätten innerhalb und außerhalb Frankreichs zu unterstützen.
Besonders wichtig ist mir persönlich die Förderung einer der größten Erinnerungsorte in Israel. In der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem werden vielfältige Erinnerungen aufbewahrt. Dort befinden sich mehrere Museen, Archive und Mahnmale. Es gibt eine Straße, die mit Bäumen gesäumt ist unter denen Schilder mit den eingravierten Namen derer stehen, die man zu „Gerechten der Völker“ ernannt hat. Sie werden so genannt, weil sie unter Einsatz ihres eigenen Lebens, das anderer gerettet haben. In einer Bibliothek ist die Geschichte jedes dieser Menschen aufgezeichnet. In einem Informationssaal stehen für Besucher und Forscher Computer bereit, die eine höchstmögliche Anzahl von Hinweisen und Auskünften zur Verfügung stellen. Im Mai 1985 fand in Yad Vashem eine Erinnerungsfeier zum 40. Jahrestag der Niederlage der Nazis statt. Fünftausend Überlebende aus der ganzen Welt kamen. Das Treffen verlief in vollkommener Harmonie.
Der Umgang mit der Geschichte des Zweiten Weltkrieges ist in Frankreich nicht ohne Probleme gewesen. Mein Bericht zeigt, dass ohne die Zuarbeit französischer Behörden, insbesondere dem Eifer einzelner Polizeibeamter, meine Deportation eventuell gar nicht stattgefunden hätte. Wenn sich ein Einzelner aus Gewissensgründen weigerte, so ist dieses eine Ausnahme, die hervorgehoben gehört. Das Entlassungsgesuch von Philippe Jean, einem Polizeikommissar im 7. Revier der Stadt Toulouse, vom 13. Januar 1943 ist ein Zeugnis ungewöhnlicher Charakterstärke.
„Sehr geehrter Herr Polizeipräsident!
In den vergangenen Jahren hatte ich die Ehre ihren Anordnungen folgen zu dürfen; ich hatte die Vorstellung damit meinem Land zu dienen. Heute – nach eingehender Gewissensprüfung – bin ich zu der Einschätzung gekommen, dass mir meine Aufgaben von einer fremdbeherrschten Verwaltung zugewiesen werden, die sich in die Niederlage ergeben hat.
Da ich zu loyal bin, um Sie zu hintergehen, scheint es mir folgerichtig, dass es mir nicht mehr möglich ist, ihnen meine Ergebenheit zu versichern.
Vielleicht antworten Sie, dass ich durch einen Eid gebunden bin, den ich freiwillig geleistet habe. Diesen Eid habe ich auf ein Staatsoberhaupt abgelegt, das Frankreich verkörperte. Tatsächlich ist es Frankreich, und allein Frankreich, dem ich die Treue geschworen habe. Es liegt bei ihnen zu beurteilen, ob ich, in dem ich die Seiten wechsele, mein Vaterland im Stich lasse oder verrate.
Soweit es mich betrifft, kenne ich nur einen Weg, den der Pflicht.
In ihrer Eigenschaft als Vorgesetzter werden sie mich vielleicht tadeln und bestrafen, aber ich habe die innere Überzeugung, dass sie mich mit dem Herzen eines Soldaten verstehen werden.
Ich richte diese Abschiedsworte an den Oberst, den Legionär, mit der heimlichen Hoffnung, dass die Zukunft es mir erlauben wird, wieder unter ihrem Befehl zu dienen, aber es sollte gemäß meinen moralischen Werten sein und dem einzigen Gesetz, das ein Franzose gelten lassen kann: dem der Ehre.
In dem ich ihnen meine Dankbarkeit für ihre wohlwollende Führung ausdrücke, die sie mir gegenüber stets bewiesen haben, bitte ich Sie, Herr Oberst, den Ausdruck meiner Hochachtung entgegenzunehmen.
Unterschrift: Philippe.“
Jean Philippe, wurde seines Dienstes enthoben, als Widerstandskämpfer deportiert und in Deutschland erschossen. Er wurde nach seinem Tod mit der wohlverdienten Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern“ bedacht. Es ist offensichtlich, dass nicht sehr viele Franzosen den Mut oder die Würde des Kommissars Jean Philippe hatten. Bis zum Januar 2003 sind mit dem Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ 19 706 Menschen durch den Staat Israel ausgezeichnet worden, darunter nur 2 262 Französinnen und Franzosen.
Der französische Präsident Jacques Chirac hat anläßlich des Gedenkens an die „Rafles de Vel-d'Hiv“ am 15. Juli 1985 eine Erklärung abgegeben, in der es um die Verantwortung des französischen Staates und einiger Franzosen für die Festnahmen und die Deportationen von Juden aus Frankreich geht. Ich sah mich veranlasst, ihm dafür meine Anerkennung auszudrücken, schließlich war es das erste Mal seit 53 Jahren, dass ein französisches Staatsoberhaupt zu den Ereignissen eine kritische Stellungnahme abgab. In dem Antwortschreiben aus dem Präsidialamt wurde noch einmal festgehalten, dass es inakzeptabel bliebe, dass Franzosen den Verbrechen des Nazi-Regimes zugearbeitet hätten und dass derartige Fehler im Namen des französischen Staates begangen worden wären.
Mit dem verstärkten öffentlichem Auftreten der Leugner des Judenmordes, der Revisionisten, die behaupten, es wäre alles ganz anders gewesen, und anderer Geschichtsfälscher, entstand in mir der Wunsch, über meine Erlebnisse zu berichten. Seit mehreren Jahren gehe ich in Schulen und Studienzentren, stelle mich als Zeitzeuge zur Verfügung, teile mit den Schülerinnen und Schülern meine Erinnerung und erzähle ihnen so behutsam wie möglich meine Geschichte.
Das Alter meiner Zuhörerschaft entspricht dem, das ich während der Deportation hatte. Es ist den Jugendlichen bewusst und sie sind deswegen in besonderer Weise angesprochen, aufmerksam und meistens auch bewegt. Während meiner Berichte achte ich darauf, den jungen Zuhörern zu vermitteln, dass die Juden nicht die Einzigen waren, die der Unterdrückung durch die Nazis unterlagen. Es gab zum Beispiel auch die Zigeuner, die slawischen Völker und die politische Opposition in Deutschland und in den von den Deutschen besetzten Ländern Europas. Keinesfalls möchte ich aber, dass die Schülerinnen und Schüler den Eindruck gewinnen, dass ich sie zu irgendetwas bekehren wolle.
Innerhalb von zwei oder drei Stunden über die sieben Jahre von Wien nach Auschwitz zu erzählen, von 1938 bis 1945, vom Anschluss Österreichs bis zur Befreiung, ist keine leichte Übung. Aber die Anstrengung dieser Begegnungen werden durch die Briefe und Zeichnungen reichlich ausgeglichen, die ich von den Kindern und Jugendlichen erhalte. Es gibt viele drängende Fragen, die mir gestellt werden. Sie stammen nicht notwendigerweise von den älteren Schülern. Es sind eher die Jüngeren, die treffende und mitfühlende Fragen finden.
Um einen Einblick in das zu gewähren, was Schülerinnen und Schüler heute angesichts meiner Erfahrungen am meisten bewegt, möchte ich an dieser Stelle die sechs am häufigsten gestellten Fragen und meine Antworten wieder geben.
1 Welche Schlussfolgerungen haben Sie aus Ihrer Vergangenheit gezogen?
— Aus meiner persönlichen Erfahrung bin ich überzeugt, dass die Shoah nicht eine der vielen Verfolgungen war, wie sie die Juden aus der Geschichte kannten. Sie war etwas völlig Neues, etwas Einzigartiges, was es noch nie vorher gegeben hatte: der Versuch ausnahmslos alle Juden mit den modernsten Produktions- bzw. Vernichtungsmethoden zu ermorden.
In Auschwitz (und den anderen Vernichtungslagern) sind die Illusionen, die die westliche Zivilisation in sich barg, zerbrochen. Alles was bis dahin menschlich, edel und gerecht erschien, verschwand in diesem Abgrund des Nichts. Auschwitz steht für den Durchbruch dessen, was es nicht geben darf. Es war der Ort, an dem die Menschlichkeit keinen Sinn mehr machte.
Die wichtigste Schlussfolgerung ist natürlich, dass sich so etwas nicht wiederholen darf. Mit aller meiner Kraft werde ich aus diesem Grund auch den Staat Israel verteidigen. Er ist die einzige Garantie, dass es für Juden einen Zufluchtsort gibt, zu denen ihnen der Zugang niemals verweigert werden wird.
2 Reagieren Sie unter bestimmten Umständen den Erfahrungen aus dem Lager entsprechend?
— Ich selber würde dies mit einem klaren Nein beantworten, wenn damit gemeint ist, dass ich Eigenarten angenommen haben könnte, die für das Überleben im Lager von Nutzen waren, wie beispielsweise Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Gewissenlosigkeit, Unterwürfigkeit oder Speichelleckerei und dass ich mich gelegentlich entsprechend verhalten würde.
Mein Eindruck ist eher, dass ich die Feuer-, Wasser- und Kälteprobe bestand, mein bisheriges Leben hinter mir ließ, um eine spätere Wiedergeburt erleben zu können. Meine Seele gewann also durch eine dramatische und extreme Erfahrung, die ich weder gesucht noch auf andere Art selber herbeigeführt hatte. Wiedergeburt heißt aber auch, dass sich mein Charakter nicht grundlegend geändert hat. Vielleicht ist mir deswegen auch immer wieder das begegnet, was mir das Überleben ermöglichte: Hilfsbereitschaft, Freundschaft und Solidarität.
3 Verspüren Sie gegenüber den Deutschen Hass?
— Soweit es den Hass betrifft, so entspricht auch dieser mehr einem Charakterzug, als er das Ergebnis einer noch so schlechten Erfahrung sein könnte. Hasserfüllte Menschen sind unglücklich und sie bleiben es, selbst, wenn ihr Hass für kurze Zeit befriedigt wird. Ich bedauere sie. Die jüdische Religion gebietet, genauso wie die christliche, seinen Nächsten zu lieben. Man könnte zur Erläuterung sagen, dass einen anderen zu lieben bedeutet, sich selbst zu lieben. Einen anderen zu hassen, kann konsequenterweise nichts anderes erzeugen als Selbsthass. Wenn ich heute noch Hass in mir tragen würde, hätte ich das Gefühl den SS-Leuten zu ähneln. Das ist für mich unvorstellbar.
Der Nationalsozialismus hat mit seiner Lehre des Hasses, des Neides und der Missgunst, seiner rassistischen Erziehung und seinen Propagandalügen das Gefühl für Moral und das Bewusstsein der Menschenwürde einer ganzen Generation verdorben und ausgelöscht. Er hinterließ den kommenden Generationen ein sehr schweres Erbe — nicht nur, aber besonders in Deutschland.
4 Können wir Ihre Tätowierung sehen?
Die Frage nach der Tätowierung wird meist schüchtern und etwas verschämt gestellt. Natürlich zeige ich meine Tätowierung, aber es sticht mit jedes Mal ins Herz.
5 Haben Sie es je bedauert, als Jude geboren worden zu sein?
— Durch meine Erziehung habe ich ein starkes jüdisches Bewusstsein entwickelt. Auch in den furchtbarsten Momenten habe ich niemals ein Bedauern empfunden, Vorbehalte gehabt oder gar meine Herkunft verleugnet. Indessen kam für die assimilierten (an die Mehrheitsgesellschaft angepassten) Juden, die ihre jüdische Identität ablehnten oder gar verleugneten, zu dem ganzen Elend noch ein weiteres hinzu: es war ihnen nicht klar, dass sie mitunter auf der gleichen Stufe standen wie die Antisemiten.
6 Glauben Sie an Gott?
— Der Frage nach dem Glauben an Gott nach Auschwitz bleibt offensichtlich bestehen und die Antwort darauf ist schwierig. Ich kann darüber nur als ein Mensch sprechen, der fast drei Jahre lang dort gewesen ist und seinen Glauben nicht verloren hat. Ich habe gesehen, dass sehr fromme Menschen ihren Glauben nach ihrer Ankunft im Lager verloren und andere ihn im Gegenteil wiederfanden. Als Schlussfolgerung könnte man sagen: Wenn es möglich war, in Auschwitz an Gott zu glauben, ist es auch möglich, nach Auschwitz an Gott zu glauben.
Zu diesem schwierigen Punkt möchte ich ältere Jugendliche und Erwachsenen gerne zur Lektüre des Essays „Der Gottesbegriff nach Auschwitz: eine jüdische Stimme“ von Hans Jonas anregen (Frankfurt/Main 1987). Einer der Kerngedanken bei Hans Jonas ist, dass Gott dem Menschen alles gegeben hat, indem er sich in die werdende Welt hineinbegab, und dass es nun Sache des Menschen sei, Gott zu geben. Zu ähnlichen Überlegungen kam eine junge jüdische Frau, bevor sie nach Auschwitz deportiert wurde.
Etty (eigentlich Esther) Hillesum hatte sich freiwillig als Mitarbeiterin des „Judenrates“ in Amsterdam gemeldet. Ende Juli / Anfang August 1942 bekam sie eine Art Anforderung für das Durchgangslager Westerbork, um dort bei der Organisation der Transporte zu helfen. Im September 1943 wurde sie, gemeinsam mit einem Bruder und ihren Eltern, nach Auschwitz deportiert. Das Todesdatum von Esther Hillesum ist der 30. November 1943. Ihre Tagebücher aus den Jahren 1941 und 1942 blieben erhalten, wurden jedoch erst spät veröffentlicht – in Deutschland zum ersten Mal 1983.
Angesichts der sich steigernden Bedrohung wird der Gegenstand ihrer Tagebuchaufzeichnungen mehr und mehr religiös. Esther Hillesum schuf sich einen persönlichen Gottvater jenseits konventioneller jüdischer (und christlicher) Vorstellungen eines All-Mächtigen. Ihr Gott ist jemand, dem sie Versprechen gibt, von dem sie aber nichts erwartet, und von dem sie nichts verlangt. Im Wissen um das harte Schicksal, dass ihr bevorstand, bewies sie eine erschütternde Demut. Am 12. Juli 1942 schrieb sie in ihrem „Sonntagsgebet“:
„Ich will Dir helfen, Gott, dass Du mich nicht verlässt, aber ich kann mich von vornherein für nichts verbürgen. Nur dies Eine wird mir immer deutlicher: dass Du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir Dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das einzige, auf das es ankommt: ein Stück von Dir in uns selbst zu retten. [...] Und mit fast jedem Herzschlag wird mir klarer, dass Du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir Dir helfen müssen und Deinen Wohnsitz Ort in unserem Innersten bis zum Letzten verteidigen müssen.“ (Das denkende Herz: die Tagebücher von Etty Hillesum 1941 – 1943, hrsg. und eingeleitet von Jan Geurt Gaarlandt, Reinbek bei Hamburg 2002, S. 149).
Erst nach dieser Lektüre und nach ernsthaftem Nachdenken schlage ich vor, dass jeder in seiner eigenen Seele und vor seinem eigenen Gewissen nach der Haltung forschen soll, die ihm richtig erscheint — falls den Fragenden das Problem „Wo war Gott in Auschwitz?“ wirklich beschäftigt.
Eine Geschichte aus meinem Bekanntenkreis, zeigt wie vielschichtig das Problem sein kann und welche widersprüchlichen Gefühle es hervorruft. Mit einem meiner sehr engen Freunde, einem Überlebenden, der vor kurzem gestorben ist, diskutierte ich oft die Frage, wie es mit Gott nach Auschwitz stünde. Auch wenn wir im Großen und Ganzen stets der gleichen Meinung über die meisten Dinge waren, so waren wir uns immer uneins, wenn es um Gott ging. Mein Freund, der normalerweise ruhig und ausgeglichen war, ereiferte sich jedes Mal und sprach von Gott mit einer Entschiedenheit, in der ich ihn kaum wiedererkannte.
Es überraschte mich nicht zu erfahren, dass sein Testament ausdrücklich festlegte, dass er verbrannt werden sollte, was nach den Regeln der jüdischen Religion untersagt ist. Zur gleichen Zeit wünschte er aber unbedingt die Anwesenheit eines Rabbiners, der das Totengebet sprechen sollte...
„Alle Überlebenden sollten ihre Geschichten aufschreiben,“ sagte Elie Wiesel, ein Überlebender, der selber sehr viel geschrieben hat, eines Tages zu mir. In dem Augenblick habe ich den Grund seines Vorschlages nicht verstanden. Ich stellte mir nur die Berge der Bücher vor, die über die Shoah bereits geschrieben worden sind. Was konnte diese dringende Aufforderung rechtfertigen? So viele schon geschriebene Bücher, so viele veröffentlichte Meisterwerke, reichte das etwa nicht?
Ich stellte mir vor, dass diese Mahnung einen religiösen Grund haben könnte. Ich dachte an die Weisung, wie sie in der Thora steht: „Schreibt euch also folgenden Gesang auf, lehrt ihn die Kinder Jisraels...“ (Deuteronomium 31,19).
Erst als ich meinen eigenen Bericht schrieb, verstand ich allmählich die Aufforderung Elie Wiesels. Es geht darum eine Bibliothek zu errichten, die so groß ist, wie die Tragödie der Shoah. So schmerzlich das auch sein mag, so nutzlos es auch erscheinen kann, vor allem wir, die Überlebenden, Zeugen des Unbeschreiblichen, können einen Beitrag zu dieser großen Herausforderung leisten. Jeder Fall, den wir darstellen, ist einzigartig in seinen Erfahrungen, und jeder Bericht ist es auch. Vielleicht könnte die Sammlung dieser Berichte eines fernen Tages dem Kanon der Bücher hinzugefügt werden, die den Kindern Israels als Erinnerungs- und Lehrbücher dienen.
Deswegen war es notwendig, dass ich dieses Buch schrieb. Ich musste dem Aufruf folgen, trotz aller Schwierigkeiten, die mir begegneten und obwohl ich befürchtete, ein Mal zu viel das zu wiederholen, was andere vor mir schon so gut beschrieben hatten. Die Shoah aus meiner persönlichen Anschauung zu schildern, hat mir eine gewaltige Anstrengung abverlangt. Das Schreiben ist nie mein bevorzugtes Ausdruckmittel gewesen.
Ich verlor mich zwischen Anfällen unvermittelt auftretender Unruhe und dem Nachdenken über Fragen, auf die ich keine eindeutigen Antworten fand. Dabei erinnerte ich mich an die Geschichte von dem armen Mann, der nicht lesen und nicht schreiben konnte, und der gerade mal das Alphabet beherrschte.
Eines Tages saß er an einem Ort des Gebetes. Er sagte mit Eifer das einzige auf, dass er aufsagen konnte: das Alphabet. Sein Nachbar, ein wohlgenährter und gut gekleideter Bürger hörte ihn und forderte ihn auf, Gott nicht weiter mit solchem Unsinn zu belästigen. Der Bürger sagte ihm, dass er der Hilfe Gottes dringend bedürfe, da er gerade bei Verhandlungen sei, das Geschäft eines Mitbruders zu kaufen und ein erfolgreicher Abschluss würde ihn zum größten Kaufmann des Landes machen.
Der arme Kerl wusste in aller Demut um die Unzulänglichkeit seiner Gebete. Aber weil er die gebräuchlichen Gebete nicht kannte, so erklärte er dem reichen Händler, würde Gott in seiner unendlichen Güte schon die Buchstaben richtig sortieren. Er würde die richtigen Worte finden, dann die richtigen Sätze und so die Gebete wiedererkennen.
Meinen Bericht möchte ich gerne mit einer anderen chassidischen Geschichte beschließen:
Eine Bande von Kosaken fiel über die Dörfer her, in denen Juden wohnten. Eines nach dem anderen wurde von den Gewalttaten betroffen: Vergewaltigungen, Morde und Zerstörungen.
Als sich die Kosaken ihrem Dorf näherten, stürmten alle Einwohner eines bestimmten Ortes in die Synagoge — der Rabbiner voran. Er flehte zu Gott in seiner Allmacht; die Tränen mischten sich mit seinen Gebeten; er hoffte die Katastrophe abzuwenden. Sein Eifer wurde durch den Schrecken beflügelt. Die Dorfbewohner unterstützten ihn. Alle befürchteten, ihr letztes Stündlein habe geschlagen und stimmten in seine Gebete mit ein. Plötzlich hörte man aus dem hinteren Teil des Raumes einen entsetzlichen Schrei, einen Schrei, der einem eine Gänsehaut macht: es war ein Taubstummer, der den herzzerreißenden Laut ausstieß. Als er schwieg, setzte der Rabbi seine Gebete fort. Nun schien er aber getröstet zu sein und fast heiter.
Als die Andacht beendet war, trat einer der Honoratioren des Dorfes an ihn heran und fragte ihn nach dem Grund des plötzlichen Wandels.
„Das ist ganz einfach,“ sagte der Rabbi. „Ich war sehr beunruhigt über den Erfolg meiner Gebete. Ich war mir nicht sicher, ob Gott sie hören würde. Aber als der Taubstumme seinen fürchterlichen Schrei ausstieß, wusste ich, dass ich mir keinerlei Sorgen mehr machen musste, Gott kann ihn einfach nicht überhört haben.“
Vielleicht finden die Erinnerungsbücher, die noch von den ungeübten Autoren unter den Überlebenden der Shoah verfasst werden müssen, ihren Widerhall im kollektiven Bewusstsein, wie es der Schrei des Taubstummen in den Ohren Gottes tat. Von der Form her sind sie vielleicht nicht ganz perfekt, sie sind aber doch von einer derartigen Authentizität, dass es nicht anders geht: sie müssen beachtet werden.
Das Aufschreiben der Erlebnisse ist eine Sache. Solange es mir aber möglich ist, werde ich über die Shoah reden. Denn ich setze auf die Kraft der mündlichen Überlieferung und der persönlichen Ansprache: Was uns zu sagen gelingt, ist beständiger als das, was wir aufschreiben können.